Unbehaust in dieser Welt (2) [<<]

Vom Leiden an der Welt und am Menschen


Themenstreusel: Unbehaustsein
Angestiftet zum Widerstand
Schwarze Schraffur
Mit sich konfrontiert
Lärmbelästigung
Automaten
Kein goldener Mittelweg
Unvollkommener Abguß
Rundgehen
Du sollst nicht lieben
Alles immer richtig
Kommunikationsunmöglichkeit
Geld=Terrorgesellschaft
Fernsehschutt
Das Ende der Absonderung
Periode menschlicher Vereinzelung
Einfach vorwärts gehen
Ein aufreibender Widerspruch
Der Druck des Alltags
Schwerinvalide
Kultur der Schnelle
Bestrafungen
Die Unmöglichkeit des Glücks
Das wirkliche Leben?
Eine bröckelige Angelegenheit
Die Welt stinkt
Die Sinnfrage
Die Welt spuckt Tod
Wo liegt die Wahrheit?
Ein wirklicher Protest
Über Sibirien
Vom bloßen Dasein erschöpft
Ein dunkler Knödel
Vom Fallen
Schwer zu finden
Eine miefige Zeit
Die Summe der Übel
Handys
Hoffnung und Grenzen
Konzentrationsmangel
Das Leben nicht ganz so spüren
Nicht wieder gutzumachen
Ein dickes Fell
Schleichende Schmerzen
Die Zweifel des Künstlers
In der Einzelzelle
Geklärt wird nichts
Die Weihnachtspest
Die Sucht nach dem Neuen
Allseits enttäuschend


Angestiftet zum Widerstand

"Warum", so fragte ich mich, "hat uns die Natur so gewollt? Wenn sie uns mit den gleichen Gefühlen ausgestattet hätte wie die meisten Menschen, hätte sie uns viel Leid erspart; zum Beispiel hätte sie aus mir das gemacht, was ich überhaupt nicht bin, ein soziales Wesen, fähig das natürliche Glück seiner Umwelt zu empfinden. Aber die Natur gibt sich manchmal anarchistisch. Könnte man nicht sagen, daß sie bestimmte Individuen auswählt, um sie zum Widerstand anzustiften? Nicht etwa zum Widerstand gegen sie selbst, wie man behauptet hat, sondern zum Widerstand gegen die Moral, und das ist etwas ganz anderes." (Julien Green: Der Übeltäter, S. 156)


Schwarze Schraffur

... so sehr bin ich am Abend heimgesucht worden von den grauenvollsten, manchmal Stunden um Stunden anhaltenden und immer weiter sich steigernden Angstzuständen. Es nutzte mir offenbar wenig, daß ich die Quellen meiner Verstörung entdeckt hatte, mich selber, über all die vergangenen Jahre hinweg, mit größter Deutlichkeit sehen konnte als das von seinem vertrauten Leben von einem Tag auf den anderen abgesonderte Kind: die Vernunft kam nicht an gegen das seit jeher von mir unterdrückte und jetzt gewaltsam aus mir hervorbrechende Gefühl des Verstoßen- und Ausgelöschtseins. Inmitten der einfachsten Verrichtungen, beim Schnüren der Schubänder, beim Abwaschen des Teegeschirrs oder beim Warten auf das Sieden des Wassers im Kessel, überfiel mich diese schreckliche Angst. In kürzester Frist trocknete die Zunge und der Gaumen mir aus, so als läge ich seit Tagen schon in der Wüste, mußte ich schneller und schneller um Atem ringen, begann mein Herz zu flattern und zu klopfen bis unter den Hals, brach mir der kalte Schweiß aus am ganzen Leib, sogar auf dem Rücken meiner zitternden Hand, und war alles, was ich anblickte, verschleiert von einer schwarzen Schraffur. (W. G. Sebald: Austerlitz, S. 326)


Mit sich konfrontiert

Ich neige nicht zur wohligen Selbstbetrachtung, schaue auch nicht länger als nötig in den Spiegel. Ich will von mir nicht allzuviel wissen und sehen. Jeder Friseurbesuch und jeder Kleiderkauf ist mir unangenehm. Nichts gegen Friseusen und eine anregende Kopfwäsche, und auch nichts gegen eine neue Hose. Aber daß man beim Friseur vor einen Spiegel gesetzt wird, um sich fortlaufend anzustarren, ist eine Nötigung. (Hans- Ulrich Treichel: Anatolin, S. 59)


Lärmbelästigung

Durch meine Geräuschempfindlichkeit lebe ich in einer Art Dauerlärmangst. Früher waren Samstag und Sonntage ruhige Tage. Die Autos blieben zwei Tage am Straßenrand stehen, umhergrölende Fußballfans gab es noch nicht, offene Fenster mit dröhnender Popmusik auch nicht. Heute ist das Wochenende außerdem die Zeit der rasenden Heimwerker. Überall heulen Bohrmaschinen, Schleifmaschinen, Fräsmaschinen und Hochdruckreiniger auf. Das gewöhnliche Unglück tritt ein, wenn ein Mann und eine Maschine zueinanderfinden. Mann + Motor = Lärm. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)


Automaten

Ich betrachte Reisende, die sich an den neuen Ticket- Automaten versuchen und dabei scheitern. In meiner Jugend brauchten die Menschen noch ihr ganzes Leben, um sich alt vorzukommen. Heute genügt die Auswechslung einiger Logos und Automaten, und die Menschen, selbst die jungen, fühlen sich überrumpelt, ausgesondert oder gar kaltgestellt. Eine undeutliche Empörung gegen Übervorteilung und Überforderung treibt die unwillig gewordenen Automatenbenutzer umher, ein bißchen verdutzt, weil sie nicht wissen, ob ihnen Ressentiment gegen die Automaten zusteht oder nicht. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)


Kein goldener Mittelweg

... wurde der Gedanke, es sei dem Menschen im Grunde unmöglich, wirklich in einen Zustand der Ordnung zu geraten, zur Faszination, nein, Obsession für ihn. Das machte ihm angst, mehr noch als damals, als er bis zum Hals im Chaos versunken gewesen war. Dieses Unvermögen des Menschen, seine Angelegenheiten ordnungsgemäß zu regeln, war vielleicht eine vom Schöpfer, oder wie hieß dieser Lumpenhund noch gleich, absichtlich eingeführte Metapher für die Endlichkeit des Lebens. Im unzureichenden Archiv des Daseins, in dessen unvollständigen Ordnern, verriet sich diese Endlichkeit. Vielleicht war aber auch gar kein schöpferischer Lumpenhund im Spiel, vielleicht sorgte der Mensch unbewußt, aus instinktiver Selbsterhaltung, für eine Art Reserve an Unordnung, um sich gegen den Glauben an ein "ewiges Leben" auf Erden zur Wehr zu setzen. Diesen Spielraum an Ungeordnetheit nannte Albert für sich: die Ungehorsamkeit des Täglichen Lebens, die, so notwendig sie auch erscheinen mochte, einen Menschen ganz schön aus der Bahn zu werfen, ihm die Laune zu verderben und ihm, da schon geringe Unordnung zu komplettem Chaos führen konnte, sogar einen Schubs an den Rand der Verzweiflung und des Selbstmords zu geben vermochte. Wo lag hier das Geheimnis, der goldene Mittelweg? (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 91)


Unvollkommener Abguß

Demiurg... hab immer geglaubt, das wär ein Chirurg, der mit seinem Studium erst halb fertig ist. Gott hat diesen ganzen verdammten Krempel, den wir die Welt nennen, schließlich auch als eine Art unvollkommenen Abguß von etwas viel Schönerem gemacht... von etwas viel Idealerem, das Ihm zur Verfügung stand. Während wir uns, so gut es eben geht, mit diesem Abguß begnügen mußten... ohne das Original jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Das liegt bei Gott im Tresor, und der goldene Schlüssel hängt Ihm an einer Kette um den Hals. (...) Ich meine nur, es wird Zeit, sich an Gott zu rächen, daß er den Bauplan für unsere Welt hat verschwinden lassen. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 40)


Rundgehen

Jedes Hirn ist wie ein Zirkus, wo ewig ein armes, eingeschlossenes Pferd im Kreise geht. Wie immer wir uns anstrengen, Abweichungen zu suchen, Haken zu schlagen, die Grenze ist nahe und gleichmäßig gerundet, ohne unvorhersehbare Ausbuchtungen und ohne Tür ins Unbekannte. Man muß rundgehen, immer rundgehen in den gleichen Ideen, den gleichen Freuden, den gleichen Scherzen, den gleichen Gewohnheiten, dem gleichen Glauben, dem gleichen Ekel. (Guy de Maupassant: Novellen 1875-1881, S. 278)


Du sollst nicht lieben

Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben. (...) Wenn die Schöpfung je daran interessiert gewesen sein sollte, die Erde, das Menschenleben auf dieser Erde erträglich zu machen, dann fehlte in den Anweisungen, die der Herr durch Moses den Menschen gegeben hat, die wichtigste. Du sollst nicht lieben. Das ist das Gebot Nummer 1. Wahrscheinlich war Moses, als er den 2244 Meter hohen Gesetzgebungsberg erstiegen hatte, zu erschöpft und kriegte das erste Gebot, das der Herr erließ, gar nicht mit. Ein tragisches Versäumnis und nicht wiedergutzumachen. Wenn Moses dieses Gebot mitgebracht hätte vom Sinai, hätte der Menschheit nichts gefehlt außer der Tragödie. Der Ursprung jeder Tragödie ist immer die Liebe gewesen. Und so leicht wäre es gewesen, auszukommen ohne Liebe! Zur Fortpflanzung war sie noch nie nötig. Wozu also Liebe? Daß wir merken, wir leben nicht mehr im Paradies. Daß kein menschliches Leben ohne Leiden bleibe. Keins. Der Herr war klug genug. Ich bin ein eifersüchtiges Gott, hat er dazu gesagt. (Martin Walser: Ein liebender Mann, S. 70)


Alles immer richtig

Wie schnell ist die Erde, gerade eben noch unermeßlich groß und reich, zu einer hypertrophen Fußgängerzone mit ein bißchen Meer dazwischen geworden. Wenn heute einer in Zürich die Ellbogen anwinkelt, fällt in Somalia einer um. Jedes Vorurteil muß nun der Prüfung des sorgfältig bedachten Urteils standhalten. Es gibt keine "Neger" mehr, sowieso nicht. Es gibt nicht einmal mehr Ostfriesen, über die man Witze reißen könnte, weil sofort eine Selbsthilfegruppe echt Betroffener aus Westerholt oder Dornum den Witzeerzähler in Stücke fetzt. Raucher werden von Nichtrauchern erschlagen, Musikalische von Unmuskalischen, Unsichere von Sicheren. Es gibt keinen Raum mehr für das Falsche. Alles muß richtig sein, immer, gnadenlos. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 265)


Kommunikationsunmöglichkeit

Man kann Löcher in die Kerkermauern zu schlagen versuchen, die Ohren auf die Steine legen - was geht dort draußen vor? -, Kisten und Tische besteigen und durch Luken spähen: Dennoch erfährt man nie mit der wünschbaren Präzision, wie die Welten der andern aussehen. Ob sie auch Höllen sind, ähnliche, andere. Die Kommunikation ist ein Irrsinn, den wir nur aushalten, indem wir ihn ignorieren. Wir tun so, als seien die von uns gebrauchten Wörter für alle deckungsgleich, während sie doch eher Schrotkugeln gleichen, die wir in den riesigen Himmel der Kommmunikation schießen, in der Hoffnung, einmal doch den Albatros des Verstandenwerdens zu treffen, oder wenigstens eine Taube des Halbwegsverstehens. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 148)


Geld=Terrorgesellschaft

Unsere Ängste hingegen haben oft und nicht ohne Gründe mit den sozialen Bedingungen zu tun, in denen das Schicksal uns zu leben zwingt. Mit Geld eben. Die Geldgesellschaft ist, unausweichlich, eine Terrorgesellschaft. Die einen üben den Terror aus, zu ihrem Gewinn, die andern erleiden ihn. Wo Geld ist, ist auch Macht, und wo Macht ist, wird sie auch ausgeübt. Heute muß man keinen mehr ausschicken, das Fürchten zu lernen, wie im Märchen. Glitschig nasse Fische, die schlimmstmögliche Angst von damals, beeindrucken uns nicht mehr. Heute werden wir Tag für Tag mit Informationen überschüttet, die uns das Fürchten so sehr lehren könnten, daß es im Gegenteil ein Wunder ist, daß wir das, was wir wissen, in der Regel relativ unbeschadet aushalten. Daß uns die Erkenntnis der Menge des Entsetzens auf dieser Erde nicht längst zerfetzt hat. Denn nähmen wir an all dem Schrecken wirklich und angemessen teil, wir überlebten ihn keinen Tag. Die Gemetzelten, die Erschlagenen, die Verhungernden, die Verblutenden. Millionen und Abermillionen Ermordete. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 18)


Fernsehschutt

Fernsehkrimi. Ein Reicher stellt dem Liebhaber seiner Frau eine Falle, erschießt dann aber den Falschen. Wie fast jeden Abend ärgere ich mich, daß ich es nicht fertigbringe, aus einem noch so albernen oder langweiligen Krimi auszusteigen, wieder frage ich mich, wo der ganze Fernsehschutt der Jahrzehnte in mir eigentlich abgelagert sein mag, oder was ich alles hätte tun können, anstatt vor der Röhre zu sitzen, mein Zugeständnis an den Zeitgeist. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000, S. 488)


Das Ende der Absonderung

Allenthalben beginnt heutzutage der Verstand der Menschen nicht mehr einzusehen, daß die wahre Sicherstellung der Person nicht in ihrer einsamen persönlichen Anstrengung besteht, sondern im allgemeinen Zusammenspiel der Menschen als ein Ganzes. Aber es wird doch unbedingt so geschehen, daß auch für diese schreckliche Vereinsamung die Frist ablaufen wird, und alle werden dann auf einmal begreifen, wie unnatürlich es war, sich von einander abzusondern. (Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)


Periode menschlicher Vereinzelung

"Um die Welt zu ändern, sie neu zu gestalten, müssen zuvor die Menschen sich selbst psychisch umstellen und eine andere Richtung einschlagen. Bevor man nicht innerlich zum Bruder eines jeden geworden ist, kann kein Brudertum zur Herrschaft gelangen. Niemals werden die Menschen mit Hilfe einer Wissenschaft oder um eines Vorteils willen durch äußere Hilfsmittel es fertigbringen, ihr Eigentum und ihre Rechte so untereinander zu verteilen, daß niemand zu kurz komme und sich nicht gekränkt fühle. Immer wird es jedem zu wenig scheinen und immer wird man einander vernichten. Sie fragen, wann sich das verwirklichen wird? Es wird sich verwirklichen, aber zuerst muß sich die Periode der menschlichen Vereinzelung vollenden." - "Was für einer Vereinzelung, die jetzt überall herrscht, und namentlich in unserem Jahrhundert, die aber noch nicht ganz abgeschlossen ist, deren Frist noch nicht abgelaufen ist. Denn jetzt strebt doch ein jeder nur danach, seine Person möglichst abszusondern, ein jeder möchte in sich selber die ganze Fülle des Lebens erfahren, dabei aber ist das Ergebnis all seiner Anstrengungen, statt der Fülle des Lebens, nur vollständiger Selbstmord, denn statt die volle Entfaltung des eigenen Wesens zu erlangen, verfallen sie nur vollkommener Vereinzelung. (Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)


Einfach vorwärts gehen

Wir gehen einfach vor uns hin und hoffen, daß uns etwas widerfährt. Da das Glück nun mal nicht zu uns kommt, müssen wir ihm entgegengehen. Was bleibt Unglücklichen wie uns anderes übrig, als voranzugehen in der Hoffnung, daß uns etwas Neues passiert? Wir gehen, solange die Kräfte reichen, bis wir nicht mehr können, und dann wird man weitersehen, uns kann ja nichts Schlimmeres mehr passieren. Sind wir denn nicht das Mittelmäßige, das Kranke, das Schwache dieser Welt? (Emmanuel Bove: Schuld)


Ein aufreibender Widerspruch

Gerade mit dieser Sehnsucht des Erwachsenen treiben die Profiteure der Gesellschaft ein Doppelspiel, kein Wunder, daß die Sehnsucht dann zu großer Wut wird. Einerseits verbieten sie ihm, seine Wünsche auch nur andeutungsweise auszuleben: innerhalb eines Produktionsprozesses ist wenig Platz für Allmachts- Sehnsüchte. Andrerseits funktioniert, in einer bösartigen Ironie, das Leistungsprinzip gerade dadurch, daß es dem einzelnen die Hoffnung vormacht, er könne doch vielleicht einmal der größte sein. Die Gesellschaft lockt den einzelnen, mit voller Kraft in ein Leistungsrennen einzusteigen, in dem dann nur der eine Chance hat, der seine persönlichen Wünsche aufgibt. Es ist ein aufreibender Widerspruch. Verzweifelt geht er schließlich der Werbung auf den Leim, die in derselben Wunde wühlt. Er gibt sich mit den Symbolen seiner Wünsche von früher zufrieden, statt mit den erfüllten Wünschen selber. Er raucht die Zigarette, die einen Hauch von Freiheit verspricht. In den Industriegesellschaften lassen sich die Phantasien von früher am schlechtesten ausleben. (Urs Widmer: Das Normale und die Sehnsucht)


Der Druck des Alltags

Es gibt verschiedene Motive, etwas zu tun. Zum Beispiel, wir arbeiten, um eine Struktur in die Spanne Zeit zu bringen, die wir haben. Doch die Arbeit, die heute die Arbeit der meisten ist und die man die entfremdete nennt, ist wohl ein besonders untaugliches Mittel, der Zeit und dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Sie treibt im Gegenteil ihre Opfer dem Tod direkt in die Arme. Immer weiter entfernt sich der, der sich mit seiner Tätigkeit nicht identifizieren kann, von sich selber. Am Schluß ist nur noch die Hülle übrig, die man die sterbliche nennt, die lebendige Person, die drin war, hat sich längst verflüchtigt. Sie ist vom Druck des Alltags verflüchtigt worden, die Hülle dann wird eine Weile noch gelebt. (Urs Widmer: Das Normale und die Sehnsucht)


Schwerinvalide

"Wenn es Hermann Arbogast Brenner auch fernliegt, den geneigten Leser im Rahmen dieser Aufzeichnungen mit dem Schicksal Depressionsgeplagter zu verdüstern, o ja, diese Lektion habe ich begriffen, daß es eine Taktlosigkeit ist, von seinen gesammelten Leiden zu reden und die Unheilbar Gesunden im Ernst des Lebensgenusses zu behindern, so muß er doch auf eine Eigentümlichkeit im Existenzvollzug dieser Schwerinvaliden hinweisen, nämlich darauf, daß unsereins gezwungen ist, in drei, vier Monaten das zu vollbringen, wozu psychisch Stabile, von den Göttern Verwöhnte ein ganzes Jahr lang Zeit haben." (Gerrit Bartels: Runtergeraucht. Hermann Burgers unvollendet gebliebenes Romanwerk 'Brenner')


Kultur der Schnelle

Eine Kultur ist das, die die Vergangenheit nicht kennt und sich heimtückisch weigert, die Zukunft zu planen, die weder die Alten achtet noch die Jungen hegt. Sie exportiert Pubertäres: Fast food, schnelle Wagen, schnelles Gerede, schnelles Geld, den schnellen Krieg. Die kindische und unreife westliche Kultur hätte niemals das Kamasutra hervorbringen können, hätte nie einen Gedanken darauf verschwendet, wie der Punkt des Orgasmus über Stunden verlängert werden kann. (Jay Griffiths: Slow Motion. Lob der Langsamkeit)


Bestrafungen

Mama hat neuerdings immer den alten Awwakum auf dem Nachttisch liegen. Hin und wieder bringt sie den Satz an: "Kommt Zeit, kommt Leid. Nicht nachlassen sollt ihr zu leiden." Sie habe diese Worte irgendwann einmal gelesen und sich gemerkt, ohne sie eigentlich verstanden zu haben, sagte sie heute. "Jetzt kommt mir ihr Sinn ganz einfach vor: Bestraft werden gar nicht die Sünden, bestraft wird das Glück. Alles hat seinen Preis. Glück wird mit Leid bezahlt, Liebe mit Geburtswehen, die Geburt mit dem Tod." (Michail Schischkin: Venushaar)


Die Unmöglichkeit des Glücks

Ich war nicht nur von dem legitimen Ekel erfüllt, der jeden halbwegs normalen Mann beim Anblick eines Babys überkommt; und ich war nicht nur zutiefst davon überzeugt, daß ein Kind so etwas wie ein lüsterner Zwerg mit angeborener Grausamkeit ist, der sogleich die schlimmsten Züge seiner Gattung zum Ausdruck bringt und von dem sich die Haustiere in weiser Vorsicht abwenden. Nein, hinzu kam noch ein tief in mir verankertes Entsetzen, ein wahres Entsetzen vor dem endlosen Leidensweg, den das Dasein der Menschen darstellt. Der Säugling ist das einzige Lebewesen, das seine Gegenwart unmittelbar nach der Geburt durch unablässige Schmerzensschreie zum Ausdruck bringt, und zwar weil er leidet, weil er auf unerträgliche Weise leidet. Vielleicht liegt es am Verlust des Haarkleids, der die Haut für Temperaturschwankungen so empfindlich macht, ohne daß dadurch der Schutz vor Parasiten gewährleistet ist; oder vielleicht ist eine anormale nervöse Empfind- lichkeit daran schuld, ein Konstruktionsfehler sozusagen. Jeder unparteiische Beobachter kann nur bestätigen, daß der Mensch nicht glücklich sein kann, er absolut nicht für das Glück geschaffen ist und ihn daher kein anderes Los erwarten kann, als Unglück zu verbreiten, indem er das Dasein seiner Mitmenschen ebenso unerträglich macht wie sein eigenes - seine ersten Opfer sind im allgemeinen die Eltern. (Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel)



Das wirkliche Leben?

"Aber", so sagte Kringelein, "wo ist das wirkliche Leben? Ich habe es noch nicht erwischt. Ich war im Kasino, ich sitze hier mitten im teuersten Hotel, aber es ist immer noch nicht richtig. Ich habe immer den Verdacht, das richtige, das wirkliche, das eigentliche Leben spielt sich ganz woanders ab, das sieht ganz anders aus. Wenn man nicht dazugehört, dann ist es gar nicht so leicht, hineinzukommen, verstehen Sie?" "Ja, wie stellen Sie sich das mit dem Leben vor!" erwiderte darauf Doktor Otternschlag. "Gibt es das Leben überhaupt, wie Sie sich es vorstellen? Das Eigentliche geschieht immer woanders. Wenn man jung ist, denkt man: Später. Später denkt man: Früher war es das Leben. Wenn man hier ist, denkt man, dann denkt man, es ist dort, in Indien, in Amerika, am Popoketepetl oder sonstwo. Aber wenn man dort ist, dann hat sich das Leben gerade weggeschlichen und wartet ganz still hier, hier, von wo man davon gerannt ist. Mit dem Leben geht es, wie es dem Schmetterlingsjäger mit dem Schwalbenschwanz geht. Wenn man ihn gefangen hat, sind die Farben abgegangen und die Flügel lädiert." (Vicki Baum: Menschen im Hotel, S. 50)


Eine bröckelige Angelegenheit

Er war auf eine grauenhafte Weise allein, leer und vom Leben abgeschnitten. Zuweilen, wenn er mit sich sprach, teilte er sich dies ganz laut mit. "Grauenhaft ist es. Kein Leben. Gar kein Leben. Aber wo ist es? Nichts geschieht. Es geht nichts vor. Langweilig. Alt. Tot. Grauenhaft." Die Dinge standen um ihn herum wie Attrappen. Was er zur Hand nahm, zerrann zu Staub. Die Welt war eine bröckelige Angelegenheit, nicht zu fassen, nicht zu halten. Man fiel von Leere zu Leere. Man trug einen Sack voll Finsternis in sich herum. Dieser Doktor Otternschlag wohnt in der tiefsten Einsamkeit, obwohl die Erde voll ist von Seinesgleichen... (Vicki Baum: Menschen im Hotel, S. 12)


Die Welt stinkt

NATHAN: Harry hat Recht, Tom. So schlimm ist das alles gar nicht.
TOM: Doch, ist es. Es ist höchstens sogar noch schlimmer.
HARRY: Definiere bitte 'es'. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wovon wir eigentlich reden.
TOM: Von der Welt. Dem großen schwarzen Loch, das wir Welt nennen.
HARRY: Ah, die Welt. Ja, natürlich. Selbstverständlich. Die Welt stinkt. Das weiß jeder. Aber wir tun unser Bestes, uns von ihr fern zu halten, oder?
TOM: Stimmt nicht. Wir stecken mittendrin, ob es uns gefällt oder nicht. Die Welt ist überall um uns herum, und jedes Mal, wenn ich den Kopf hebe und mir das genau ansehe, befällt mich Ekel. Trauer und Ekel. Man sollte meinen, der Zweite Weltkrieg hätte wenigstens für ein paar hundert Jahre Ruhe gesorgt. Aber wir zerfleischen uns immer noch. Wir hassen uns immer noch sehr wie eh und je.
(Paul Auster: Die Brooklyn-Revue, S. 117)


Die Sinnfrage

Was immer als "Sinn des Lebens" gilt, ist eine Ausnahme, eine Utopie. So tiefgründig Philosophen aller Zeiten auf die Frage zu antworten versuchten: sie sagten im Grunde nichts weiter als: Ich hoffe, daß... So hofft auch der einzelne Mensch, daß sein Leben einen Sinn habe, das heißt, daß es zu einem Ziel führe über alle Teil-Ziele hinaus. Wenn ich anfange zu fragen, ob mein Leben Sinn habe, so kann ich natürlich für mich antworten, es habe Sinn. Sobald ich aber weiterfrage, ob denn Leben überhaupt Sinn habe, so falle ich ins Nichts. Ich weiß rein gar nichts. Wenn ich aber arbeite und liebe, kurzum: lebe, so erfahre ich den Sinn. Wer verliebt ist, wer in einer schöpferischen Lebensphase arbeitet, wer ein Werk aufbaut, dem stellt sich die Sinnfrage nicht. Sie stellt sich nur in Krisenzeiten: Was für einen Sinn hat denn das alles? Wozu tu ich das? Wozu lebe ich denn? (Luise Rinser: Wachsender Mond. 1985-1988, S. 12)


Die Welt spuckt Tod

Dan stand draußen vor dem Apartment seiner Tochter, auf der rußigen gefliesten Terrasse, von der er den ersten Turm hatte kollabieren sehen. In den sechs Monaten seither waren die Meldungen dazu angetan gewesen, seine Erkenntnis zu erhärten. Eine wahnsinnige Frau stand in Texas vor Gericht, weil sie sytsmatisch ihre fünf Kinder ertränkt hatte. Katholische Priester hatten, wie offenbar wurde, ihre noch kindlichen Schutzbefohlenen in einem Ausmaß sexuell belästigt, das größer war, als man sich je vorgestellt hatte oder als bereits eingestanden war. Fast jede Woche ermordeten irgendwo in den Vereinigten Staaten wütende oder verzweifelte oder amoklaufende Väter ihre Frauen oder Exfrauen und ihre Kinder und brachten sich dann in einem inadäquaten Wiedergutmachungsversuch selber um. In der Zwischenzeit war in Afghanistan der Krieg ausgebrochen und hatte den üblichen Zoll an sinnlosen Toden gefordert - kollidierende Helikopter, verirrte Bomben, falsche Informationen, ein tödliches Durcheinander, ohne die biblische Erhabenheit der Rache oder des Selbstopfers. Die führenden Köpfe des Bösen entkamen; die Feinde, die sich ergeben hatten, wirkten erschöpft und verwirrt - klägliche kleine Fische. Sie beschwerten sich über das Klima auf Cuba und das Versagen ihrer Gefangenenwärter, sie mit sympathisierenden Mullahs zu versorgen. Sie bestanden - und andere halfen ihnen in schrillen Tönen dabei - auf ihren internationalen gesetzmäßigen Rechten. Religiöse Gemetzel fanden in Indien und Israel statt, Feuer, Fluten und Epidemien anderso. Die Welt taumelte weiter und spuckte Tod und Schmerzfunken aus wie eine entgleiste Lokomotive. (John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 140)


Wo liegt die Wahrheit?

Die Tora ist bestimmt ein großes Buch und die Propheten waren göttliche Männer und selbst Jesus von Nazareth kann man nicht einfach abtun. Aber all das genügt dem modernen Menschen nicht. Er hungert nach etwas anderem, nach mehr. Was ist Stalin? Und was ist selbst so ein Mörder wie Hitler? Falsche Propheten. Da noch niemand im Himmel gewesen ist und Gott nicht auf die Erde kommt und von Generation zu Generation weiter schweigt, wie kann man wissen, wo die Wahrheit liegt? (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 367)


Ein wirklicher Protest

Jedes Geschichtsbuch war die Geschichte von Mord, Folterung und Ungerechtigkeit, jede Zeitung war in Blut und Schande getränkt. Die beiden pessimistischsten Philosophen, die ich gelesen hatte, Schopenhauer und von Hartmann, verurteilten beide den Selbstmord, aber in jenem Augenblick fühlte ich, daß es nur einen wirklichen Protest gegen die Schrecken des Lebens gäbe, und das wäre, dieses Geschenk Gottes an Ihn zurückzuschleudern. Es war durchaus denkbar, daß ich mich damals umgebracht hätte, wäre ich im Besitz von Gift oder einer Pistole gewesen. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 57)


Über Sibirien

Wie viele tausend Kilometer habe ich nun schon überflogen, ohne eine Spur von einem Menschen zu sehen? So wie ich die Übervölkerung des Planeten fürchte, kann ich mich über einen solchen Anblick nur freuen. Die Landschaft ist von einer herrlichen Eintönigkeit; diese ewig unbewohnten Hügel sind das tröstliche Bild, das sich denken läßt. Hier könnte man wieder an die Apokalypse glauben: Wie gut die Erde ohne uns auskommen kann! Wie still und edel sie sein wird, wenn wir erst verschwunden sind! (Amelie Nothomb: Attentat, S. 155)


Vom bloßen Dasein erschöpft

Die Welt war voll von Leuten, die ihren Weg wußten, die einen hierhin, die andern dorthin. Wo, in diesem System aus Sorgen und Freuden, war mein Platz? Ich empfand mich als das reichste und zugleich nutzloseste der Wesen. Wie war es nur möglich, daß Menschen bereit waren, zum Beispiel stundenlang die leeren Säle des Luxembourg zu bewachen, oder im Senat vor sich hin zu dösen, oder in einem Ladenkontor Rechnungen zu schreiben? Was besagte diese Ordnung, die das Leben abtötete? Denn allein die Tatsache "Leben" ist bedrückend, und man gewöhnt sich daran wohl nur, indem man sich mit idiotischen Beschäftigungen überhäuft. Ich aber war von meinem bloßen Dasein erschöpft. (Julien Green: Der andere Schlaf, S. 79)


Ein dunkler Knödel

Ihre Verfassung, mochte sie sein wie immer, war der Düsterkeit unvermögend; während doch viele Menschen, wenn der Weg nur etwas abschüssig und glitschig zu werden beginnt - ganz genau besehen neigt er alltäglich dazu - eine Art warnenden Gewissensdruck schon im voraus und sozusagen auf Vorschuß empfinden für noch gar nicht begangene Verfehlungen: was niemals jemand an ihnen gehindert hat. Aber man hat es doch gewußt. Das Üble liegt nur als ein dunkler Knödel noch anonym im Menschen, und ungewiß bleibt, welche Formen und Namen er annehmen werde. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)


Vom Fallen

Nicht alle, welche die Fallsucht haben, sind medizinisch Epileptiker; das gilt auch für jenen Herrn Diplom-Ingenieur Riedener aus Troppau. Mehr als das: nur das Fallen ist eigentlich normal: als wehte es die Menschen schräg durch's Gesichtsfeld wie die Blätter. Der Fall ist meistens sanft. Mancher vermeint, er brauche nur einen Zug an den imaginären Hebeln seines Willens zu tun, und der leise Fall würde angehalten. Aber es macht ihn keineswegs, diesen Zug. Warum soll er abends nicht an seinen Stammtisch gehen? Freilich, er kann längst nicht mehr einschlafen, ohne vorher zu trinken. Eines Tages mischt sich dann die Leber in's innere Gespräch. Es gibt indessen gleichwohl solche, die nicht fallen, die nie gefallen sind, die auch keine internen Gespräche führen. (...) Es gibt welche, die immer unten gesessen sind, auf dem festen Grunde, dem Felsgrunde. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)


Schwer zu finden

'Ein Faible für abstrakte Ideen ist bei Menschen unter zwanzig verbreitet. Das verliert sich. Leser zu finden ist nicht schwierig, das werden auch Sie erfahren; es ist geradezu gefährlich einfach, Anhänger zu begeistern; doch jemandenden zu finden, dem man persönlich verbunden ist und der sich auch nur einen Deut um das schert, was man tut, das ist extrem schwer.' (Sybille Bedford: Ein trügerischer Sommer)


Eine miefige Zeit

... daß es das Vorrecht der Alternden sei, die neue Zeit mit ihren neuen Übeln als weit verfehlter zu empfinden als die entschwundene. Ich könnte weiter sagen, es stehe im Ermessen jedes einzelnen, die Übel zu bewerten, wie er wolle, da ihre Größe nicht mit dem Metermaß zu eruieren sei. (...) einig sind wir uns nur in der Beurteilung einer miefigen Zeit und darin, daß wir ihren Untergang begrüßen. (Markus Werner: Am Hang)


Die Summe der Übel

Ich fragte ihn sanft, ob er wirklich den Eindruck habe, in einer verdorbeneren Zeit zu leben als vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren. Er habe bereits erwähnt, antwortete Loos, daß sich der Tränenblick zurück verbiete. Jede Zeit sei auf ihre eigene und neue Art verdorben, wobei es allerdings Epochen gebe, die den Ehrgeiz hätten, die anderen an Schwachsinn oder Niedertracht zu überbieten. Grundsätzlich aber betrachte er Geschichte durchaus nicht als Verfallsgeschichte, das heiße als Prozeß zum immer Verfehlteren hin, freilich auch nicht als Heilsgeschichte, in deren Verlauf sich alles zum Besseren wende, vielmehr verstehe er historische Entwicklung als hektischen Austauschprozeß. Schwinde ein Übel von gestern, so werde es heute durch ein neuartiges sofort ersetzt. Es sei wie mit der Maul- und Klauenseuche: kaum scheine sie ausgestorben, beginne der Rinderwahnsinn. So laufe alles, und die Summe der Übel bleibe sich ungefähr gleich, und zwar auf hohem Niveau trostlos, nur setzten sie sich heute rascher und flächendeckender durch dank der globalen Kanonaden, so daß innerhalb weniger Wochen fast jedes Kind mit einem Gameboy spiele und fast jede Frau sich praktisch über Nacht in eine phosphoreszierende Radlerhose stürze beziehungsweise, sobald ein anderes Diktat erfolge, in Dreiviertelleggings mit Raubkatzendruck. (Markus Werner: Am Hang, S. 31f.)


Handys

Wie kommen Sie auf die Idee, daß ich die Welt aufgrund der Handys hasse? (...) Ich habe vor einigen Jahren, als der besagte Aufschwung begann, das Handy als Alptraum empfunden, als lästigte Erscheinungsart des Exhibitionismus. (...) habe meinen Aberwillen mit vielen Menschen, die ich schätze, geteilt. (...) Kritik allerdings empfiehlt sich jetzt nicht mehr, es denn , man wolle sich den Ruf einhandeln, ein unelastischer Geist zu sein. (...) Ursprünglich wollte ich sagen, daß mich das Handy abstöß, weil es die Liquidierung des Privaten und Intimen betreibt und nebenbei den Weltlärmpegel erhöht. (Markus Werner: Am Hang)


Hoffnung und Grenzen

Früher glaubte ich, Hoffnung sei Das was jeder bitter= nötig habe wie zum Weitermachen die Atemluft - heute weiß ich, Hoffnung ist wie Flöhe: das Letzte was jeder brauchen kann. Wer mit Flöhen sich niederlegt, so hätte Opa Henry gesagt, der steht mit Hunden wieder auf. Und hat wie der Luetiker restzeitlebens Was zum Erinnern -, So=lange, bis das-Alter=selbst so tragisch geworden ist, daß Nichts mehr an Tragik solch alt-Sein überträfe, u Nichts das für ein Mehr & Weiter in diesem Leben noch Taten Opfer Schmerzen rechtfertigen könnte. Und Die Frage Sind alle Mühen Anstrengungen Auflehungen gegen Den Tod irgendwann nicht ?schlimmer als der Tod - die Frage der Kinder u der Verzweifelten - sie zieht mit dem Blaklicht ihrer Berechtigung auch die Schatten aus dem vorüberziehenden Menschengrau-- (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 161)


Konzentrationsmangel

"... meine stumme Verzweiflung, wenn die Tage mir auseinanderlaufen. (...) Es ist doch etwas daran, daß eine Frau in 'Künsten und Wissenschaften', wenn sie Kinder hat, nicht leisten KANN, was einem Mann mit gleichen Anlagen zu leisten möglich ist. Einhäufig durchdachtes Kapitel, das einen bitteren Bodensatz hinterläßt, der Gerd rasend macht. Aber die Kinder werden größer, und einmal MUSS doch wieder Konzentration in mein Leben kommen - wenn ich sie dann nicht schon verlernt habe." (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr, 1961)


Das Leben nicht ganz so spüren

Ich bin, wie wir alle, in ein Netz verheddert, das mich gegen die kleinen Schmerzen der Existenz absichert, mich aber gleichzeitig daran hindert, eigene kraftvolle Abwehrbewegungen gegen die großen zu machen. Denn diese großen Schmerzen (bumm! schnauf! aus!) sind so gewaltig, daß wir uns, um sie zu vergessen, geradezu begeistert über die kleinen aufregen (Ausländer, Inländer, Schwiegermutter). - Auch der unaufhaltsame Triumph Dudens hat mit dieser Abwehr zu tun. Wir 'wollen' tadellos normiert schreiben, um das Leben, das in jeder Sprache steckt, nicht allzu deutlich spüren zu müssen. Duden ist das konservative Prinzip an sich geworden. Neben ihm hat nur noch die Straßenverkehrsordnung ein ähnlich perfekt geknüpftes Netz über uns geworfen und hält Energien von uns potentiellen Aufrührern auf niederster Ebene gefangen. (Urs Widmer: Auf, auf, ihr Hirten. Die Kuh haut ab, S. 51)


Nicht wieder gutzumachen

Während ich die Briefe zum Briefkasten gebracht habe, ist mir aufgefallen: Immer scheinen die unzumutbaren Forderungen sich auf Versäumnisse in ungelebten Lebenszonen zu beziehen, die nicht ohne weiteres durch nachgelebtes Leben auffüllbar sind. Vorbei ist vorbei: Je älter wir werden, desto mehr lernen wir die Unerbittlichkeit der Zeit respektieren und fürchten. Man kann sich das Hirn zermartern nach Rechtfertigungen für Ungetanes, der Art: Aber ich habe stattdessen doch - gearbeitet, geschrieben. Es nützt ja nichts. Das Versäumnis wird als Schuld eingeklagt und ist nicht wiedergutzumachen. (Christa Wolf: Störfall, S. 97)


Ein dickes Fell

Zum Selbsterhaltungstrieb des Menschen, einer bewußt- unbewußten natürlichen Regung, die ihm hilft, die tödliche Gefahr zu vermeiden, zu umgehen, sich gegen sie zu wehren, gehört auch die Fähigkeit, die unerträgliche Wahrheit nicht wahrzuhaben, die Augen vor ihr zu verschließen. Unsere Welt, unser Jahrhundert ist uns unerträglich geworden; wir nehmen sie nur in dem uns erträglichen Maße wahr, wissend, daß das volle Maß einen jeden von uns unfähig machen würde, in dieser Welt weiterzuleben, das heißt, weiter zu hoffen und zu arbeiten. Wir wissen von einem Kontinent hungernder Kinder, von politischem Mord und Terror, von einer Kriegsvorbereitung, die die Grenzen menschlicher Vernunft überschritt und sich seit Hiroshima scheinbar nach der von Menschen unbeeinflußbaren Logistik von Alpträumen potenziert. Wäre die Welt beständig vor unserem Auge, wir wären nicht fähig, ein Gedicht zu lesen oder auch nur gelassen einen Kaffee zu trinken. Der Selbsterhaltungstireb bewahrt uns davor, diese Welt wirklich aushalten zu müssen, indem er unsere Sinne mit einem dicken Fell versieht. Eine nützliche zweite Haut, die uns vor dem schützt, was uns zu diesem Leben unfähig machen würde, und ein gefährliches Fell, denn es erlaubt uns, Unerträglichkeiten zu ertragen und damit das Leben insgesamt zu gefährden. (Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, S. 50)


Schleichende Schmerzen

O Unheil, das sich plötzlich zugesellt
Der Erdenlust! Es mischt sich Bitterkeit
Am Ende stets in Freude dieser Welt!
Schmerz ist das Ende jeder Fröhlichkeit.
Drum rat ich dir zu deiner Sicherheit:
In froher Zeit bedenke, Schmerzen schleichen
Stets hinter dir, die sicher dich erreichen.
(Geoffrey Chaucer: Canterbury-Erzählungen, S. 188)


Die Zweifel des Künstlers

Glaubst du nicht, lieber Leser, daß das, was aus dem höhern Reich der Liebe in unsre Brust hinabgekommen, sich uns zuerst offenbaren müsse im hoffnungslosen Schmerz? - Das sind die Zweifel, die in des Künstlers Gemüt stürmen. - Er schaut das Ideal und fühlt die Ohnmacht, es zu erfassen, es entflieht, meint er, unwiederbringlich. - Aber dann kommt ihm wieder ein göttlicher Mut, er kämpft und ringt, und die Verzweiflung löst sich auf in süßes Sehnen, das ihn stärkt und antreibt, immer nachzustreben der Geliebten, die er immer näher und näher erblickt, ohne sie jemals zu erreichen. (E.T.A Hoffmann: Die Serapionsbrüder, S. 193)


Mit sich allein

Jeder Mensch hat mit sich zu tun. Was besitzt man, wenn man eine Frau besitzt? Nichts. Man kann keinen Menschen besitzen. Man besitzt nur sich selbst. Auch wenn ich liebe, überschreite ich diese Grenze nicht. Auch die Liebe ist mein Werk. Ich kann mir kein Leben borgen. Man lebt nicht weiter in seinen Kindern. Man lebt nur sich. Jeder muß allein fertig werden mit seinem Leben. Menschen, die Angst davor haben, allein zu sein, haben Angst vor sich selbst. Ihnen graust vor ihrer inneren Leere. Erleben kann man nur aktiv. Je größer der Erlebnisverschleiß, desto kleiner der Mensch. Jeder muß allein dieses ungeheuere Loch ausfüllen, das entstanden ist, als wir Gott begruben. Es war schwer, ihn zu töten. Aber die Kraft aufzubringen, sich an seine Stelle zu setzen, ist ungleich schwerer. Wer nicht stark genug ist, das Leck zu stopfen, dessen Kahn säuft ab. (Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura, S. 115)


In der Einzelzelle

Meine Mitmenschen sind mir völlig fremd; das heißt, daß ich nur vermuten kann, was sie denken und fühlen. Jeder von uns ist ein Gefangener seines eigenen Ichs und kann sich von seiner Einzelzelle aus nur durch verabredete Zeichen und Symbole mit den anderen Gefangenen verständigen, denen es ebenso ergeht. Es ist klar, daß diese Zeichensprache zu Mißverständnissen führen muß, und es ist erwiesen, daß einmal begangene Fehler sich im Rahmen unseres kurzen Erdenwallens nur sehr schwer gutmachen lassen. (W. Somerset Maugham: Vor der Party. Erzählungen, S. 7)


Geklärt wird nichts

Trotzdem kann Isidor es nicht lassen, das ihn umgebende Leben ständig nach Wert und Würde abzufragen. Dahinter steht ein philosophisches Privatprogramm, das ungefähr so lautet: Wahrheit und Lüge, Ehrlichkeit und Heuchelei, Moral und Egoismus sind unlösbar miteinander verklumpt; wir reiben uns zwischen spirituellen Sehnsüchten und unspirituellen Tatsachen auf; und geklärt wird nichts, nicht mal im letzten Augenblick. Die Zeit geht über alles hinweg und löscht das Bewußtsein aus, bevor auch nur die Fragen richtig gestellt wurden. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 38)


Die Weihnachtspest

Festbeleuchtungsfanatiker wetteifern miteinander, die Fassaden und Vorgärten ihrer Vorortbehausungen mit kompliziert verschlungenen, bunten Blinklichterketten und zappelnden Weihnachtsikonen zu schmücken, so daß es immer wieder zu Kollisionen gaffender Autofahrer kommt. (...) Woher kommt diese schleichende Weihnachtspest? In meiner Kinderzeit waren der erste und der zweite Weihnachtsfeiertag, der englische Boxing Day, arbeitsfrei, danach ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang, aber jetzt mündet Weihnachten direkt in die noch sinnloseren Festivitäten zu Silvester und Neujahr, so daß man - und mit einem das ganze Land - mindestens zehn Tage lahmgelegt ist, mit schwerem Kopf von zu reichlichem Essen, mit leerer Geldbörse nach den Ausgaben für unsinnige Geschenke, gelangweilt und genervt von lästigen Angehörigen und quengelnden Kindern, mit denen man zu Hause eingesperrt ist, und mit viereckigen Augen vom Dauerkonsum alter Filme im Fernsehen. Für einen längeren Zwangsurlaub sind diese Wochen, in denen besonders trostloses Wetter herrscht und die Tage am kürzesten sind, denkbar ungeeignet. Mein Held ist Scrooge - der unbußfertige Scrooge aus dem ersten Teil der 'Weihnachtsgeschichte' von Dickens. "Pah, dummes Zeug!" Wie recht er hatte! Und was für ein Jammer, daß er sich danach geläutert hat. (David Lodge: Wie bitte? S. 186)


Die Sucht nach dem Neuen

Es gibt in der Öffentlichkeit eine von den Medien kompromisslos unterstützte Gier nach neuen Stilrichtungen in der Mode, beim Essen, in der Innenausstattung, bei Elektronikspielereien, bei allem, was sich denken läßt. Künstler, die sich seit Beginn der Moderne dem Ziel verschrieben haben, Neues zu schaffen, aber dabei ihr Tempo selbst bestimmen wollten, werden überrollt von den rasanten Veränderungen in der Populärkultur und mühten sich ab, um auf Papier und Leinwand ihre Spuren zu hinterlassen oder dreidimensionale Gegenstände zu schaffen, auf die bisher noch niemand verfallen ist. (David Lodge: Wie bitte? S. 148)


Allseits enttäuschend

Meine Eltern gehörten zu der Art von Eltern, die immer leise unzufrieden wirkten mit allem, was man so tat, als würde man sie in kleinen Dingen permanent enttäuschen. Ich glaube, deshalb ist meine Schwester auch weggezogen, in den Norden hoch., Andererseits konnte ich den Standpunkt meiner Eltern nachvollziehen. Ich war tatsächlich etwas enttäuschend. Ich war auch für mich etwas etwas enttäuschend. Ich hab ja bereits versucht zu erklären, daß ich bei Leuten, die ich mochte, nicht richtig locker sein konnte, daß ich sie nicht dazu bringen konnte, meine Vorzüge zu sehen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war mein Leben die meiste Zeit so. Ich habe andere Leute nicht dazu bringen können, daß sie sehen, was an mir ist. (Julian Barnes: Darüber reden, S. 53)


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