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Unbehaust in dieser Welt (2) [<<]
Vom Leiden an der Welt und am Menschen
Themenstreusel: Unbehaustsein
Angestiftet zum Widerstand
Schwarze Schraffur
Mit sich konfrontiert
Lärmbelästigung
Automaten
Kein goldener Mittelweg
Unvollkommener Abguß
Rundgehen
Du sollst nicht lieben
Alles immer richtig
Kommunikationsunmöglichkeit
Geld=Terrorgesellschaft
Fernsehschutt
Das Ende der Absonderung
Periode menschlicher Vereinzelung
Einfach vorwärts gehen
Ein aufreibender Widerspruch
Der Druck des Alltags
Schwerinvalide
Kultur der Schnelle
Bestrafungen
Die Unmöglichkeit des Glücks
Das wirkliche Leben?
Eine bröckelige Angelegenheit
Die Welt stinkt
Die Sinnfrage
Die Welt spuckt Tod
Wo liegt die Wahrheit?
Ein wirklicher Protest
Über Sibirien
Vom bloßen Dasein erschöpft
Ein dunkler Knödel
Vom Fallen
Schwer zu finden
Eine miefige Zeit
Die Summe der Übel
Handys
Hoffnung und Grenzen
Konzentrationsmangel
Das Leben nicht ganz so spüren
Nicht wieder gutzumachen
Ein dickes Fell
Schleichende Schmerzen
Die Zweifel des Künstlers
In der Einzelzelle
Geklärt wird nichts
Die Weihnachtspest
Die Sucht nach dem Neuen
Allseits enttäuschend
Angestiftet zum Widerstand
"Warum", so fragte ich mich, "hat uns die Natur so
gewollt? Wenn sie uns mit den gleichen Gefühlen
ausgestattet hätte wie die meisten Menschen, hätte sie
uns viel Leid erspart; zum Beispiel hätte sie aus mir
das gemacht, was ich überhaupt nicht bin, ein soziales
Wesen, fähig das natürliche Glück seiner Umwelt zu
empfinden. Aber die Natur gibt sich manchmal
anarchistisch. Könnte man nicht sagen, daß sie
bestimmte Individuen auswählt, um sie zum Widerstand
anzustiften? Nicht etwa zum Widerstand gegen sie
selbst, wie man behauptet hat, sondern zum Widerstand
gegen die Moral, und das ist etwas ganz anderes."
(Julien Green: Der Übeltäter, S. 156)
Schwarze Schraffur
... so sehr bin ich am Abend heimgesucht worden von den
grauenvollsten, manchmal Stunden um Stunden anhaltenden
und immer weiter sich steigernden Angstzuständen. Es
nutzte mir offenbar wenig, daß ich die Quellen meiner
Verstörung entdeckt hatte, mich selber, über all die
vergangenen Jahre hinweg, mit größter Deutlichkeit
sehen konnte als das von seinem vertrauten Leben von
einem Tag auf den anderen abgesonderte Kind: die
Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir
unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir
hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und
Ausgelöschtseins. Inmitten der einfachsten
Verrichtungen, beim Schnüren der Schubänder, beim
Abwaschen des Teegeschirrs oder beim Warten auf das
Sieden des Wassers im Kessel, überfiel mich diese
schreckliche Angst. In kürzester Frist trocknete die
Zunge und der Gaumen mir aus, so als läge ich seit
Tagen schon in der Wüste, mußte ich schneller und
schneller um Atem ringen, begann mein Herz zu flattern
und zu klopfen bis unter den Hals, brach mir der kalte
Schweiß aus am ganzen Leib, sogar auf dem Rücken meiner
zitternden Hand, und war alles, was ich anblickte,
verschleiert von einer schwarzen Schraffur. (W. G.
Sebald: Austerlitz, S. 326)
Mit sich konfrontiert
Ich neige nicht zur wohligen Selbstbetrachtung, schaue
auch nicht länger als nötig in den Spiegel. Ich will
von mir nicht allzuviel wissen und sehen. Jeder
Friseurbesuch und jeder Kleiderkauf ist mir unangenehm.
Nichts gegen Friseusen und eine anregende Kopfwäsche,
und auch nichts gegen eine neue Hose. Aber daß man beim
Friseur vor einen Spiegel gesetzt wird, um sich
fortlaufend anzustarren, ist eine Nötigung. (Hans-
Ulrich Treichel: Anatolin, S. 59)
Lärmbelästigung
Durch meine Geräuschempfindlichkeit lebe ich in einer
Art Dauerlärmangst. Früher waren Samstag und Sonntage
ruhige Tage. Die Autos blieben zwei Tage am Straßenrand
stehen, umhergrölende Fußballfans gab es noch nicht,
offene Fenster mit dröhnender Popmusik auch nicht.
Heute ist das Wochenende außerdem die Zeit der rasenden
Heimwerker. Überall heulen Bohrmaschinen,
Schleifmaschinen, Fräsmaschinen und Hochdruckreiniger
auf. Das gewöhnliche Unglück tritt ein, wenn ein Mann
und eine Maschine zueinanderfinden. Mann + Motor =
Lärm. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)
Automaten
Ich betrachte Reisende, die sich an den neuen Ticket-
Automaten versuchen und dabei scheitern. In meiner
Jugend brauchten die Menschen noch ihr ganzes Leben, um
sich alt vorzukommen. Heute genügt die Auswechslung
einiger Logos und Automaten, und die Menschen, selbst
die jungen, fühlen sich überrumpelt, ausgesondert oder
gar kaltgestellt. Eine undeutliche Empörung gegen
Übervorteilung und Überforderung treibt die unwillig
gewordenen Automatenbenutzer umher, ein bißchen
verdutzt, weil sie nicht wissen, ob ihnen Ressentiment
gegen die Automaten zusteht oder nicht. (Wilhelm
Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)
Kein goldener Mittelweg
... wurde der Gedanke, es sei dem Menschen im Grunde
unmöglich, wirklich in einen Zustand der Ordnung zu
geraten, zur Faszination, nein, Obsession für ihn. Das
machte ihm angst, mehr noch als damals, als er bis zum
Hals im Chaos versunken gewesen war. Dieses Unvermögen
des Menschen, seine Angelegenheiten ordnungsgemäß zu
regeln, war vielleicht eine vom Schöpfer, oder wie hieß
dieser Lumpenhund noch gleich, absichtlich eingeführte
Metapher für die Endlichkeit des Lebens. Im
unzureichenden Archiv des Daseins, in dessen
unvollständigen Ordnern, verriet sich diese
Endlichkeit. Vielleicht war aber auch gar kein
schöpferischer Lumpenhund im Spiel, vielleicht sorgte
der Mensch unbewußt, aus instinktiver Selbsterhaltung,
für eine Art Reserve an Unordnung, um sich gegen den
Glauben an ein "ewiges Leben" auf Erden zur Wehr zu
setzen. Diesen Spielraum an Ungeordnetheit nannte
Albert für sich: die Ungehorsamkeit des Täglichen
Lebens, die, so notwendig sie auch erscheinen mochte,
einen Menschen ganz schön aus der Bahn zu werfen, ihm
die Laune zu verderben und ihm, da schon geringe
Unordnung zu komplettem Chaos führen konnte, sogar
einen Schubs an den Rand der Verzweiflung und des
Selbstmords zu geben vermochte. Wo lag hier das
Geheimnis, der goldene Mittelweg? (A.F.Th.van der
Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 91)
Unvollkommener Abguß
Demiurg... hab immer geglaubt, das wär ein Chirurg, der
mit seinem Studium erst halb fertig ist. Gott hat
diesen ganzen verdammten Krempel, den wir die Welt
nennen, schließlich auch als eine Art unvollkommenen
Abguß von etwas viel Schönerem gemacht... von etwas
viel Idealerem, das Ihm zur Verfügung stand. Während
wir uns, so gut es eben geht, mit diesem Abguß begnügen
mußten... ohne das Original jemals zu Gesicht bekommen
zu haben. Das liegt bei Gott im Tresor, und der goldene
Schlüssel hängt Ihm an einer Kette um den Hals. (...)
Ich meine nur, es wird Zeit, sich an Gott zu rächen,
daß er den Bauplan für unsere Welt hat verschwinden
lassen. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der
Barmherzigkeit, S. 40)
Rundgehen
Jedes Hirn ist wie ein Zirkus, wo ewig ein armes,
eingeschlossenes Pferd im Kreise geht. Wie immer wir
uns anstrengen, Abweichungen zu suchen, Haken zu
schlagen, die Grenze ist nahe und gleichmäßig gerundet,
ohne unvorhersehbare Ausbuchtungen und ohne Tür ins
Unbekannte. Man muß rundgehen, immer rundgehen in den
gleichen Ideen, den gleichen Freuden, den gleichen
Scherzen, den gleichen Gewohnheiten, dem gleichen
Glauben, dem gleichen Ekel. (Guy de Maupassant:
Novellen 1875-1881, S. 278)
Du sollst nicht lieben
Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht
geben. (...) Wenn die Schöpfung je daran interessiert
gewesen sein sollte, die Erde, das Menschenleben auf
dieser Erde erträglich zu machen, dann fehlte in den
Anweisungen, die der Herr durch Moses den Menschen
gegeben hat, die wichtigste. Du sollst nicht lieben.
Das ist das Gebot Nummer 1. Wahrscheinlich war Moses,
als er den 2244 Meter hohen Gesetzgebungsberg erstiegen
hatte, zu erschöpft und kriegte das erste Gebot, das
der Herr erließ, gar nicht mit. Ein tragisches
Versäumnis und nicht wiedergutzumachen. Wenn Moses
dieses Gebot mitgebracht hätte vom Sinai, hätte der
Menschheit nichts gefehlt außer der Tragödie. Der
Ursprung jeder Tragödie ist immer die Liebe gewesen.
Und so leicht wäre es gewesen, auszukommen ohne Liebe!
Zur Fortpflanzung war sie noch nie nötig. Wozu also
Liebe? Daß wir merken, wir leben nicht mehr im
Paradies. Daß kein menschliches Leben ohne Leiden
bleibe. Keins. Der Herr war klug genug. Ich bin ein
eifersüchtiges Gott, hat er dazu gesagt. (Martin
Walser: Ein liebender Mann, S. 70)
Alles immer richtig
Wie schnell ist die Erde, gerade eben noch unermeßlich
groß und reich, zu einer hypertrophen Fußgängerzone mit
ein bißchen Meer dazwischen geworden. Wenn heute einer
in Zürich die Ellbogen anwinkelt, fällt in Somalia
einer um. Jedes Vorurteil muß nun der Prüfung des
sorgfältig bedachten Urteils standhalten. Es gibt keine
"Neger" mehr, sowieso nicht. Es gibt nicht einmal mehr
Ostfriesen, über die man Witze reißen könnte, weil
sofort eine Selbsthilfegruppe echt Betroffener aus
Westerholt oder Dornum den Witzeerzähler in Stücke
fetzt. Raucher werden von Nichtrauchern erschlagen,
Musikalische von Unmuskalischen, Unsichere von
Sicheren. Es gibt keinen Raum mehr für das Falsche.
Alles muß richtig sein, immer, gnadenlos. (Urs Widmer:
Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 265)
Kommunikationsunmöglichkeit
Man kann Löcher in die Kerkermauern zu schlagen
versuchen, die Ohren auf die Steine legen - was geht
dort draußen vor? -, Kisten und Tische besteigen und
durch Luken spähen: Dennoch erfährt man nie mit der
wünschbaren Präzision, wie die Welten der andern
aussehen. Ob sie auch Höllen sind, ähnliche, andere.
Die Kommunikation ist ein Irrsinn, den wir nur aushalten,
indem wir ihn ignorieren. Wir tun so, als seien die von
uns gebrauchten Wörter für alle deckungsgleich, während
sie doch eher Schrotkugeln gleichen, die wir in den
riesigen Himmel der Kommmunikation schießen, in der
Hoffnung, einmal doch den Albatros des
Verstandenwerdens zu treffen, oder wenigstens eine
Taube des Halbwegsverstehens. (Urs Widmer: Das Geld,
die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 148)
Geld=Terrorgesellschaft
Unsere Ängste hingegen haben oft und nicht ohne Gründe
mit den sozialen Bedingungen zu tun, in denen das
Schicksal uns zu leben zwingt. Mit Geld eben. Die
Geldgesellschaft ist, unausweichlich, eine
Terrorgesellschaft. Die einen üben den Terror aus, zu
ihrem Gewinn, die andern erleiden ihn. Wo Geld ist, ist
auch Macht, und wo Macht ist, wird sie auch ausgeübt.
Heute muß man keinen mehr ausschicken, das Fürchten zu
lernen, wie im Märchen. Glitschig nasse Fische, die
schlimmstmögliche Angst von damals, beeindrucken uns
nicht mehr. Heute werden wir Tag für Tag mit
Informationen überschüttet, die uns das Fürchten so
sehr lehren könnten, daß es im Gegenteil ein Wunder
ist, daß wir das, was wir wissen, in der Regel relativ
unbeschadet aushalten. Daß uns die Erkenntnis der Menge
des Entsetzens auf dieser Erde nicht längst zerfetzt
hat. Denn nähmen wir an all dem Schrecken wirklich und
angemessen teil, wir überlebten ihn keinen Tag. Die
Gemetzelten, die Erschlagenen, die Verhungernden, die
Verblutenden. Millionen und Abermillionen Ermordete.
(Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das
Glück, S. 18)
Fernsehschutt
Fernsehkrimi. Ein Reicher stellt dem Liebhaber seiner
Frau eine Falle, erschießt dann aber den Falschen. Wie
fast jeden Abend ärgere ich mich, daß ich es nicht
fertigbringe, aus einem noch so albernen oder
langweiligen Krimi auszusteigen, wieder frage ich mich,
wo der ganze Fernsehschutt der Jahrzehnte in mir
eigentlich abgelagert sein mag, oder was ich alles hätte
tun können, anstatt vor der Röhre zu sitzen, mein
Zugeständnis an den Zeitgeist. (Christa Wolf: Ein Tag
im Jahr. 1960-2000, S. 488)
Das Ende der Absonderung
Allenthalben beginnt heutzutage der Verstand der
Menschen nicht mehr einzusehen, daß die wahre
Sicherstellung der Person nicht in ihrer einsamen
persönlichen Anstrengung besteht, sondern im
allgemeinen Zusammenspiel der Menschen als ein Ganzes.
Aber es wird doch unbedingt so geschehen, daß auch für
diese schreckliche Vereinsamung die Frist ablaufen
wird, und alle werden dann auf einmal begreifen, wie
unnatürlich es war, sich von einander abzusondern.
(Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)
Periode menschlicher Vereinzelung
"Um die Welt zu ändern, sie neu zu gestalten, müssen
zuvor die Menschen sich selbst psychisch umstellen und
eine andere Richtung einschlagen. Bevor man nicht
innerlich zum Bruder eines jeden geworden ist, kann
kein Brudertum zur Herrschaft gelangen. Niemals werden
die Menschen mit Hilfe einer Wissenschaft oder um eines
Vorteils willen durch äußere Hilfsmittel es
fertigbringen, ihr Eigentum und ihre Rechte so
untereinander zu verteilen, daß niemand zu kurz komme
und sich nicht gekränkt fühle. Immer wird es jedem zu
wenig scheinen und immer wird man einander vernichten.
Sie fragen, wann sich das verwirklichen wird? Es wird
sich verwirklichen, aber zuerst muß sich die Periode
der menschlichen Vereinzelung vollenden." - "Was für
einer Vereinzelung, die jetzt überall herrscht, und
namentlich in unserem Jahrhundert, die aber noch nicht
ganz abgeschlossen ist, deren Frist noch nicht
abgelaufen ist. Denn jetzt strebt doch ein jeder nur
danach, seine Person möglichst abszusondern, ein jeder
möchte in sich selber die ganze Fülle des Lebens
erfahren, dabei aber ist das Ergebnis all seiner
Anstrengungen, statt der Fülle des Lebens, nur
vollständiger Selbstmord, denn statt die volle
Entfaltung des eigenen Wesens zu erlangen, verfallen
sie nur vollkommener Vereinzelung. (Fedor M.
Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)
Einfach vorwärts gehen
Wir gehen einfach vor uns hin und hoffen, daß uns etwas
widerfährt. Da das Glück nun mal nicht zu uns kommt,
müssen wir ihm entgegengehen. Was bleibt Unglücklichen
wie uns anderes übrig, als voranzugehen in der
Hoffnung, daß uns etwas Neues passiert? Wir gehen,
solange die Kräfte reichen, bis wir nicht mehr können,
und dann wird man weitersehen, uns kann ja nichts
Schlimmeres mehr passieren. Sind wir denn nicht das
Mittelmäßige, das Kranke, das Schwache dieser Welt?
(Emmanuel Bove: Schuld)
Ein aufreibender Widerspruch
Gerade mit dieser Sehnsucht des Erwachsenen treiben die
Profiteure der Gesellschaft ein Doppelspiel, kein
Wunder, daß die Sehnsucht dann zu großer Wut wird.
Einerseits verbieten sie ihm, seine Wünsche auch nur
andeutungsweise auszuleben: innerhalb eines
Produktionsprozesses ist wenig Platz für Allmachts-
Sehnsüchte. Andrerseits funktioniert, in einer
bösartigen Ironie, das Leistungsprinzip gerade dadurch,
daß es dem einzelnen die Hoffnung vormacht, er könne
doch vielleicht einmal der größte sein. Die
Gesellschaft lockt den einzelnen, mit voller Kraft in
ein Leistungsrennen einzusteigen, in dem dann nur der
eine Chance hat, der seine persönlichen Wünsche
aufgibt. Es ist ein aufreibender Widerspruch.
Verzweifelt geht er schließlich der Werbung auf den
Leim, die in derselben Wunde wühlt. Er gibt sich mit
den Symbolen seiner Wünsche von früher zufrieden, statt
mit den erfüllten Wünschen selber. Er raucht die
Zigarette, die einen Hauch von Freiheit verspricht. In
den Industriegesellschaften lassen sich die Phantasien
von früher am schlechtesten ausleben. (Urs Widmer: Das
Normale und die Sehnsucht)
Der Druck des Alltags
Es gibt verschiedene Motive, etwas zu tun. Zum
Beispiel, wir arbeiten, um eine Struktur in die Spanne
Zeit zu bringen, die wir haben. Doch die Arbeit, die
heute die Arbeit der meisten ist und die man die
entfremdete nennt, ist wohl ein besonders untaugliches
Mittel, der Zeit und dem Tod ein Schnippchen zu
schlagen. Sie treibt im Gegenteil ihre Opfer dem Tod
direkt in die Arme. Immer weiter entfernt sich der, der
sich mit seiner Tätigkeit nicht identifizieren kann,
von sich selber. Am Schluß ist nur noch die Hülle
übrig, die man die sterbliche nennt, die lebendige
Person, die drin war, hat sich längst verflüchtigt. Sie
ist vom Druck des Alltags verflüchtigt worden, die
Hülle dann wird eine Weile noch gelebt.
(Urs Widmer: Das Normale und die Sehnsucht)
Schwerinvalide
"Wenn es Hermann Arbogast Brenner auch fernliegt, den
geneigten Leser im Rahmen dieser Aufzeichnungen mit dem
Schicksal Depressionsgeplagter zu verdüstern, o ja,
diese Lektion habe ich begriffen, daß es eine
Taktlosigkeit ist, von seinen gesammelten Leiden zu
reden und die Unheilbar Gesunden im Ernst des
Lebensgenusses zu behindern, so muß er doch auf eine
Eigentümlichkeit im Existenzvollzug dieser
Schwerinvaliden hinweisen, nämlich darauf, daß unsereins
gezwungen ist, in drei, vier Monaten das zu
vollbringen, wozu psychisch Stabile, von den Göttern
Verwöhnte ein ganzes Jahr lang Zeit haben." (Gerrit
Bartels: Runtergeraucht. Hermann Burgers unvollendet
gebliebenes Romanwerk 'Brenner')
Kultur der Schnelle
Eine Kultur ist das, die die Vergangenheit nicht kennt
und sich heimtückisch weigert, die Zukunft zu planen,
die weder die Alten achtet noch die Jungen hegt. Sie
exportiert Pubertäres: Fast food, schnelle Wagen,
schnelles Gerede, schnelles Geld, den schnellen Krieg.
Die kindische und unreife westliche Kultur hätte
niemals das Kamasutra hervorbringen können, hätte nie
einen Gedanken darauf verschwendet, wie der Punkt des
Orgasmus über Stunden verlängert werden kann. (Jay
Griffiths: Slow Motion. Lob der Langsamkeit)
Bestrafungen
Mama hat neuerdings immer den alten Awwakum auf dem
Nachttisch liegen. Hin und wieder bringt sie den Satz
an: "Kommt Zeit, kommt Leid. Nicht nachlassen sollt ihr
zu leiden." Sie habe diese Worte irgendwann einmal
gelesen und sich gemerkt, ohne sie eigentlich verstanden
zu haben, sagte sie heute. "Jetzt kommt mir ihr Sinn
ganz einfach vor: Bestraft werden gar nicht die Sünden,
bestraft wird das Glück. Alles hat seinen Preis. Glück
wird mit Leid bezahlt, Liebe mit Geburtswehen, die
Geburt mit dem Tod." (Michail Schischkin: Venushaar)
Die Unmöglichkeit des Glücks
Ich war nicht nur von dem legitimen Ekel erfüllt, der
jeden halbwegs normalen Mann beim Anblick eines Babys
überkommt; und ich war nicht nur zutiefst davon
überzeugt, daß ein Kind so etwas wie ein lüsterner
Zwerg mit angeborener Grausamkeit ist, der sogleich die
schlimmsten Züge seiner Gattung zum Ausdruck bringt und
von dem sich die Haustiere in weiser Vorsicht abwenden.
Nein, hinzu kam noch ein tief in mir verankertes
Entsetzen, ein wahres Entsetzen vor dem endlosen
Leidensweg, den das Dasein der Menschen darstellt. Der
Säugling ist das einzige Lebewesen, das seine Gegenwart
unmittelbar nach der Geburt durch unablässige
Schmerzensschreie zum Ausdruck bringt, und zwar weil er
leidet, weil er auf unerträgliche Weise leidet.
Vielleicht liegt es am Verlust des Haarkleids, der die
Haut für Temperaturschwankungen so empfindlich macht,
ohne daß dadurch der Schutz vor Parasiten gewährleistet
ist; oder vielleicht ist eine anormale nervöse Empfind-
lichkeit daran schuld, ein Konstruktionsfehler
sozusagen. Jeder unparteiische Beobachter kann nur
bestätigen, daß der Mensch nicht glücklich sein kann,
er absolut nicht für das Glück geschaffen ist und ihn
daher kein anderes Los erwarten kann, als Unglück zu
verbreiten, indem er das Dasein seiner Mitmenschen
ebenso unerträglich macht wie sein eigenes - seine
ersten Opfer sind im allgemeinen die Eltern. (Michel
Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel)
Das wirkliche Leben?
"Aber", so sagte Kringelein, "wo ist das wirkliche
Leben? Ich habe es noch nicht erwischt. Ich war im
Kasino, ich sitze hier mitten im teuersten Hotel, aber
es ist immer noch nicht richtig. Ich habe immer den
Verdacht, das richtige, das wirkliche, das eigentliche
Leben spielt sich ganz woanders ab, das sieht ganz
anders aus. Wenn man nicht dazugehört, dann ist es gar
nicht so leicht, hineinzukommen, verstehen Sie?" "Ja,
wie stellen Sie sich das mit dem Leben vor!" erwiderte
darauf Doktor Otternschlag. "Gibt es das Leben
überhaupt, wie Sie sich es vorstellen? Das Eigentliche
geschieht immer woanders. Wenn man jung ist, denkt man:
Später. Später denkt man: Früher war es das Leben. Wenn
man hier ist, denkt man, dann denkt man, es ist dort,
in Indien, in Amerika, am Popoketepetl oder sonstwo.
Aber wenn man dort ist, dann hat sich das Leben gerade
weggeschlichen und wartet ganz still hier, hier, von wo
man davon gerannt ist. Mit dem Leben geht es, wie es
dem Schmetterlingsjäger mit dem Schwalbenschwanz geht.
Wenn man ihn gefangen hat, sind die Farben abgegangen
und die Flügel lädiert." (Vicki Baum: Menschen im
Hotel, S. 50)
Eine bröckelige Angelegenheit
Er war auf eine grauenhafte Weise allein, leer und vom
Leben abgeschnitten. Zuweilen, wenn er mit sich sprach,
teilte er sich dies ganz laut mit. "Grauenhaft ist es.
Kein Leben. Gar kein Leben. Aber wo ist es? Nichts
geschieht. Es geht nichts vor. Langweilig. Alt. Tot.
Grauenhaft." Die Dinge standen um ihn herum wie
Attrappen. Was er zur Hand nahm, zerrann zu Staub. Die
Welt war eine bröckelige Angelegenheit, nicht zu
fassen, nicht zu halten. Man fiel von Leere zu Leere.
Man trug einen Sack voll Finsternis in sich herum.
Dieser Doktor Otternschlag wohnt in der tiefsten
Einsamkeit, obwohl die Erde voll ist von
Seinesgleichen... (Vicki Baum: Menschen im Hotel, S.
12)
Die Welt stinkt
NATHAN: Harry hat Recht, Tom. So schlimm ist das alles gar nicht.
TOM: Doch, ist es. Es ist höchstens sogar noch schlimmer.
HARRY: Definiere bitte 'es'. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wovon wir eigentlich reden.
TOM: Von der Welt. Dem großen schwarzen Loch, das wir Welt nennen.
HARRY: Ah, die Welt. Ja, natürlich. Selbstverständlich. Die Welt stinkt. Das weiß jeder. Aber wir tun unser Bestes, uns von ihr fern zu halten, oder?
TOM: Stimmt nicht. Wir stecken mittendrin, ob es uns gefällt oder nicht. Die Welt ist überall um uns herum, und jedes Mal, wenn ich den Kopf hebe und mir das genau ansehe, befällt mich Ekel. Trauer und Ekel. Man sollte meinen, der Zweite Weltkrieg hätte wenigstens für ein paar hundert Jahre Ruhe gesorgt. Aber wir zerfleischen uns immer noch. Wir hassen uns immer noch sehr wie eh und je.
(Paul Auster: Die Brooklyn-Revue, S. 117)
Die Sinnfrage
Was immer als "Sinn des Lebens" gilt, ist eine
Ausnahme, eine Utopie. So tiefgründig Philosophen aller
Zeiten auf die Frage zu antworten versuchten: sie sagten
im Grunde nichts weiter als: Ich hoffe, daß... So hofft
auch der einzelne Mensch, daß sein Leben einen Sinn
habe, das heißt, daß es zu einem Ziel führe über alle
Teil-Ziele hinaus. Wenn ich anfange zu fragen, ob mein
Leben Sinn habe, so kann ich natürlich für mich
antworten, es habe Sinn. Sobald ich aber weiterfrage,
ob denn Leben überhaupt Sinn habe, so falle ich ins
Nichts. Ich weiß rein gar nichts. Wenn ich aber arbeite
und liebe, kurzum: lebe, so erfahre ich den Sinn. Wer
verliebt ist, wer in einer schöpferischen Lebensphase
arbeitet, wer ein Werk aufbaut, dem stellt sich die
Sinnfrage nicht. Sie stellt sich nur in Krisenzeiten:
Was für einen Sinn hat denn das alles? Wozu tu ich das?
Wozu lebe ich denn? (Luise Rinser: Wachsender Mond.
1985-1988, S. 12)
Die Welt spuckt Tod
Dan stand draußen vor dem Apartment seiner Tochter, auf
der rußigen gefliesten Terrasse, von der er den ersten
Turm hatte kollabieren sehen. In den sechs Monaten
seither waren die Meldungen dazu angetan gewesen, seine
Erkenntnis zu erhärten. Eine wahnsinnige Frau stand in
Texas vor Gericht, weil sie sytsmatisch ihre fünf
Kinder ertränkt hatte. Katholische Priester hatten, wie
offenbar wurde, ihre noch kindlichen Schutzbefohlenen
in einem Ausmaß sexuell belästigt, das größer war, als
man sich je vorgestellt hatte oder als bereits
eingestanden war. Fast jede Woche ermordeten irgendwo
in den Vereinigten Staaten wütende oder verzweifelte
oder amoklaufende Väter ihre Frauen oder Exfrauen und
ihre Kinder und brachten sich dann in einem inadäquaten
Wiedergutmachungsversuch selber um. In der Zwischenzeit
war in Afghanistan der Krieg ausgebrochen und hatte den
üblichen Zoll an sinnlosen Toden gefordert -
kollidierende Helikopter, verirrte Bomben, falsche
Informationen, ein tödliches Durcheinander, ohne die
biblische Erhabenheit der Rache oder des Selbstopfers.
Die führenden Köpfe des Bösen entkamen; die Feinde,
die sich ergeben hatten, wirkten erschöpft und
verwirrt - klägliche kleine Fische. Sie beschwerten
sich über das Klima auf Cuba und das Versagen ihrer
Gefangenenwärter, sie mit sympathisierenden Mullahs zu
versorgen. Sie bestanden - und andere halfen ihnen in
schrillen Tönen dabei - auf ihren internationalen
gesetzmäßigen Rechten. Religiöse Gemetzel fanden in
Indien und Israel statt, Feuer, Fluten und Epidemien
anderso. Die Welt taumelte weiter und spuckte Tod und
Schmerzfunken aus wie eine entgleiste Lokomotive. (John
Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 140)
Wo liegt die Wahrheit?
Die Tora ist bestimmt ein großes Buch und die Propheten
waren göttliche Männer und selbst Jesus von Nazareth
kann man nicht einfach abtun. Aber all das genügt dem
modernen Menschen nicht. Er hungert nach etwas anderem,
nach mehr. Was ist Stalin? Und was ist selbst so ein
Mörder wie Hitler? Falsche Propheten. Da noch niemand
im Himmel gewesen ist und Gott nicht auf die Erde kommt
und von Generation zu Generation weiter schweigt, wie
kann man wissen, wo die Wahrheit liegt? (Isaac Bashevis
Singer: Verloren in Amerika, S. 367)
Ein wirklicher Protest
Jedes Geschichtsbuch war die Geschichte von Mord,
Folterung und Ungerechtigkeit, jede Zeitung war in Blut
und Schande getränkt. Die beiden pessimistischsten
Philosophen, die ich gelesen hatte, Schopenhauer und
von Hartmann, verurteilten beide den Selbstmord, aber
in jenem Augenblick fühlte ich, daß es nur einen
wirklichen Protest gegen die Schrecken des Lebens gäbe,
und das wäre, dieses Geschenk Gottes an Ihn
zurückzuschleudern. Es war durchaus denkbar, daß ich
mich damals umgebracht hätte, wäre ich im Besitz von
Gift oder einer Pistole gewesen. (Isaac Bashevis
Singer: Verloren in Amerika, S. 57)
Über Sibirien
Wie viele tausend Kilometer habe ich nun schon
überflogen, ohne eine Spur von einem Menschen zu sehen?
So wie ich die Übervölkerung des Planeten fürchte, kann
ich mich über einen solchen Anblick nur freuen. Die
Landschaft ist von einer herrlichen Eintönigkeit; diese
ewig unbewohnten Hügel sind das tröstliche Bild, das
sich denken läßt. Hier könnte man wieder an die
Apokalypse glauben: Wie gut die Erde ohne uns auskommen
kann! Wie still und edel sie sein wird, wenn wir erst
verschwunden sind! (Amelie Nothomb: Attentat, S. 155)
Vom bloßen Dasein erschöpft
Die Welt war voll von Leuten, die ihren Weg wußten, die
einen hierhin, die andern dorthin. Wo, in diesem System
aus Sorgen und Freuden, war mein Platz? Ich empfand
mich als das reichste und zugleich nutzloseste der
Wesen. Wie war es nur möglich, daß Menschen bereit
waren, zum Beispiel stundenlang die leeren Säle des
Luxembourg zu bewachen, oder im Senat vor sich hin zu
dösen, oder in einem Ladenkontor Rechnungen zu
schreiben? Was besagte diese Ordnung, die das Leben
abtötete? Denn allein die Tatsache "Leben" ist
bedrückend, und man gewöhnt sich daran wohl nur, indem
man sich mit idiotischen Beschäftigungen überhäuft. Ich
aber war von meinem bloßen Dasein erschöpft. (Julien
Green: Der andere Schlaf, S. 79)
Ein dunkler Knödel
Ihre Verfassung, mochte sie sein wie immer, war der
Düsterkeit unvermögend; während doch viele Menschen,
wenn der Weg nur etwas abschüssig und glitschig zu
werden beginnt - ganz genau besehen neigt er alltäglich
dazu - eine Art warnenden Gewissensdruck schon im
voraus und sozusagen auf Vorschuß empfinden für noch
gar nicht begangene Verfehlungen: was niemals jemand an
ihnen gehindert hat. Aber man hat es doch gewußt. Das
Üble liegt nur als ein dunkler Knödel noch anonym im
Menschen, und ungewiß bleibt, welche Formen und Namen
er annehmen werde. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
Vom Fallen
Nicht alle, welche die Fallsucht haben, sind
medizinisch Epileptiker; das gilt auch für jenen Herrn
Diplom-Ingenieur Riedener aus Troppau. Mehr als das:
nur das Fallen ist eigentlich normal: als wehte es die
Menschen schräg durch's Gesichtsfeld wie die Blätter.
Der Fall ist meistens sanft. Mancher vermeint, er
brauche nur einen Zug an den imaginären Hebeln seines
Willens zu tun, und der leise Fall würde angehalten.
Aber es macht ihn keineswegs, diesen Zug. Warum soll er
abends nicht an seinen Stammtisch gehen? Freilich, er
kann längst nicht mehr einschlafen, ohne vorher zu
trinken. Eines Tages mischt sich dann die Leber in's
innere Gespräch. Es gibt indessen gleichwohl solche,
die nicht fallen, die nie gefallen sind, die auch keine
internen Gespräche führen. (...) Es gibt welche, die
immer unten gesessen sind, auf dem festen Grunde, dem
Felsgrunde. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
Schwer zu finden
'Ein Faible für abstrakte Ideen ist bei Menschen unter
zwanzig verbreitet. Das verliert sich. Leser zu finden
ist nicht schwierig, das werden auch Sie erfahren; es
ist geradezu gefährlich einfach, Anhänger zu
begeistern; doch jemandenden zu finden, dem man
persönlich verbunden ist und der sich auch nur einen
Deut um das schert, was man tut, das ist extrem
schwer.' (Sybille Bedford: Ein trügerischer Sommer)
Eine miefige Zeit
... daß es das Vorrecht der Alternden sei, die neue
Zeit mit ihren neuen Übeln als weit verfehlter zu
empfinden als die entschwundene. Ich könnte weiter
sagen, es stehe im Ermessen jedes einzelnen, die Übel
zu bewerten, wie er wolle, da ihre Größe nicht mit dem
Metermaß zu eruieren sei. (...) einig sind wir uns nur
in der Beurteilung einer miefigen Zeit und darin, daß
wir ihren Untergang begrüßen. (Markus Werner: Am Hang)
Die Summe der Übel
Ich fragte ihn sanft, ob er wirklich den Eindruck habe,
in einer verdorbeneren Zeit zu leben als vor
fünfundzwanzig oder dreißig Jahren. Er habe bereits
erwähnt, antwortete Loos, daß sich der Tränenblick
zurück verbiete. Jede Zeit sei auf ihre eigene und neue
Art verdorben, wobei es allerdings Epochen gebe, die
den Ehrgeiz hätten, die anderen an Schwachsinn oder
Niedertracht zu überbieten. Grundsätzlich aber
betrachte er Geschichte durchaus nicht als
Verfallsgeschichte, das heiße als Prozeß zum immer
Verfehlteren hin, freilich auch nicht als
Heilsgeschichte, in deren Verlauf sich alles zum
Besseren wende, vielmehr verstehe er historische
Entwicklung als hektischen Austauschprozeß. Schwinde
ein Übel von gestern, so werde es heute durch ein
neuartiges sofort ersetzt. Es sei wie mit der Maul- und
Klauenseuche: kaum scheine sie ausgestorben, beginne
der Rinderwahnsinn. So laufe alles, und die Summe der
Übel bleibe sich ungefähr gleich, und zwar auf hohem
Niveau trostlos, nur setzten sie sich heute rascher und
flächendeckender durch dank der globalen Kanonaden, so
daß innerhalb weniger Wochen fast jedes Kind mit einem
Gameboy spiele und fast jede Frau sich praktisch über
Nacht in eine phosphoreszierende Radlerhose stürze
beziehungsweise, sobald ein anderes Diktat erfolge, in
Dreiviertelleggings mit Raubkatzendruck. (Markus
Werner: Am Hang, S. 31f.)
Handys
Wie kommen Sie auf die Idee, daß ich die Welt aufgrund
der Handys hasse? (...) Ich habe vor einigen Jahren,
als der besagte Aufschwung begann, das Handy als
Alptraum empfunden, als lästigte Erscheinungsart des
Exhibitionismus. (...) habe meinen Aberwillen mit
vielen Menschen, die ich schätze, geteilt. (...) Kritik
allerdings empfiehlt sich jetzt nicht mehr, es denn ,
man wolle sich den Ruf einhandeln, ein unelastischer
Geist zu sein. (...) Ursprünglich wollte ich sagen, daß
mich das Handy abstöß, weil es die Liquidierung des
Privaten und Intimen betreibt und nebenbei den
Weltlärmpegel erhöht. (Markus Werner: Am Hang)
Hoffnung und Grenzen
Früher glaubte ich, Hoffnung sei Das was jeder bitter=
nötig habe wie zum Weitermachen die Atemluft - heute
weiß ich, Hoffnung ist wie Flöhe: das Letzte was jeder
brauchen kann. Wer mit Flöhen sich niederlegt, so hätte
Opa Henry gesagt, der steht mit Hunden wieder auf. Und
hat wie der Luetiker restzeitlebens Was zum Erinnern -,
So=lange, bis das-Alter=selbst so tragisch geworden
ist, daß Nichts mehr an Tragik solch alt-Sein
überträfe, u Nichts das für ein Mehr & Weiter in diesem
Leben noch Taten Opfer Schmerzen rechtfertigen könnte.
Und Die Frage Sind alle Mühen Anstrengungen Auflehungen
gegen Den Tod irgendwann nicht ?schlimmer als der Tod -
die Frage der Kinder u der Verzweifelten - sie zieht
mit dem Blaklicht ihrer Berechtigung auch die Schatten
aus dem vorüberziehenden Menschengrau-- (Reinhard
Jirgl: Die Stille, S. 161)
Konzentrationsmangel
"... meine stumme Verzweiflung, wenn die Tage mir
auseinanderlaufen. (...) Es ist doch etwas daran, daß
eine Frau in 'Künsten und Wissenschaften', wenn sie
Kinder hat, nicht leisten KANN, was einem Mann mit
gleichen Anlagen zu leisten möglich ist. Einhäufig
durchdachtes Kapitel, das einen bitteren Bodensatz
hinterläßt, der Gerd rasend macht. Aber die Kinder
werden größer, und einmal MUSS doch wieder
Konzentration in mein Leben kommen - wenn ich sie dann
nicht schon verlernt habe." (Christa Wolf: Ein Tag im
Jahr, 1961)
Das Leben nicht ganz so spüren
Ich bin, wie wir alle, in ein Netz verheddert, das mich
gegen die kleinen Schmerzen der Existenz absichert,
mich aber gleichzeitig daran hindert, eigene kraftvolle
Abwehrbewegungen gegen die großen zu machen. Denn diese
großen Schmerzen (bumm! schnauf! aus!) sind so
gewaltig, daß wir uns, um sie zu vergessen, geradezu
begeistert über die kleinen aufregen (Ausländer,
Inländer, Schwiegermutter). - Auch der unaufhaltsame
Triumph Dudens hat mit dieser Abwehr zu tun. Wir
'wollen' tadellos normiert schreiben, um das Leben, das
in jeder Sprache steckt, nicht allzu deutlich spüren zu
müssen. Duden ist das konservative Prinzip an sich
geworden. Neben ihm hat nur noch die
Straßenverkehrsordnung ein ähnlich perfekt geknüpftes
Netz über uns geworfen und hält Energien von uns
potentiellen Aufrührern auf niederster Ebene gefangen.
(Urs Widmer: Auf, auf, ihr Hirten. Die Kuh haut ab, S.
51)
Nicht wieder gutzumachen
Während ich die Briefe zum Briefkasten gebracht habe,
ist mir aufgefallen: Immer scheinen die unzumutbaren
Forderungen sich auf Versäumnisse in ungelebten
Lebenszonen zu beziehen, die nicht ohne weiteres durch
nachgelebtes Leben auffüllbar sind. Vorbei ist vorbei:
Je älter wir werden, desto mehr lernen wir die
Unerbittlichkeit der Zeit respektieren und fürchten.
Man kann sich das Hirn zermartern nach Rechtfertigungen
für Ungetanes, der Art: Aber ich habe stattdessen doch
- gearbeitet, geschrieben. Es nützt ja nichts. Das
Versäumnis wird als Schuld eingeklagt und ist nicht
wiedergutzumachen. (Christa Wolf: Störfall, S. 97)
Ein dickes Fell
Zum Selbsterhaltungstrieb des Menschen, einer bewußt-
unbewußten natürlichen Regung, die ihm hilft, die
tödliche Gefahr zu vermeiden, zu umgehen, sich gegen
sie zu wehren, gehört auch die Fähigkeit, die
unerträgliche Wahrheit nicht wahrzuhaben, die Augen vor
ihr zu verschließen. Unsere Welt, unser Jahrhundert ist
uns unerträglich geworden; wir nehmen sie nur in dem
uns erträglichen Maße wahr, wissend, daß das volle Maß
einen jeden von uns unfähig machen würde, in dieser
Welt weiterzuleben, das heißt, weiter zu hoffen und zu
arbeiten. Wir wissen von einem Kontinent hungernder
Kinder, von politischem Mord und Terror, von einer
Kriegsvorbereitung, die die Grenzen menschlicher
Vernunft überschritt und sich seit Hiroshima scheinbar
nach der von Menschen unbeeinflußbaren Logistik von
Alpträumen potenziert. Wäre die Welt beständig vor
unserem Auge, wir wären nicht fähig, ein Gedicht zu
lesen oder auch nur gelassen einen Kaffee zu trinken.
Der Selbsterhaltungstireb bewahrt uns davor, diese Welt
wirklich aushalten zu müssen, indem er unsere Sinne mit
einem dicken Fell versieht. Eine nützliche zweite Haut,
die uns vor dem schützt, was uns zu diesem Leben
unfähig machen würde, und ein gefährliches Fell, denn
es erlaubt uns, Unerträglichkeiten zu ertragen und
damit das Leben insgesamt zu gefährden. (Christoph
Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 50)
Schleichende Schmerzen
O Unheil, das sich plötzlich zugesellt
Der Erdenlust! Es mischt sich Bitterkeit
Am Ende stets in Freude dieser Welt!
Schmerz ist das Ende jeder Fröhlichkeit.
Drum rat ich dir zu deiner Sicherheit:
In froher Zeit bedenke, Schmerzen schleichen
Stets hinter dir, die sicher dich erreichen.
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 188)
Die Zweifel des Künstlers
Glaubst du nicht, lieber Leser, daß das, was aus dem
höhern Reich der Liebe in unsre Brust hinabgekommen,
sich uns zuerst offenbaren müsse im hoffnungslosen
Schmerz? - Das sind die Zweifel, die in des Künstlers
Gemüt stürmen. - Er schaut das Ideal und fühlt die
Ohnmacht, es zu erfassen, es entflieht, meint er,
unwiederbringlich. - Aber dann kommt ihm wieder ein
göttlicher Mut, er kämpft und ringt, und die
Verzweiflung löst sich auf in süßes Sehnen, das ihn
stärkt und antreibt, immer nachzustreben der Geliebten,
die er immer näher und näher erblickt, ohne sie jemals
zu erreichen. (E.T.A Hoffmann: Die Serapionsbrüder, S.
193)
Mit sich allein
Jeder Mensch hat mit sich zu tun. Was besitzt man, wenn
man eine Frau besitzt? Nichts. Man kann keinen Menschen
besitzen. Man besitzt nur sich selbst. Auch wenn ich
liebe, überschreite ich diese Grenze nicht. Auch die
Liebe ist mein Werk. Ich kann mir kein Leben borgen.
Man lebt nicht weiter in seinen Kindern. Man lebt nur
sich. Jeder muß allein fertig werden mit seinem Leben.
Menschen, die Angst davor haben, allein zu sein, haben
Angst vor sich selbst. Ihnen graust vor ihrer inneren
Leere. Erleben kann man nur aktiv. Je größer der
Erlebnisverschleiß, desto kleiner der Mensch. Jeder muß
allein dieses ungeheuere Loch ausfüllen, das entstanden
ist, als wir Gott begruben. Es war schwer, ihn zu
töten. Aber die Kraft aufzubringen, sich an seine
Stelle zu setzen, ist ungleich schwerer. Wer nicht
stark genug ist, das Leck zu stopfen, dessen Kahn säuft
ab. (Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der
Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau
Laura, S. 115)
In der Einzelzelle
Meine Mitmenschen sind mir völlig fremd; das heißt, daß
ich nur vermuten kann, was sie denken und fühlen. Jeder
von uns ist ein Gefangener seines eigenen Ichs und
kann sich von seiner Einzelzelle aus nur durch
verabredete Zeichen und Symbole mit den anderen
Gefangenen verständigen, denen es ebenso ergeht. Es ist
klar, daß diese Zeichensprache zu Mißverständnissen
führen muß, und es ist erwiesen, daß einmal begangene
Fehler sich im Rahmen unseres kurzen Erdenwallens nur
sehr schwer gutmachen lassen. (W. Somerset Maugham: Vor
der Party. Erzählungen, S. 7)
Geklärt wird nichts
Trotzdem kann Isidor es nicht lassen, das ihn umgebende
Leben ständig nach Wert und Würde abzufragen. Dahinter
steht ein philosophisches Privatprogramm, das ungefähr
so lautet: Wahrheit und Lüge, Ehrlichkeit und
Heuchelei, Moral und Egoismus sind unlösbar miteinander
verklumpt; wir reiben uns zwischen spirituellen
Sehnsüchten und unspirituellen Tatsachen auf; und
geklärt wird nichts, nicht mal im letzten Augenblick.
Die Zeit geht über alles hinweg und löscht das
Bewußtsein aus, bevor auch nur die Fragen richtig
gestellt wurden. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 38)
Die Weihnachtspest
Festbeleuchtungsfanatiker wetteifern miteinander, die
Fassaden und Vorgärten ihrer Vorortbehausungen mit
kompliziert verschlungenen, bunten Blinklichterketten
und zappelnden Weihnachtsikonen zu schmücken, so daß es
immer wieder zu Kollisionen gaffender Autofahrer kommt.
(...) Woher kommt diese schleichende Weihnachtspest? In
meiner Kinderzeit waren der erste und der zweite
Weihnachtsfeiertag, der englische Boxing Day,
arbeitsfrei, danach ging das Leben wieder seinen
gewohnten Gang, aber jetzt mündet Weihnachten direkt in
die noch sinnloseren Festivitäten zu Silvester und
Neujahr, so daß man - und mit einem das ganze Land -
mindestens zehn Tage lahmgelegt ist, mit schwerem Kopf
von zu reichlichem Essen, mit leerer Geldbörse nach den
Ausgaben für unsinnige Geschenke, gelangweilt und
genervt von lästigen Angehörigen und quengelnden
Kindern, mit denen man zu Hause eingesperrt ist, und
mit viereckigen Augen vom Dauerkonsum alter Filme im
Fernsehen. Für einen längeren Zwangsurlaub sind diese
Wochen, in denen besonders trostloses Wetter herrscht
und die Tage am kürzesten sind, denkbar ungeeignet.
Mein Held ist Scrooge - der unbußfertige Scrooge aus
dem ersten Teil der 'Weihnachtsgeschichte' von Dickens.
"Pah, dummes Zeug!" Wie recht er hatte! Und was für ein
Jammer, daß er sich danach geläutert hat. (David Lodge:
Wie bitte? S. 186)
Die Sucht nach dem Neuen
Es gibt in der Öffentlichkeit eine von den Medien
kompromisslos unterstützte Gier nach neuen
Stilrichtungen in der Mode, beim Essen, in der
Innenausstattung, bei Elektronikspielereien, bei allem,
was sich denken läßt. Künstler, die sich seit Beginn
der Moderne dem Ziel verschrieben haben, Neues zu
schaffen, aber dabei ihr Tempo selbst bestimmen
wollten, werden überrollt von den rasanten
Veränderungen in der Populärkultur und mühten sich ab,
um auf Papier und Leinwand ihre Spuren zu hinterlassen
oder dreidimensionale Gegenstände zu schaffen, auf die
bisher noch niemand verfallen ist. (David Lodge: Wie
bitte? S. 148)
Allseits enttäuschend
Meine Eltern gehörten zu der Art von Eltern, die immer
leise unzufrieden wirkten mit allem, was man so tat,
als würde man sie in kleinen Dingen permanent
enttäuschen. Ich glaube, deshalb ist meine Schwester
auch weggezogen, in den Norden hoch., Andererseits
konnte ich den Standpunkt meiner Eltern nachvollziehen.
Ich war tatsächlich etwas enttäuschend. Ich war auch
für mich etwas etwas enttäuschend. Ich hab ja bereits
versucht zu erklären, daß ich bei Leuten, die ich
mochte, nicht richtig locker sein konnte, daß ich sie
nicht dazu bringen konnte, meine Vorzüge zu sehen. Wenn
ich jetzt darüber nachdenke, war mein Leben die meiste
Zeit so. Ich habe andere Leute nicht dazu bringen
können, daß sie sehen, was an mir ist. (Julian Barnes:
Darüber reden, S. 53)
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