Über die ZeitVom Augenblick bis zur Unendlichkeit
Themenstreusel: Zeit Kurz vor TagesanbruchWährend ich Ihnen schreibe, ist es kurz vor Tagesanbruch, und der letzte Rest von Dunkelheit schwankt am Himmel wie ein großes Gebäude, kurz bevor es einstürzt. Vollkommene Stille umgibt dieses Haus, in dem noch alle schlafen. Im Garten regt sich kein einziges Blatt. Das ist der Augenblick, in dem das Leben denen, die alle Hoffnung aufgegeben haben, am traurigsten vorkommt, es ist die Stunde der Leere. Jetzt hört der Kranke, den man den ganzen Tag angelogen hat, eine Stimme, die ihm zuflüstert_ "Du wirst nie wieder gesund." Und der Mann, der eben noch gehofft hat, daß ihn Freunde vor dem Ruin bewahren werden, sagt laut: "Du bist verloren." (Julien Green: Der Übeltäter, S. 109) Unter der OberflächeIn ihrem Roman 'Die Wellen', der entsprechend wasserreich ist, erklärt eine Figur zur äußerlichen Erfahrung der Uhr-Zeit: "Diese extreme Präzision, dieser geordnete, militärische Fortschritt ist ein Fehler; eine Bequemlichkeit, eine Lüge. Selbst wenn wir pünktlich zur angeordneten Zeit eintreffen mit unseren weißen Westen und höflichen Umgangsformen, ist tief darunter immer ein reißender Strom aus zerbrochenen Träumen, Kinderreimen, Straßengeschrei, halbfertigen Sätzen und Bildern - von Ulmen, Weiden, fegenden Gärtnern und schreibenden Frauen - die aufsteigen und versinken..." (Jay Griffiths: Slow Motion. Lob der Langsamkeit) Die gegenwärtige EwigkeitErwachsene haben im allgemeinen die Uhrzeit gelernt. Kinder - die nicht unsere Zeitgenossen sind - leben im Herzen des Ozeans der Zeit selbst, in einem Jetzt, das eine Ewigkeit ist. Der Schriftsteller R.K.Narayan beschreibt die Kindheit mit diesen Worten: Man "läßt den Tag vergehen, ohne die Stunden zu zählen. Man existiert in der Ewigkeit." Bei einem Kind hat jede Sekunde diese Macht. Die gegenwärtige Ewigkeit eines Kindes ist eine in Gedanken vertiefte, spontane, elastische Gegenwart. Kinder haben eine wunderbar hartnäckige Verachtung für Pünktlichkeit und die herrschende Uhrzeit ist völlig schnurz. (Jay Griffiths: Slow Motion. Lob der Langsamkeit) Trügerische ZeitgewinneDie Wünsche, ab und zu hinter sich blicken zu können, einmal aufzuatmen, um den Dauergalopp zu den rasch und rascher wechselnden Zielen zu unterbrechen, nehmen zu. Auszusteigen aus der unbefriedigenden Hetze der zirkulären Alltagsrationalität, die zu immer mehr Oberflächlichkeit führt, welche dann wiederum Beschleunigung zur Folge hat, wird immer hörbarer als Forderung und Hoffnung artikuliert. Die Frage: "Was bleibt von den Zeitgewinnen übrig?" wird inzwischen nicht mehr nur leise gestellt. Die Suche nach der gewonnenen Zeit wird häufiger aufgenommen. Die Vermutung, daß die Zeitgewinne zum Teil trügerisch sind und nicht unbedingt das erwartete und versprochene Mehr an Lebensqualität bringen, wird stärker und hörbarer. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 155) Zähe ZeitEin Tag in Luxemburg ist lang. Einstein muß die Idee zur Relativitätstheorie in Luxemburg gehabt haben. Daß die Zeit sich gleichsam zurücklappen kann. Ein Phänomen, das unverständlich ist, sich aber doch empirisch immer wieder bestätigt. In den Weiten des Alls und eben in Luxemburg. Ich hatte alles erledigt, weswegen ich nach Luxemburg gekommen war, aber ich mußte noch warten. Mein Rückflug nach Wien ging erst am nächsten Tag. Warten. Warten. Ich kann zwar Fliegen etwas zuleide tun - wenn ich sie erwische, aber ich kann Zeit nicht totschlagen. Schon gar nicht die Luxemburger Zeit. Was immer ich versuchte - sie taumelte, sie röchelte, sie sank langsam nieder. Aber jedes Mal erhob sie sich aufs neue, frisch und zäh, begann - als wäre sie noch kein bißchen vergangen. (Robert Menasse: Ich kann jeder sagen, S. 92) PausenwohlstandWir könnten das Nichtstun, die Pausen, achten und lieben lernen, denn dort, wo das Nichtstun verachtet und verhindert wird, wird das Tun zu zerstörerischer Gewalt. (...) Pausen sind mehr als nur eine zu nutzende Werbechance. Unser Ziel sollte es sein, einen Pausenwohlstand anzustreben. (...) Überstunden (...) sind jene Stunden, die zu weit gehen. (...) Zeitwohlstand ist immer aus Pausenwohlstand, und dies haben wir dann, wenn wir verfügbare Zeit haben, über die wir 'nicht' verfügen. Wir wärs mit dem Menschenrecht aufs persönliche Tempo. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 31) Zeitlos"Sprechen Sie zu einem Zehnjährigen im Hochsommer von Weihnachten. Ebensogut könnten Sie mit einem Halbwüchsigen über seine Pläne fürs Alter, seine Pensionierung reden. Kindheit ist für Kinder zeitlos. Sie ist immer die Gegenwart. Alles findet in der Gegenwart statt. Natürlich haben sie Erinnerungen. Natürlich vergeht auch für sie ein wenig die Zeit, und dann ist es Weihnachten. Aber sie 'fühlen' es nicht. Das Heute ist es, was sie fühlen, und wenn sie sagen. 'Wenn ich mal groß bin...!, schwingt da immer ein wenig Ungläubigkeit mit - wie könnten sie je etwas anderes sein, als das was sie jetzt sind?" (Ian McEwan: Ein Kind zur Zeit, S. 46) Zeitiges AufstehenVielleicht liegt es auch am Alter und kommt nur bei älteren Leuten vor. Ich kann mich nicht erinnern, als junger Bursch morgens um halb fünf hellwach auf dem Rücken gelegen zu haben. Um mich zu solcher Zeit aus dem Bette zu bringen, wäre Brachialgewalt erforderlich gewesen; späterhin wurde es dann durch die üblen Methoden bewirkt, welche das Militär in seiner Torheit ersonnen hat, statt den Pferden das Frühstücken zu nachtschlafener Zeit nach und nach abzugewöhnen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen) UnpünktlichkeitEs gibt Menschen, die, gesetzt den Fall, sie wären, trotz vielfältigster Angelegenheiten, einmal ohne jede Verhinderung pünktlich zu sein, sogleich irgendeine Ablenkung davon zu finden wissen, welche sich dann zur Abhaltung, ja zum unübersteiglichen Hindernis auswächst. Es scheint, daß die notorische Unpünktlichkeit eine echte Geisteskrankheit ist; eine unüberwindliche Scheu - ein 'Phobie', wie man auch sagt - vor der Pünktlichkeit: ein Verharren; eine Unfähigkeit, sich noch rechtzeitig loszureißen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen) GleichzeitigkeitsartistenWohin man blickt, sieht man Gleichzeitigkeitsartisten: Gabel rechts, Handy links, und flüsternd noch ein paar Anweisungen an eine stumme Anwesende geben; beim Walking oder Autofahren Business-Gespräche führen; in der Pfanne rühren, telefonieren und Radiomusik hören; die Freundin streicheln, simultan durch den Äther die Mutter beschimpfen und im Hintergrund fernsehen. Das funktioniert nur dank einer gestreuten (zerstreuten) Aufmerksamkeit, die ihr Objekt schwebend, surfend berührt und tendenziell temporeich auf der Flucht ist. (Ilma Rakusa: Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen) Geschichtliche Blickrichtungen... wenn irgend eine Zeit mit ihren Gestalten oder Erscheinungen und Formen begriffen werden soll, so muß man sich weit über diese Zeit hinaus in die Vergangenheit zurückziehen und die betreffende Periode von vorne anvisieren, nicht nur von rückwärts her sie betrachten. Eine wirklich intime Kenntnis dessen, was jeweils für eine Generation das 'Altmodische' war, eine Kenntnis, die aber aus diesem eben jeweils altmodisch werdenden heraus nach vorne schaut und nicht in die Vergangenheit hinein wie in einen Antiquitätenladen - eine solche Kenntnis macht es dann leicht, sich in die danach heraufkommende neue Zeit 'einzuarbeiten': der Gegenstand kommt schon ganz vertraut entgegen. Geschichte ist keineswegs die Kenntnis vom Vergangenen, sondern in Wahrheit: die Wissenschaft von der Zukunft; von dem nämlich, was jeweils in dem betrachteten Abschnitte Zukunft war, oder es werden wollte. Denn hier liegt das wirkliche Geschehen, die Strom-Mitte, die Rinne der stärksten Strömung." (Heimito von Doderer: Die Dämonen) JahreswechselAuf Facebook; "Der Jubel über den Jahreswechsel ist auch ziemlich banal - schließlich kommt ein neues Jahr jedes Jahr wieder. Jahre sind eine ziemlich solide Ware. Sie werden pünktlich geliefert, und jedes hält, was es verspricht: Genau ein Jahr, keine Sekunde mehr, aber auch keine Sekunde weniger. Wie in alten handwerklich- frühkapitalistischen Zeiten." (Laub) - Kommentator 1: "Alle sagen, das alte Jahr ist zu Ende, das neue Jahr kommt - na und? Hätte man zufällig keinen Kalender, würde man nichts merken. Natürlich kann man sich freuen, daß ein Jahr vorbei ist und wir noch immer leben, trotz der Friedenspolitik aller Groß- und Kleinmächte, trotz Erdbeben, UNO, Umweltverschmutzung, Steuerreformen, Abrüstungsverhandlungen und so weiter. Gäbe es aber keine Jahre, könnte man sich darüber jeden Tag, ja jede Minute freuen." Darauf ICH: "Trotzdem braucht und liebt der Mensch Zäsuren. Der Jahreswechsel ist eine so traditonelle, daß sie zum Innehalten einlädt. Ich empfinde es stark; für mich ist Silvester/Neujahr gleichsam ein hoher Feiertag, vermutlich weil ich immer noch die illusorische Hoffnung habe, daß sich etwas an/bei mir ändern kann." - Nochmals ich: "Das christliche Jahresende - das Ende des Kirchenjahres zu Christkönig - spielt keine Rolle mehr. Der Avent ist heutzutage de facto der Beginn von Weihnachten und nicht mehr, wie einst intendiert, die Zäsur zu einem Neubeginn, zu einem Kurswechsel." Nahe LebenszeitenWenn Sie durch Ihre eigenen Jahre zurückblicken, so gibt es da sicher Zeiten, die Ihnen heute ganz fremd und gleichgültig sind, während irgend eine andere Zeit, die vielleicht noch viel weiter zurückliegt, in hohem Grade Ihr Interesse erweckt. In einem Jahre etwa oder früher oder später hat sich das vielleicht wieder verändert, und Sie haben wieder zu einem anderen Teile Ihrer eigenen Vergangenheit eine lebendigere Beziehung gewonnen, und andere Teile sind jetzt wieder gleichgültig geworden. Es gibt sicher Zeiten, die wir sehr nahe an unserer Kindheit verbringen oder auch an irgend einem anderen gewesenen Abschnitte unseres Lebens, dessen innere Haltung wir jetzt ganz ähnlich wieder einnehmen, an dessen Worte, Bilder, Gerüche und andere Eindrücke wir auf Schritt und Trott von innen her erinnert werden; ja, in manchen Augenblicken ist es uns, als trennte uns nur eine ganz dünne Wand mehr vom Gewesenen, eine Wand, die wir leicht durchbrechen könnten. Und wir fühlen etwa so, als seien 'Zeit' und 'Vergangenheit' nur eine Art Einbildung, der wir unterliegen... (Heimito von Doderer: Die Dämonen) Zeitvielfalt ist bekömmlicherDer bereits mehrfach erwähnte Sachverhalt, daß wir heute am Ende der Beschleunigungsmöglichkeiten angekommen sind, wäre ein guter und aktueller Grund - auch aus ökonomischer Sicht -, über sinnvolle und "profitable" Alternativen zur Monokultur der Beschleunigung nachzudenken. Eine solche bestünde in einer Kultur der Zeitvielfalt, in deren Entwicklung und deren Pflege. Immer noch sind einflußreiche Personen, in der Mehrzahl Manager und Politiker, der Meinung, die wirtschaftliche und die zivilisatorische Zukunft unseres Landes sei nur durch eine einzige Zeitform erreichbar, die der Schnelligkeit bzw. die der Beschleunigung. Die nicht mehr zu übersehenden kostenrelevanten Effekte blenden sie dabei jedoch aus. "Die Schnellen", so ihre furchtmachenden Parolen, "fressen die Langsamen". Niemand jedoch nimmt sich dabei mehr die Zeit zu prüfen, ob wolcher Fraß eigentlich bekömmlich ist. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 194) Zeitwohlstand (2)Auf wieviel Lebensstandard müssen wir verzichten, um unsere Lebensqualität zu erhöhen? Eine Frage, die uns dann, wenn wir gewillt sind, sie uns zu stellen und sie zu beantworten, notwendigerweise zum Thema des Zeitwohlstandes führt. Wenn wir schließlich bereit wären, diesbezüglich wirklich Ernst zu machen, erst dann hätten wir allen Grund, Adalbert Stifters Realitätsbeschreibung zu widersprechen: "Wir Menschen plagen uns ab, um die Mittel zum Leben zu erwerben, nur das Leben lassen wir dann bleiben.". (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 191) Zeitwohlstand (1)Reisch (1998) und Scherhorn (1995) sehen im Zeitwohlstand ein wichtiges Element und einen zentralen Indikator für die Lebensqualität. Zeitwohlstand wird bei ihnen als ein "Wohlbefinden in der Zeit" verstanden. Das, was wir "Wohlstand" nennen, ergänzen sie um das immaterielle Kriterium des "Wohlbehagens". Eine Gesellschaft ist unter dieser Perspektive wohlhabend, wenn sie nicht nur viele Waren und Güter produziert und besitzt, sondern auch viele Zeitformen zuläßt und realisiert. Wenn sie ihren Mitgliedern beispielsweise vielfältige Möglichkeiten eröffnet, Eigenzeiten zu leben, elastisch mit Zeitvorgaben umzugehen, das erwünschte Tempo im Alltag selber zu beeinflussen, sich und ihre Umfeld rhythmisch zu organisieren und ihre Zeitsouveränität im Arbeitsprozeß zu erhöhen. Das Zeitwohlstandskonzept macht mit der von Nietzsche geäußerten Ermahnung Ernst, im Menschen mehr als nur ein geldverdienendes Wesen zu sehen. Es ist auch eine Absage an die protestantische Arbeitsethik. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 191) Pessoa: ZeitIch weiß nicht, was die Zeit ist. Ich weiß nicht, welches ihr wahres Maß ist, falls sie überhaupt eines hat. Ich weiß, daß die Uhrzeit falsch ist: sie unterteilt nicht die Zeit, sondern unsere Empfindung von der Zeit. Die Zeit der Träume ist gleichfalls falsch; in ihnen streifen wir das eine Mal eine verlängerte, das andere Mal eine verkürzte Zeit, und was wir erleben, ist übereilig oder langsam infolge irgendeines Vorgangs beim Verfließen der Zeit, dessen Natur ich nicht kenne. (Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe) Verliert nicht Zeit
Verliert nicht Zeit und eilt euch, was ihr könnt, Glaubwürdigkeit der VergangenheitOft habe ich daran gedacht, den Unterricht mit einer Warnung vor der verführerischen Glaubwürdigkeit der Vergangenheit zu beginnen. "Mißtraut der augenscheinlichen Vernünftigkeit der Geschichte", würde ich sagen, "sie nimmt einem nachts wie ein Dieb, was sie einem bei Tag geschenkt hat, sie ist ein Luder, das Gefallen daran findet, einen irrezuführen und in dem Bad, in dem wir am liebsten plantschen, dem Bad der Vernunft, ertrinken zu lassen. Sie lädt dazu ein, Gestalten als wahr anzunehmen, die nicht mehr als Luftspiegelungen sind, und wenn man mit erhitztem Kopf entdeckt hat, daß man an eine Fata Morgana geglaubt hat, und ins erfrischende Bad der Vernunft springt, hockt sie einem plötzlich auf dem Rücken und füllt einem die Lungen mit giftigem Wasser. (Leon de Winter: Place de la Bastille, S. 32) Klumpen und HistorikerIch kann es nicht lassen, auch mein eigenes Leben in Perioden einzuteilen. Natürlich ist die Zeit mit jener unteilbaren Geradlinigkeit verstrichen, welche jeden Verlauf glättet und so etwas wie "Perioden" nicht kennt. Doch um sie in den Griff zu bekommen, muß ich stückeln, Trennstriche ziehen, abstecken, damit ich die Hände in die amorphe Masser meines Lebens tauchen und die Klumpen, die ich zu fassen bekomme, "Perioden" nennen kann. In der künstlichen und zufälligen Ordnung, die jeder Klumpen in meiner Hand darstellt, scheint eine bestimmte Struktur vorhanden zu sein; der Klumpen hat eine Form, natürlich, und diese Form ist benennbar. Ich kann den Klumpen rund oder eckig oder ausgestülpt oder eiförmig nennen. Auf diesem Gebiet ist der Historiker versiert. Er taucht die Hände in die Jauche und betrachtet strahlend seinen Fund, dem er einen Namen gibt, zum Beispiel "Zigarre" (obwohl wir längst gesehen haben, daß es Kot ist, was ihm an den Finger klebt), und hält dann einen Vortrag über die Notwendigkeit von Salatgurken. Einerseits versteht sich der Historiker wie kein anderer auf das Einrennen sperrangelweit geöffneter Türen, andererseits meint er Türen zu sehen, wo nichts als Spiegelungen die blinden Mauern zieren. Ich bin Historiker. (Leon de Winter: Place de la Bastille, S. 22) Kollektive Extasetechniken"Von unseren Dance-Kollegen, den Indianern und Eingeborenen, kennt man die bewährte Formel: Rhythmus + Wiederholung = Trance", beschrieb das Techno-Magazin 'Groove' die bewährten Ekstasetechniken der Raving Society. Und über die moderne Inkarnation des Schamanen, den Discjockey, kurz DJ genannt, schrieb der Autor Rainald Goetz: "Sein Auftrag hieß: Musik und Tanz, Ekstase, Abfahrt, Rausch. Er kannte Dämonen und beherrschte sein Handwerk. Er war im Bund mit Feen, Faunen und Teufeln." Ob explizit oder implizit, bewußt oder unbewußt, erfolgreich oder erfolglos, die Ein- und Ausübung kollektiver Ekstasetechniken ist somit stets auch eine Form des Widerstands gegen die säkularisierten, entrhythmisierten und funktionalisierten Zeitnormen einer Gesellschaft, deren Hauptritual nur noch darin besteht, jeden Morgen um die gleiche Zeit aufzustehen und zur Arbeitnzu fahren - und in der selbst dieses für immer mehr Menschen ersatzlos entfällt. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 218) Ein Halt im Strom der ZeitSeit Homo sapiens denken kann, dachte er deshalb nicht nur daran, wie er Halt im Strom der Zeit finden könne, sondern beinahe ebenso oft dachte er daran, die Wachthunde des Bewußtseins - und damit auch des Zeitbewußtseins - zu überlisten, via Musik, Tanz und Drogen über die Reling des Realitätsschiffchens hinauszuspringen und in die brausenden Wogen des unendlichen Universums einzutauchen. Nicht nur Dionysos' Bocksgesänge, Rumis tanzende Derwische, das gegorene Blut Christi, Brahamanengeheul, der Kawa-Kult auf den Atollen der Südsee oder die drei legendären Tage von Woodstock, sondern auch die Techno-Tanzorgien in den Katakombem verwaister Industrieanlagen sind somit nichts anderes als Anläufe, einen Ausweg zu finden aus der Welt, der Zeit, dem Körper und aus sich selbst. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 217) Zunehmende MusealisierungParallel zur wachsenden Rate der Neuerungen steigt auch die Rate der veraltenden Dinge. Ein Indiz dafür ist der Vorgang der "progressiven Musealisierung". Die Zahl der Museen steigt, ebenso die Besucherzahlen und die Sachgebiete. Selbst ganze Kulturlandschaften fallen mittlerweile der Musealisierung anheim. Auch die Zeitspanne, bis etwas als museumswürdig gilt, verringert sich stetig. Bloß noch eine Frage der Zeit, bis auch die Gegenwart unter Denkmalschutz gestellt wird. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 141) Eine neue Nutzung der ZeitDoch statt sich auf die Suche nach einer neuen Nutzung der Zeit "jenseits des Tunnels ökonomischer Notwendigkeiten" zu machen, wird über die Notwendigkeit einer Rückkehr zur Vollbeschäftigung diskutiert. Statt die historisch neue Perspektive eines Aufbaus einer "Zivilisation der freien Zeit" als Chance aufzufassen, wird die Befreiung vom Diktat der Zeitökonomie als drohender Wertezerfall verstanden. Statt die Verkürzung der Arbeitszeit aufgrund von Produktivitätsfortschritten als Notwendigkeit zu erkennen, wird sie als ökonomisch untragbar oder als Zwang begriffen. Und statt erwerbslose Menschen mit einem existenzsichernden Grundeinkommen zumindest ökonomisch über Wasser zu halten, werden sie von den Arbeitsämtern zur zeit- und nervenaufreibenden Stellensuche angetrieben, in einen sinnlosen Papierkrieg verwickelt, mit Weiterbildungskursen aufgerüstet und in ihrem zumeist vergeblichen Kampf um einen befriedigenden neuen Arbeitsplatz bei Laune gehalten. Dabei wären die stattlichen Arbeitslosigkeitsverwaltungen besser beraten, Kurse für einen neuen, selbstbestimmten Umgang mit Zeit jenseits des ökonomischen Zeitdiktats anzubieten. Doch davon sind sie zurzeit ebenso weit entfernt wie Homo habilis vor zwei Millionen Jahren vom Sprachvermögen. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 81) Die Tretmühle des 24-Stunden-TaktesDie "Kolonisierung der Nacht" war gleichsam die Geburtsstunde der "Nonstop-Gesellschaft". "Alles - zu jeder Zeit - überall und sofort" wurde zur Losung einer Rund-um-die-Uhr Gesellschaft, in der Raum und Zeit kaum noch zählen, letztendlich jedoch eine Menge kosten. Denn durch Automatisierung, Tag- und Nachtarbeit, Computer und schnelle, weltumspannende Verkehrs- und Kommunikationssysteme hat sich der Mensch in die Tretmühle eines 24-Stunden-Taktes begeben, die ihn überfordert. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 14) Die Kontrolle der ZeitStrategien der Verlangsamung gehören zudem längst zum Inventar der Moderne und werden in vielen Bereichen mit mehr oder weniger großem Aufwand mehr oder weniger erfolgreich praktiziert. Dabei ist der Kühlschrank wohl das auffälligste, aber längst nicht das einzige Verlangsamungsverfahren. In der Politik gehört die Verzögerungstaktik seit je zu einem probaten Mittel, um mit unliebsamen Forderungen fertig zu werden. Auch die Konservenindustrie oder die Erforschung des Rätsels vom Altern haben ihren Zweck einzig darin, Zerfallsprozesse zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Und sind nicht auch die immensen Anstrengungen der Kosemtikindustrie und der Schönheitschirurgie ein einziger, vergeblicher Kampf gegen die Zeit? So wird mit immensem Aufwand geliftet, gestrafft und abgesaugt; gesalbt, gepudert uznd getönt; operiert, transplantiert und geklont; homogenisiert, pasteurisiert und sterilisiert; entrostet, poliert und versiegelt; geräuchert, gepökelt und dehydriert; vakuumisiert, gefriergetrocknetund tiefgekühlt - und dies alles, um die Zeichen der Zeit zu verhindern. Verlangsamung ist weniger ein Phänomen kompensatorischer Entschleunigung als vielmehr eine weitere Taste auf der Klaviatur der "Multioptionsgesellschaft", eine weitere Option im Meer der denk- und undenkbaren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten und perpetuiert damit jene Mobilmachung, die sie entmobilisieren, jenen Fortschritt, den sie unterschreiten, jene Aufrüstung, die sie abrüsten, jene Anspannung, die sie entspannen, und jene Beschleunigung, die sie verlangsamen will. Kurzum: Verlangsamung ist bloß die leisere Stimme jenes gewaltigen Chors, dessen wahre Hymne die Kontrolle der Zeit ist: die willentliche und willkürliche Beschleunigung oder Verlangsamung von "Rhythmen und Eigenzeiten". (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 16/17) Religiöser GlanzDa die Zeit jeder Handlung prinzipiell unterboten werden kann, wurde bis hinunter zu den ganz alltäglichen Gegenständen, der täglichen Besorgungen und der Küchengeräte alles schneller. Selbst die Dinge begannen die Sprache der Geschwindigkeit zu reden, wurden windschnittiger, aereodynamischer und stromlinienförmiger: Das Tempo ruschte förmlich in sie hinein. Geschwindigkeit wurde zu einem Gütekriterium, und alles, womit sich Zeit sparen ließ, bekam "religiösen Glanz". (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 13) ZeitkandareWas aber fängt das System insgesamt mit den Unmassen Zeit an, die es der Verfügung der Individuen entzieht? Warum die Industrien und der Handel es auf unser Geld abgesehen haben, liegt in der von ihnen konkurrenlos beherrschten Welt auf der Hand: Es dient der Konsolidierung und dem Wachstum ihrer Macht. Doch was haben die Industrien davon, daß sie sich auf jeden Fleck brachliegender Zeit stürzen? Neuartige Form der Vergesellschaftung, die sich dadurch realisiert, daß sie alle an die Zeitkandare nimmt? Im Innern des ganzen Zeitregimes gähnt irgendwo ein schwarzes Loch. (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 105) Zeitknappheit und InformationDie Schlußfolgerung drängt sich auf, daß der Eindruck der Zeitknappheit in dem Maß erzeugt wird, in dem Zahl und Ausmaße der angebotenen Zeitvernichtungsfelder zunehmen. Zeit erscheint dann besonders knapp, wenn man nicht genug davon auf einmal vernichten kann. Jedes neu hinzukommende Fernsehprogramm, jedes neue Magazin, jede neue Website vermehrt die Vernichtungsmöglichkeiten. Dafür aber, werden wir getröstet, nähmen auch die Informationsmöglichkeiten entsprechend zu. Schön wär's wenn es so wäre. Eine Information in vollem Wortsinn kommt erst dann zustande, wenn sie sich in der Ausdehnung von Zeit entfalten kann, denn Verstand, Erinnerung und Gefühl benötigen bei Rezeption und Nachbearbeitung der empfangenen Nachricht Zeit. (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 101f.) ZeitvertreibMontaigne war ebenfalls nicht dem unerbittlichen Gesetz mühseliger Arbeit unterworfen, doch die Not seiner Zeitgenossen mit dem Problem der Zeit, die nicht vergehen will, war ihm unbekannt. "Ich habe mein völlig eignes Vokabular: Ich vertreibe die Zeit, wenn sie schlecht und unerfreulich ist; wenn aber gut, will ich sie nicht vertreiben, sondern festhalten und auskosten. Die schlechte sollte man durcheilen, in der guten verweilen. Die üblichen Ausdrücke 'Zeitvertreib' und 'sich die Zeit vertreiben' sind charakteristisch für das Verhalten all der Neunmalklugen, die meinen, das meiste hätten sie vom Leben, wenn sie es dahingleiten und vorüberstreichen ließen, es nicht beachteten, im auswichen oder, soweit es in ihrer Macht steht, die Flucht davor ergriffen: als sei es eine verdrießliche und verächtliche Sache." (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 80) Zusammenspiel der GigantenNicht nur über den Geldbeutel der Benutzer gelingt es der Computerindustrie, Macht auszuüben, sondern auch über deren Zeit. Das bißchen Zeitgewinn, den der schnellere Prozessor ermöglichte, war durch den vorausgegangenen Zeitverbrauch beim Installieren, Konfigurieren und Umgewöhnen längst aufgefressen worden. Möglich geworden war diese Form von Machtausübung durch das beschriebene ausgeklügelte Zusammenspiel der beiden Giganten der Industrie: Intel baut einen neuen Prozessor, und Microsoft bringt neue Software heraus, die die höhere Rechengeschwindigkeit gleich wieder konsumiert, so daß im Erwerb eines neuen Geräts bereits die Nachfrage nach dem nächsten mit eingebaut ist. (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 59) ZeitgeizIch lese Silvia Bovenschens Älter werden. Weil es ein Buch mit so klugen Gedanken ist, werde ich vermutlich noch mehrmals daran anknüpfen. Beim Thema "Zeitgeiz" von "angestrengter Sprungbereitschaft" gelesen. Die Autorin wundert sich über fehlende Gelassenheit bei manchen Menschen, die angesichts der Kürze unseres Lebens ein allzu ökonomisches Verhältnis zur Zeit haben. "Ich mag Geiz in keiner Form. Auch diesen nicht. Es ist ja zu keiner Zeit des Lebens gesagt, wieviel Zeit noch bleibt. Und ich habe keine Lust, meinen mentalen Haushalt der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu unterwerfen." (S. 22) - Die "angestrengte Sprungbereitschaft" attestiert Bovenschen einigen Akademikerinnen, die jede Minute ihrer Existenz etwas Wichtigem vorbehalten wollen. DazwischenJede Zeit, jede Kultur hat ihren Stil, hat ihre Schönheiten und Grausamkeiten, nimmt gewisse Übel geduldig hin. Zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten einander überschneiden. Es gibt Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, dass ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht." (Hermann Hesse, Der Steppenwolf, S. 27f.) Vorher, NachherWas sollte es heißen, daß für diejenigen, die im Himmel waren, die Freude niemals endete? Wie konnte das sein? Etwas ließ einen doch nur deshalb gut fühlen, weil es eine Zeit gegeben hatte, in der man nicht im Besitz dieses Etwas gewesen war, und wenn man es dann besaß, dann konnte man sich daran erinnern, daß das Leben ohne diese Sache viel unerfreulicher gewesen war. (Thomas Wharton: Salamander, S. 73) Wirkungen der MusikWenn der Mensch Musik hört und sich in deren Sinn und Entfaltung vertieft, betritt er, dachte sich Robert Bork, eine überpersönliche Kategorie der Zeit, die Strömung der Unendlichkeit zieht ihn in sich hinein, läßt ihn die Ewigkeit berühren und verlängert sein Leben, womöglich um Jahrzehnte und Jahrhunderte. Natürlich keine lineare Verlängerung, sondern hin zu einer noch unerschlossenen Dimension, die dem Menschen höchstwahrscheinlich für immer verschlossen bliebe. (Tschingis Aitmatov: Das Kassandramal, S. 120) Distanz notwendig"Endlich kommt die merkwürdige Tatsache zur Wirkung, daß die Menschen im allgemeinen ihre Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inhalte würdigen zu können; sie müssen erst Distanz zu ihr gewinnen, d.h. die Gegenwart muß zur Vergangenheit geworden sein, wenn man aus ihr Anhaltspunkte zur Beurteilung des Zukünftigen gewinnen soll." (Sigmund Freud: Zukunft einer Illusion) Verschiedene GeschwindigkeitenMan ist ohnehin, wenn man soviel geht, allseits von den verschiedenartigsten Geschwindigkeiten umgeben. Alles und jedes hat sein strikt Eigenes an Zeit, der wippende Ast dauert anders als der fließende Kanal, der vorüberpolternde Bus anders als der tröpfelnde Brunnenmund, zu schweigen von den oberen Rasereien des Lichts, des Schalls, des... man befindet sich sozusagen in einem chaotischen Trommelfeuer von Zeitgeschossen und nur eine sehr zielgerichtete, eine sehr widerstandsfähige Natur wird immer unbeschadet davonkommen und, trotz allem Gehen, weiterhin fest in sich zu ruhen vermögen. (Botho Strauß: Rumor, S. 150f.) Urbane ZeitverläufeWenn Geduld eine Tugend ist, dann ist Europa ein wahrhaft tugendhafter Ort. Ein New Yorker Freund erzählte mir, er habe einen Kulturschock erlitten, als er nach Washington gezogen sei. Die Dinge kämen dort nur so langsam voran, dass er das Gefühl hatte, die Leute würden "durch Wackelpudding waten." New York ist schnell, New York ist hektisch. Dort will man alles innerhalb einer "New Yorker Minute" erledigt haben, einer Zeiteinheit, die für uns Normalsterbliche ungefähr 17 Sekunden dauert. Und jetzt geht es mir ähnlich. Als ich von Washington nach Berlin zog, hatte ich auch das Gefühl, durch Wackelpudding zu laufen. Alles hier scheint sich schleppender zu bewegen. Geldautomaten brauchen länger, bevor sie die Scheine ausspucken. Telefone läuten länger, bevor jemand abhebt. Und im Kino dauert es länger, bis endlich der Hauptfilm beginnt. Wenn Sie im Café um die Ecke auf Ihren Cappuccino warten, bringen Sie besser den "Zauberberg" mit. (Jeffrey Gedmin) LoslösungManchmal, wenn ich schreibe, bin ich einer Art Bewusstlosigkeit nahe. Dann ändert die Zeit ihren Charakter, und Minuten verflüchtigen sich ins Gewölk einer Zeit, die etwas Einheitliches ist, eine einzige Zeitspanne. Ich habe schon gedacht, wenn wir von unserem Uhrzeigerdenken loskommen könnten, dann gäbe es es vielleicht überhaupt keine Zeitspannen mehr. Dann wäre die Weltgeschichte und alles, was ihr vorausging, nur ein Aufblitzen wie ein zerplatzender Stern, ewig und zeitlos. (John Steinbeck: Tagebuch eines Romans) ZeitfresserJeder kennt das Gefühl, täglich, ja stündlich Lebenszeit zu verschwenden. Die "verlorenen Jahre", die drei Generationen von zwei Kriegen geraubt worden waren, wandelten sich zu verlorenen Tagen und Stunden. Während die Gewerkschaften mehr Freizeit erstritten, wurde die seelische Zeit zur bedrohten Ressource. Fernseher und Computer gelten als Zeitfresser, noch heute strahlen sie schlechtes Gewissen ab, weil sie von Dingen abhalten, die über Jahrzehnte dazu dienten, Zeit zu füllen: Lernen, Lesen, Erziehen, Reden, Ruhen (Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott) Inkongruenz... ist der schnelle Zerfall der Zeit schuld, die nicht durch unaufhörliche Wachsamkeit beaufsichtigt wird. Wir alle wissen, daß sich dieses undisziplinierte Element lediglich notgedrungen, dank unaufhörlicher Kultivierung, aufmerksamer Fürsorge, sorgfältiger Regulierung und Korrektur seiner Ausbrüche in gewissen Grenzen hält. Dieser Sorgfalt entledigt, neigt sie sofort zu Übertretungen, zu wilden Irrtümern, zu unberechenbaren Scherzen und formloser Narretei. Immer deutlicher zeichnet sich die Inkongruenz unserer individuellen Zeiten ab. (Bruno Schulz: Die Zimtläden und andere Erzählungen, S. 189) Wie ein FlußDie Zeit fließt genauso dahin wie ein Fluß: anfangs schwermütig und unentschlossen, mit den Jahren dann in wilder Hast. Wie der Fluß verfängt sie sich in den zarten Algen und im Moos der Kindheit. Wie er stürzt sie sich durch die Schluchten und über die Schnellen, die den Beginn ihrer Beschleunigung kennzeichnen. Bis zum zwanzigsten oder dreißigsten Lebensjahr glaubt man, die Zeit sei ein endloser Fluß, eine geheimnisvolle Substanz, die aus sich selbst gespeist wird und sich nie aufbraucht. Doch dann kommt der Augenblick, in dem der Mensch den Verrat der Jahre aufdeckt. Es kommt immer der Augenblick (...), in dem die Jugend mit einem Schlag zu Ende geht und die Zeit abtaut wie ein Haufen Schnee, in den der Blitz gefahren ist. Von diesem Zeitpunkt an ist nichts mehr wie zuvor. Von diesem Zeitpunkt an werden die Tage und Jahre kürzer, und die Zeit verwandelt sich in einen flüchtigen Dunst - genau wie ihn auch schmelzender Schnee von sich gibt -, der nach und nach das Herz umhüllt und einschläfert. Und wenn wir es dann endlich merken, ist es schon zu spät, um sich noch dagegen aufzulehnen." (Julio Llamazares, Der gelbe Regen, S. 121) |