Bücherlei Notate [<<]

Bereich: Selbsterlebensbeschreibung (8)


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Was anderswo oft untergeht, in Archiven verschwindet - beispielsweise Getwittertes - diese kleinen Notate sollen hier thematisch gesammelt werden. An dieser Stelle selbst Erlebtes, Gedachtes & Gefühltes.

  Daß ich ein Letterbox-Sydrom habe, erwähnte ich vor geraumer Zeit. Unfähig, den ganzen Papierkram eines Haushaltes und persönlichen Lebens reibungsarm zu verwalten. Mir scheint, mit zunehmendem Alter wird der Überblick erschwert. Hinzu kommt die Dependenz von elektronischen Erfordernissen. Mein Vermieter nötigt mich, eine Mieterapp zu installieren, damit ich die nunmehr monatliche Energiekostenbescheinigung nicht per Snailmail zugeschickt bekomme, wofür 85 ct zu den Nebenkosten gerechnet würden. Die Post, die bei Bankverkehr, den Bausparverträgen und dem Fondsdepot anfällt, läuft seit Jahren ausschließlich elektronisch. Einerseits ist das gut, weil ökologisch, andererseits stelle ich fest, daß ich früher beim rein papierbezogenen Schriftverkehr besseren Überblick hatte und ein sichereres Gefühl. Mir erscheint die bloße digitale Verwaltung so entscheidender Vorgänge, die die eigenen Finanzen und die Person betreffen, weniger nachvollzieh- und überschaubar. Begleitend stets das mulmige Gefühl, etwas zu übersehen oder zu verpassen UND etwas später nicht zur Hand zu haben, wenn man gezwungen wäre, einen Nachweis zu erbringen. Stringente Ordnung auf der Festplatte sowie die permanente Sicherheit aller Daten (auch in und für die Zukunft) ist anstrengender und erfordert Disziplin und Können, welches, wenn man ein Letterboxsyndrom hat, nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. (24.1.2022)

  Als mir eine Userin ein Kompliment zu dieser Webseite aussprach, vermerkte ich, daß sie lediglich das Relikt eines ehemaligen, zelebrierten Bücherlebens sei. Dabei fiel mir ein, daß das Leipziger Bücherlei heuer 26 Jahre alt wird und daß der Preis, den Oliver Gassner und ich 1997 erhielten, auch schon wieder 25 Jahre her ist. Ich erinnere mich noch gut, wie verloren Marion Gräfin Dönhoff in ihrer Eigenschaft als Mitherausgeberin der Wochenzeitung 'Die Zeit' herumsaß und so gar nicht wußte, worum es bei diesem Internet-Literaturpreis überhaupt ging. Und Iris Radisch fällt mir noch ein, mit der ich beim gemeinsamen Abendessen angeregt plauderte. (23.1.2022)

  Seit Juli 2017 kein Buch mehr gelesen. Der Wunsch nach Literatur war lange abgewürgt, erwacht jetzt zu neuem Leben. Hörbücher schienen eine Alternative, weil meine Augen nach der Laserung das Lesen von Büchern verunmöglichten. Noch zögernd robbe ich mich an Literatur heran und beginne mit zwei Hörbüchern: "Der Schimmelreiter" von Theodor Storm und "Frau Jenny Treibel" von Theodor Fontane. Bestenfalls gelingt dank Kindle und großem Schriftbild die Wiederannäherung ans gedruckte Buch. Ich möchte es anstreben; denn gelesene und gehörte Literatur unterscheiden sich wesentlich. Hörbücher sehe ich als Notbehelf an. Sie widerstreben mir eigentlich. Nur war der Appetit auf Literatur zuletzt so stark geworden, daß ich selbst in diesen sauren Apfel beißen will. Literatur - besser gehört als nicht gelesen! (22.1.2022)

  Retweet: Retten wir wenigstens die Bienen. Für uns sind wir zu doof.

  "Die Begier, Unheimliches zu schauen, hielt ihn noch fest." Gaffertum gab's also schon damals zu Schimmelreiterzeiten, glaubt man Theodor Storm.

  Schade, daß die Evolution es nicht hinbekommen hat, daß wir uns den ganzen Tag lange schadlos die Hucke vollsaufen können.

  "Ich bin ein von der Bauart her bis ganz tief drin unvernünftiger Mensch, der sich selbst am meisten wundert, dass er immer noch lebt und nicht schon längst irgendwo ungesichert runtergefallen ist." (der maschinist)

  Die Frage nach einer Löffelliste. Käme stark darauf an, wieviel Zeit man noch hat. Deswegen mehrere Listen bzw. eine Übersicht.

  Retweet: Mit dem Alter merkt man, was wirklich wichtig ist bei der Partnerwahl: der Beruf des Partners! Er sollte Physiotherapeut sein.

  Retweet: Mach kein Drama draus, du bist nicht Shakespeare.

  Retweet: Ich habe keine Hintergedanken. Ich bin ja schon froh, wenn ich die vorne auf die Reihe kriege.

  Den Tag, der auf eine oder mehrere Nachtschichten folgt, bezeichnen wir als Ausschlaftag. Offiziell ist er ein freier Tag. Dadurch daß man jedoch morgens aus der (letzten) Schicht kommt und schlafen muß, wacht man im besten Fall erst am Nachmittag auf. Stundenmäßig kommt das auf dasselbe hinaus, als hätte man einen Frühdienst absolviert. Fazit: der Tag ist für'n Arsch, zum einen weil man zeitmäßig nicht über einen kompletten Tag verfügen kann, zum anderen weil der Jetlag jede Unbeschwertheit hinwegfegt. Die meisten fühlen sich durchgemüllert und kommen erst am nächsten, also dem zweiten freien Tag richtig zu sich. Der Ausschlaftag ist eine Zumutung, weswegen ich ihn in meinen Aufzeichnungen konsequent als pseudofreien Tag kennzeichne.

  Retweet: Man wird gegen seinen Willen geboren und dann soll man auch noch freundlich sein.

  Als wir bis 23 Uhr zwei Zugänge bekommen hatten und eigentlich ganz anderen Aufgaben hätte nachgehen müssen, so daß sich naturgemäß die To-do-Liste auftürmte und drängender wurde, kam ich, nachdem wir auch noch drei Abgangsbetten geputzt hatten, damit wir die neuen Patienten überhaupt in ein Bett legen konnten, schweißgebadet ins Dienstzimmer. Ich: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß!" Dienstarzt: "Der Papierkram?" Ich: "Nein. Alles."

  Auf der Heimfahrt vom Spätdienst gestern spätabends in der Straßenbahn. An einer Haltestelle öffnet die Tür. Draußen versuchen zwei Leute, einen auf einer Wartebank Sitzenden hoch- und in die Bahn zu zerren. Dieser ist offensichtlich so betrunken, daß er zwar aus dem Sitz in den Stand gelangt, dann aber unversehens zusammenknickt und mit dem Körper gegen die Bahn fällt, der Kopf knallt gegen die Scheibe. Ich stürze zu den Dreien und versuche, den Hingefallenen aufzuhieven, allerdings vergeblich, weil: nasser Sack. Eine der ebenso betrunkenen Personen brüllt: "Hinein!" und zieht am Daliegenden herum. Brenzlige Situation, weil ich mit einem Bein in der Bahn bleiben muß, damit der Fahrer die Tür nicht schließt und ohne mich abfährt. Leider war ich selbst zu müde, um geistesgegenwärtig das Heft komplett in die Hand zu nehmen; denn ich hätte mit einem stabilen Griff unter die Arme den quasi Bewußtlosen durchaus in die Bahn bugsieren können. Als ich kurz rückwärts in den Fahrgastraum zurückging ging, nutzte es der Fahrer, schloß die Tür und wir rauschten ab. (9.1.2022)

  Ich habe ständig die Befürchtung, anderen auf den Geist zu gehen, es zu übertreiben mit meinen Impulsen, Ideen und Dingen, die ich ihnen übermittle, beispielsweise durch What's App. Während meines stationären Aufenthaltes sagte mir damals meine Therapeutin, daß schizoide Persönlichkeiten wie ich dieser Gefahr ausgesetzt sind, bisweilen in dem Bestreben, den Anschluß an andere nicht zu verlieren bzw. ihn wiederzuerlangen, überschießend zu reagieren und sie somit zu brüskieren, zu erschrecken oder gar zu vergraulen. Deswegen wurde ich in der vergangenen Zeit in meinen Augen immer zögerlicher, kann dies jedoch nicht objektivieren. Möglicherweise verhält es sich anders. Feedback wäre vonnöten. Wem gehe ich auf den Sack? Konkret: Wieviel Output ist anderen pro Tag zuträglich, wieviel darf ich raushauen? Momentan getraue ich mich kaum 1 Bild, 1 Videochen oder 1 Sprüchlein zu versenden und zucke doch stets mit der Angst zusammen, gehauen, gescholten oder geblockt zu werden. (8.1.2022)

  Retweet: Die wirklich lauten Kämpfe trage ich in aller Stille aus.

  Retweet: Ich bin so alt, bei uns gabs sogar noch den Glauben an eine bessere Zukunft.

  Retweet: Ich finde, die Borg könnten uns jetzt langsam mal assimilieren.

  Retweet: Zwischenmenschliche Beziehungen sind zum Scheitern verurteilt, wenn ich beteiligt bin.

  Retweet: In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten anonym sein.

  "Am Baum der guten Vorsätze gibt es viele Blüten, aber wenig Früchte." (Konfuzius)

  Viel Erfolg für alle Pflegekräfte, die heute Kurven vorschreiben müssen, und viel Spaß beim Korrigieren!

  Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns / gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll / nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung; / und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel / fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die, / die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen. / (Rainer Maria Rilke an Clara Rilke, 1. Januar 1907)


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