Natur des Menschen (3) [<<]Von der Verfaßtheit und vom So-Sein
Themenstreusel: Menschliches Sosein StumpfsinnigeStumpfsinnige sind grundsätzlich sehr gefährlich, und zwar nicht einmal, weil sie unbedingt boshaft sind (beim Stumpfsinnigen sind Bosheit oder Gutmütigkeit völlig irrelevante Qualitäten), sondern weil sie keinerlei Erwägungen an sich heranlassen und stets rücksichtslos voranschreiten, als gehöre der Weg, auf dem sie sich befinden, ausschließlich ihnen. Von ferne mag es scheinen, es handle sich um Menschen starrer und fester Überzeugungen, die ganz bewußt auf ein gültig markiertes Ziel zusteuern. Das ist aber eine optische Täuschung, die einen nicht irreleiten darf. Es sind ganz einfach innerlich abgetötete Wesen, die nur vorwärts stürmen, weil sie außerstande sind, sich zu irgendeiner Folge von Erscheinungen in Beziehung zu setzen. (Michail Syltykow-Schtschedrin: Geschichte einer Stadt, S. 288) Ohne den Segen
CALM: Dies frohgemute Weitermachen ist doch schon der ganze Krebs! ZuweisungenDas wahre Leben setzt sich, wie die Atmosphäre aller Tage, sehr viel mehr aus trüben, grauen Stunden zusammen, die die Natur in Nebeldünste hüllen, als aus Perioden, da die Sonne strahlt und die Felder erfreut. Junge Leute sehen immer nur die schönen Tage. Später schreiben sie der Ehe allen Jammer zu, der dem Leben an sich innewohnt, denn dem Menschen ist eine Neigung eingeboren, die Ursache seiner Nöte in den Dingen oder den Wesen zu suchen, die ihm die nächsten sind. (Honore de Balzac: Der Ehekontrakt) Das Wissen des Dicken"Der Haß des Dünnen gegen den Dicken ist vielleicht von derselben Art wie der instinktive Haß des Mannes gegen die Frau. Die Frau besitzt, zumindest potentiell, ein Wissen, das ein Mann niemals erwerben kann, da sie nun mal der Ursprung neuen Lebens ist und er sozusagen nur mit seinem Stock in der Erde herumstochert. So kommt auch der Dicke, sofern er genug unter seiner Korpulenz leidet, in den Genuß eines Wissens, zu dem sein leptosomer Antipode keinen Zugang hat. Ein Leben lang hin und her geschleudert zu werden zwischen Freßsucht und Fasten... zwischen Gier und Selbstbestrafung... So einer trägt die Welt in sich." (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 476) Optimist oder PessimistIst Pessimismus als Lebenseinstellung das gleiche wie Zimperlichkeit auf dem Zahnarztstuhl, oder zeugt Pessimismus im Gegenteil von intellektuellem Mut? Das war die allesbeherrschende Frage für Quispel in diesem Frühjahr. Lehnt man in pessimistischer Haltung die Welt und das Dasein als nicht lebenswert ab, oder nimmt der Pessimist unsere Welt im Gegenteil in all ihrer Unvollkommenheit an? Pessimist und Optimist, beschloß er eines Tages, sind Zwillingsbrüder, der eine dunkel, der andere blond. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 397) Zeitpunkt für die WahrheitEin schwerwiegender Irrtum, zu glauben, die Wahrheit mache frei, gleichgültig wann, gleichgültig wo, gleichgültig von wem geäußert. Alles kam auf den Zeitpunkt an, wann eine Wahrheit überhaupt vertragen werden konnte und wann nicht; wurde sie zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort an die Öffentlichkeit gebracht, sorgte sie nur für Verwirrung und trotzige Abwehr. Die Wahrheit erfüllte sich in der Zeit; auf langen Um- und Abwegen kam sie allmählich zum Vorschein. (Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg, S. 154) Die tödlichen PapiereIch setzte mich also vor meinen Sekretär und öffnete ihn in dem Vorsatz, unter meinen alten Papieren eine Auswahl zu treffen und einen großen Teil zu verbrennen. Zuerst saß ich betroffen vor dieser Anhäufung vergilbter Blätter, dann griff ich eins heraus. Oh, rührt nie an dieses Möbel, an diesen Friedhof der Korrespondenzen von einst, wenn ihr am Leben hängt! Und wenn ihr es zufällig öffnet, packt die Briefe mit vollen Händen, schließt die Augen, um nicht auch nur ein Wort zu lesen, damit eine einzige vergessene und wiedererkannte Handschrift euch nicht mit einem Schlag ins Meer der Erinnerungen stürzt; tragt die tödlichen Papiere zum Feuer; und wenn sie Asche geworden sind, zerstampft sie zu unkenntlichem Staub... wenn nicht, seid ihr verloren... so wie ich seit einer Stunde verloren bin! (Guy de Maupassant: Novellen 1875-1881, S. 280) Vernachlässigte VerpflichtungenKleine, vernachlässigte Verpflichtungen können sehr störend werden. Wir wollen sie vernachlässigen, wir wollen sie vergessen, aber sie haken sich in uns fest, melden sich mit kleinen flüchtigen Stichen. Sie sind lästig wie die Sommerfliegen, die wir immer vertreiben und die sich immer wieder uns ins Gesicht setzen. Das ist nicht Pflichtgefühl, – nur eine Unvollkommenheit in unserem Vorstellungsmechanismus. (Eduard Graf von Keyserling: Seine Liebeserfahrung) ZurechtgestutztVielleicht verändert der Schock von 2011 die Amerikaner tatsächlich so, wie jener von 1755 uns Europäer verändert hat. Wir gehen nämlich seither den Weg des Fortschritts nicht mehr mit dem Optimismus Candides, sondern mit dem Mut des Sisyphos. Wir rollen unsere Steine den Berg hoch und sind schon recht zufrieden, wenn sie nicht gleich wieder den Berg hinunterpoltern. Das ist nicht die schlechteste Lösung. Sisyphos war bekanntlich glücklich, vergessen wir das nicht. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 104) Das Rätsel von gesternEs ist schon eine großartige Leistung der Schöpfung, daß sie es geschafft hat, uns mit einem solch wirkungsvollen Gemisch aus Erregungen und Vergeßlichkeit zu munitionieren, daß wir uns immer erneut daran machen, jenem Rätsel auf die Spur zu kommen, das wir doch schon ungezählte Male gelöst haben. Als sei es das erste Mal. Und tatsächlich ist das, was wir finden, jedesmal erregend neu, obwohl es, wären wir zu nüchterner Betrachtung fähig, dem Befund von gestern ziemlich gliche. Zum Glück sind wie, wenn wir lieben, nicht nüchtern. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 80) ZwiegespaltenEs erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir uns in der Regel des schreienden Widerspruchs bewußt sein, der unsern Alltag prägt. Nämlich, wir erleben uns als politisch reife Demokraten und wehren uns aus guten Gründen gegen jeden Abbau unserer demokratischen Rechte. Wir gestehen unsern Politikern keine noch so kleine Selbstherrlichkeit zu. Wehe, sie fragen uns nicht, ob sie das Dach des Kunstmuseums flicken dürfen. Gleichzeitig begeben wir uns jeden Tag in eine Arbeitswelt, in der nichts, aber auch gar nichts demokratisch geregelt ist. Alles läuft streng hierarchisch ab. Der Chef hat recht, auch wenn er unrecht hat, und zuweilen sind wir dieser Chef. Wie halten wir das eigentlich aus, ohne irre zu werden, tagsüber Weisungen zu empfangen und Weisungen weiterzugeben, genau nach Funktionsdefinition, und am Abend ein reifer Bürger zu sein, gleichmäßig am Wohle aller interessiert? Die Wirtschaft hat ein nur schwach entwickeltes demokratisches Selbstverständnis. Sie war und ist am Mehrwert interessiert und am demokratischen Staat nur soweit, als dieser Bedingungen zu schaffen vermag, die das Geldverdienen möglichst reibungslos erlauben. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 22) Abhängig vom GeldIn jedem und jeder von uns lebt deshalb der Traum, vom Geld unabhängig zu sein. Nicht viel zu haben, nein, gar nicht darauf angewiesen zu sein. Ein Leben ohne Geld zu leben. Mit andern Kriterien: Mit sich selber identisch eine Arbeit zu tun, die genau deshalb gar nicht mehr als Arbeit empfunden würde, mit Beziehungen zu Menschen, die nicht von Interessen geprägt wären. Manche, sogenannte Aussteiger, steigen auf einer einsamen Insel aus und winken dem davonfahrenden Boot nach und leben von Kokosnüssen und Krabbengetier. Es klappt, in der Regel, gerade bis zur ersten Magenkolik. Ein gebrochener Zeh reicht, und man gräbt nach seiner Versicherungspolice. Wenn ich mich in den letzten hundert Jahren umsehe, erkenne ich eigentlich nur einen, der die terroristischen Macht des Geldes aufgehoben hat, indem er sich eine eigene Währung schuf: Pablo Picasso. Er lernte, sein eigenes Geld zu zeichnen. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 17) Geld schafft den TodEs ist schwieriger, die diffuse Gegenwart auszuhalten und halbwegs rational zu betrachten, als auf die apokalyptischen Reiter zu deuten, die den Horizont entlanggaloppieren. Das nämlich tun wir sogar mit einer gewissen Lust. Die Apokalypse ist nicht nur schrecklich, sie ist auch großartig, allein schon, weil das eigene individuelle Sterben im allgemeinen Sterben ertragbarer wird. Es trifft alle, nicht nur mich. Ist es ein Zufall, daß mir beim Nachdenken über das Geld das Weltende einfällt? Das Geld, selber so neutral, daß es Gutes wie Böses bewirken kann, scheint doch mehr Unheil zu stiften, als daß es Glück schafft. Es macht - Ausnahmen bestätigen die Regel - egoistisch, es vereinzelt die Menschen und hindert sie daran, sich als Mitglieder einer Gemeinschaft zu verstehen, in der keiner ohne den andern leben und überleben kann. Wir denken längst, wir können das allein, unser Leben leben, besser sogar als mit den andern; wir müssen dafür allenfalls noch irgendeinen Jackpot leerräumen. Geld ist, was es wirkt. Es schafft die Unterschiede. Die Unterschiede schaffen den Neid, der Neid schafft die Wut, die Wut schafft die Gewalt, die Gewalt heißt dann oft Mord, Massenmord, Krieg, Geld schafft den Tod. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 16f.) Analysten und ProphetenUnser Geldsystem hat heute eine Abstraktionshöhe erreicht, in dem die Deuter und Propheten wieder die größte Macht haben. Wie, bizarrerweise, bei den Sumerern schon einmal, gleich bei den ersten zögernden Abstraktionsschritten, die man außerhalb der Tempel nicht zu tun wagte. Die Analysten von heute tragen immer noch Kultgewänder, keine Tücher und Turbane mehr, aber doch jene grauen Maßanzüge, ohne die Kurven, die der Dow Jones und der Dax und der Swiss-Market-Index und der Nasdaq fliegen, gleichen der Flugbahn von Bussarden und Geiern. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 16) Der Umgang mit GeldÜber das Geld nachdenkend, wird man leer, gelähmt oder jäh aggressiv, weil das alles so entsetzlich undurchschaubar ist. Das Geld macht jeden klein, es macht sogar die Größten der Großen klein, weil da immer ein noch größeres Geld bleibt, über das der größte Große nicht verfügt und dessen Wirkung er nicht versteht. Das Geld, das doch wie das Objektive selber aussieht, bewirkt in uns nur allzuoft irrationales Verhalten. Jene Ökonomen, deren Verhalten und Sprache uns signalisieren, daß sie alles im Griff haben, glauben vielleicht selber, daß sie den Markt steuern, weil sie seine Logik verstehen und das Kommende prognostizieren können. Das ist aber nicht so. Es genügt, die Prognosen des vergangenen Jahres mit den Wirklichkeiten von heute zu vergleichen. Der einzelne Ökonom mag sich und vielleicht sogar uns vernünftig vorkommen. Der Markt denkt nicht daran, sich vernünftig zu verhalten. Er reguliert sich nicht selber, schon gar nicht nach den Gesetzen irgendeiner ökonomischen Vernunft, und das aus einem ganz simplen Grund. Der simple Grund sind wir. Wir ökonomisch Handelnden, mit unserer Gier, unserer Machtlust, unserer Hoffnung, einen größeren Happen von der Beute als die andern zu kriegen. Immer, auch wenn längst alle Alarmglocken schrillen, findet sich noch einer, der sich, aufheulend vor Gier, doch noch ins Getümmel wirft. Und dadurch auch den letzten Rest von Rationalität im Markt über den Haufen rennt. Der Markt verhält sich irrational, weil die Menschen, die in ihm handeln, sich irrational verhalten. Sie können gar nicht anders handeln. Es gibt keine Objektivität im Umgang mit Geld. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 14) Fehlende TranszendenzoffenheitIn einem Paradigma, das keine Transzendenzoffenheit erlaubt, wird die menschliche Natur einem Maß unterworfen, das unmenschlich ist. Wenn durch die Anwendung von struktureller Gewalt die Transzendenz verdunkelt und die Ekstase als Flucht vor der Wirklichkeit bezeichnet wird, dann ist das Ende jeglicher evolutiven Entwicklung erreicht, und es bleibt nur noch der Fortschritt des 'Mehr-Desselben'." (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000, S. 317) Maschinengläubigkeit... wobei ich übrigens ein Lehrmädchen auf der Post nur mit Mühe daran hindern konnte, mir ganze hundert Mark zuviel herauszugeben: Sie hatte die enorme Rechenleistung, von fünfhundert Mark dreihundertvierzig abzuziehn, nicht selbst vollführen können, sondern sie einer Rechenmaschine anvertraut, und der glaubte sie nun mehr als meinem simplen Vorrechnen mit den Fingern: Dies nur als Vor-Beispiel zum Hoffmannschen MaschinenMenschen, der an den Automaten festhängt, die er gleichwohl nicht zu bedienen weiß). (Christa Wolf an Franz Fühmann, 27.6.1979) Auf Wahrheitssuche... welche Qual es oft heißt, die Wahrheit zu suchen; der Weg zu ihr ist nicht immer so beschaffen, daß man auf ihm vorwärtsstürmt. Wenn ich die nunmehr zwanzig Jahre wäge, die ich hauptberuflich als Schriftsteller verbracht habe, so senkt sich die Schale mit den Qualen sichtbar tiefer als die mit der Lust. Das ist am wenigsten Schuld der Gesellschaft, von Schuld ist zunächst überhaupt nicht die Rede, die Sache selbst bringt es so mit sich. Es ist oft grausam quälend gewesen, das eigene Leben zu überdenken und der Wahrheit seiner Existenz ins Auge zu sehen. Ich kenne nur zu gut die Versuchung, bei der halben Wahrheit stehen zu bleiben, sich einen schmalen Ausschlupf offen zu halten, vor der Scham eines Geständnisse zu kapitulieren, ein - um mit Ihnen nochmal Bjelinski zu zitieren - eine "ergötzliche kleine Lüge" zu hätscheln und, um der Pein von Konsequenzen zu entgehen, sich einen "angenehmen Irrtum" zu erlauben, kurzum, den Qualen und Ärgernissen der ganzen Wahrheit auszuweichen, und mich befällt manchmal ein Gefühl vom Neid, wenn ich Kollegen versichern höre, das Schreiben sei rundum ein prächtiger Spaß. - Nein, ich will sie doch nicht beneiden. (Franz Fühmann an Klaus Höpke, 20.11.1977) WahrheitIhre eigene Feststellung, wenn ich zwei Arten von Wahrheit unterscheide: Die Wahrheit als Resultat, und die Wahrheit als Prozeß. Zwischen diesen beiden Qualität steht keine unübersteigbare Mauer, auch diese Begriffe sind im Fluß, aber sie sind eben auch feste Begriffe, und man sollte sich hüten, sie willkürlich gegeneinander auszutauschen. Das Haben der vor uns schon gefundenen und mannigfach als gültig bestätigten Wahrheit ist etwas Anderes als das Teilhaben am Prozeß ihrer Findung, die das fortschreitende Leben ständig verlangt, und wenn die Wahrheit als Resultat allen gehört, die guten Willens sind, sie zu besitzen, gehören zum Finden der Wahrheit alle, die guten Willens sind, sie zu suchen. Da wie dort gibt es kein Monopol. Weder ein Einzelner, noch ein Berufsstand noch irgend eine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit und dürfte es auch nicht im Privileg von Mitteln sein, sie finden zu können, dürfte es nicht sein um der Wahrheit willen, die nur von allen gefunden werden kann. - Die Wahrheit des Lebens ist die Wahrheit derer, die leben. (Franz Fühmann an Klaus Höpke, 20.11.1977) Fernsehen & IdentifikationMich beschäftigt immer wieder die Frage nach der Wurzel der selbstzerstörerischen Tendenzen in den menschlichen Gesellschaften. Und hier, unter meist älteren Westdeutschen, beobachte ich noch etwas: Die (Über-) Macht der Medien. Wie die Leute süchtig sind auf problemloseste Unterhaltung und auf die Möglichkeit, sich mit Trivial-Figuren aus irgendwelchen Fernseh- Serien zu identifizieren. Nicht mit ihren Angehörigen setzen sie sich echt auseinander, sondern mit fiktiven Figuren, die ihnen keinen Widerstand entgegensetzen und sie ins Nichts führen. Woher dieses Bedürfnis, das mir gar nicht so fremd ist? (Christa Wolf an Charlotte Wolff, 2.12.1985) SchönheitDie Vase mit den Orchideenblüten. Schönheit haftet nicht den Dingen an, sondern liegt im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen den Dingen entfaltet, sagt der Dichter Tanizaki Junichiro. Und ich denke, es ist tatsächlich so, daß die Dinge sich für uns jeweils anders abschatten. Erst in unserem Blick, der immer auch aus einer bestimmten Perspektive, einer Geneigtheit, werden sie schön. (Uwe Timm: Halbschatten, S. 120) Lebenslust und DepressionJa gäbe es überhaupt die "Schöne blaue Donau" und die "Fledermaus", wenn ein Psychotherapeut den notorischen Nichttänzer Johann Strauß befreit hätte von seinen schwarzen Depressionen? Zu seinen Walzern haben vermutlich mehr Menschen gejubelt als zu irgendeinem anderen Menschenwerk, bis heute ist Johann Strauß der König der Hotelfoyer-, der Fahrstuhl- und der Flugzeug- Lande-Musik, ja der meistgespielte, meistausgeschlachtete Komponist der Geschichte. Was war das für ein Mensch? Er hatte Angst, allein zu sein, Angst, seine Einfälle könnten ihm gestohlen werden (sodaß er sich ein extra gedämpftes Klavier anfertigen ließ zum Schutz gegen Spione), und Angst vor allem, Eisenbahn zu fahren - in jedem Tunnel warf er sich zu Boden. Der Weltmeister im Ausstreuen von Lebenslust war ein Griesgram, ein Sonderling am Rande des Verfolgungswahns. Der unglückliche Strauß hat Glück gestiftet - ein glücklicher Johann Strauß wäre vielleicht nie aufgeblüht oder längst vergessen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung) Fehlende UnlustbereitschaftGesunken ist auch unsere 'Unlustbereitschaft'. Körperliche und seelische Widrigkeiten, die unsere Großväter zehn Jahre lang schweigend hinnahmen, treiben uns binnen zehn Minuten zur Tablette oder auf die Barrikade. Die Allgegenwart von Tasten, Knöpfen, Hebeln und Sensoren, mit deren Hilfe wir die erwünschte Reaktion (des Autos, der Waschmaschine, des Fernsehapparats) in Sekundenschnelle erzwingen können, züchtet Ungeduld in allen Lebenslagen und drängt uns zur Sofortlösung aller Weltprobleme. So sehr die Technik einerseits Bedürfnisse befriedigt, die wir gar nicht hatten - so sehr sind wir andrerseits imstande, mit unseren Ansprüchen den Möglichkeiten der Technik vorauszueilen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung) WäschewechselWäsche waschen, das hieß einst: Alle vier Wochen einen Waschtag einlegen, meist am Fluß, oft mit klammen Fingern, aber doch in fröhlichem Werken mit Dorfklatsch und Gesang. Vor Omas dampfender Waschküche graust es uns heute noch. Ja, die Waschmaschine hat das Leben bequemer gemacht. Aber hat sie eigentlich den Arbeitsaufwand vermindert? Nicht unbedingt - denn mit der Maschine zusammen haben sich unsere Gewohnheiten verändert. Frische Wäsche legten unsere bäuerlichen Ahnen ein- oder zweimal im Monat an. Sie allwöchentlich zu erneuern, galt noch 1914 als ein Luxus, den bei Remarque ein Bauernknecht zu den Wunderlichkeiten des Militärdiensts rechnete. ("Hast alle acht Tage deine Wäsche wie ein Kavalier"). Der heutige Maßstab, daß solche Wäsche übel gerochen haben muß, war den Leuten fremd. Es gab daran nichts, worunter sie gelitten hätten - so wenig wie unser täglicher Austausch für uns eine Quelle bewußten Vergnügens ist. Was also hat der technische Fortschritt uns auf diesem Feld gebracht? Hygiene. Das ist ja was. Nur mit Glück hat es nichts zu tun. Ja, wenn Mutter noch am Waschbrett stehen müßte, während ihre halbwüchsigen Söhne bereits auf täglichem Wäschetausch bestehen! Doch diese Kombination kommt ja nicht vor. Nicht zufällig geht in der kulturgeschichtlichen Entwicklung die Ungeduld des Wäschewechselns mit der Motorisierung des Waschens Hand in Hand. Was die Maschine an Zeit einsparen könnte, verschleudert sie wieder durch die Gewohnheiten, die ihr Vorhandensein nach sich zieht. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung) Pubertät ein Leben langIst dir nicht klar, daß die Pubertätszeit bei allen schöpferischen Menschen verlängert ist und eigentlich ihr ganzes Leben lang dauert, daß eben gerade in diesem Nicht-fertig-Werden der Stachel liegt, der für Produktion gebraucht wird? Ausnutzen muß man's, nicht sich dessen genieren. Mut dazu haben, dazu stehen, es für so wertvoll nehmen, wie es ist. Natürlich: Ein bißchen vereinsamt es auch, aber nur so viel, wie zur Arbeit nötig ist. (Christa Wolf, in: Reimann/Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen. 1964-1973) ErfolgDarüber habe ich vorhin auch meditiert: warum so viele Leute unleidlich werden, wenn sie Erfolg haben, und warum Erfolg so oft zusammengeht mit Verrat an sich selbst, und warum er manche satt macht, daß sie an Leib und Seele verfetten, und manche macht er unsicher, was beinahe noch schlimmer ist, weil hinter dieser Unsicherheit so etwas wie schlechtes Gewissen steckt (so scheint es mir jedenfalls), das überspielt, überschrien, mundtot gemacht werden muß. (Brigitte Reimann, in: Reimann/Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen. 1964-1973) Übers Wetter redenWeil die Menschen einmal der Tierwelt angehört haben, sprechen sie noch heute so oft über das Wetter und das Klima: das ist eine primitive Erinnerung, die die Sinnesorgane geprägt hat und mit den Überlebensbedingungen vorgeschichtlicher Zeiten verbunden ist. Diese begrenzten, stereotypen Gespräche sind jedoch noch immer das Zeichen für ein echtes Problem: Obwohl wir in Häusern wohnen, in denen wir aufgrund einer erprobten, zuverlässigen Technik die Garantie stabiler klimatischer Bedingungen haben, sind wir unfähig, uns von diesem tierischen Atavismus zu lösen; daher können wir uns unserer Schändlichkeit und unseres Unglücks wie ihres endgültigen, unumstößlichen Charakters paradoxerweise nur dann wirklich bewußt werden, wenn die klimatischen Bedingungen dafür günstig genug sind. (Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel) WeihnachtenDarum liegt auf dem Weihnachtsfest ein Gewicht, das kein Fest ertragen könnte. Deshalb der Weihnachtsstreß. Man hat zu lange darauf gewartet, es kann nur enttäuschend sein. Es ist auch zu sehr familienorientiert. Viele Leute werden klaustrophobisch, wenn sie zu eng eingegrenzt mit ihrer Familie, und wahrscheinlich noch mehr, wenn sie ohne sie, das Weihnachtsfest verbringen sollen. (Jay Griffiths: Slow Motion. Lob der Langsamkeit) Erbarmungslose NaturWenn man sich beispielswiese die Naturfilme im Fernsehen ansieht, sagte der Dekan, sollte man ja, wenn man mit normalen intellektuellen Fähigkeiten begabt ist, ziemlich nachdenklich werden. Diese Welt kann keine richtig sympathische oder wohlwollende Welt sein! Was wir sehen, ist eine fast durch und durch böse Natur. Eine gigantische, sinnreiche Maschinerie, dafür eingerichtet, Schmerzen zu bereiten, immer aufs neue. Wovon handeln diese Naturfilme? Kleine hilflose Tiere werden zu Tode gejagt. Von größeren und stärkeren, von schnelleren oder von listigeren Tieren. Sie werden zu Tode gejagt, und sie dürfen nicht ohne Schmerz, lähmende Angst, ja Erniedrigung sterben. Und das Eigenartige ist ja, daß dies der Allgemeinheit als lehrreiches, nahezu erbauliches Programm präsentiert wird. Man kann den hechelnden, apologetischen Eifer dieser Naturenthusiasten förmlich hören, wenn sie uns zu erklären versuchen, wie raffiniert und reizend es ist, wenn der Hautflügler seine Eier in den hilflosen Körper der vollständig gelähmten Larve legt. Offenbar erwarten sie wirklich, daß wir das bewundern! Die Präzision, mit der diese scheußlichen kleinen Maschinen, kaum anders als Computerprogramme, ihren Legestachel an den richtigen Stellen in den Körper des armen Wirtstiers bohren, die Jagdtechniken des Raubtiers und die Grausamkeit des Neuntöters gegen die Feldmäuse. Di erbarmungslose, effektiv funktionierende Grube des Ameisenbärs, die dem Opfer keine Chance läßt, oder das kunstvolle Fangnetz der Spinne. Warum sollten wir das bewundern? Kann man sich für die Entwicklung von Leben auf einem Planeten eine grausamere Methode vorstellen als die Evolution? Eine schmerzhaftere, eine brutalere, eine gleichgültigere! (Lars Gustafsson: Der Dekan, S. 93f.) MenschenopferWas Scheußlichkeiten betreffe, so könne er ihnen manches beibringen, diesen Terroristen, bloße Anfänger, die nichts weiter konnten, als die Leute mit der Kugel oder mit dem Messer umzubringen oder ihnen den Kopf zu zertrümmern, Lappalien im Vergleich zu den Techniken der alten Peruaner, die darin äußerst raffinierte Formen entwickelt hatten. Mehr noch als die alten Mexikaner, obwohl es ein internationales Komplott der Historiker gebe, um den peruanischen Beitrag zur Kunst der Menschenopfer zu schmälern. Alle Welt wisse, daß die aztekischen Priester den Opfern des Blumenkrieges auf der Spitze der Pyramiden das Herz herausrissen, aber wer hatte von der religiösen Leidenschaft der Stämme der Chancas und der Huancas für die menschliche Eingeweide gehört, von der Präzisionschirurgie, mit der sie Leber, Gehirn und Nieren ihrer Opfer entfernten, die sie, begleitet von einer guten Mais-Chicha, bei ihren Zeremonien verzehrten? (Mario Vargas LLosa: Tod in den Anden, S. 206) Shakespearische Gefühle"Das ist unser ironisches Schicksal - shakespearische Gefühle zu haben und (wenn wir nicht durch eine Chance von eins in einer Billion zufällig wirklich Shakespeare sind) von ihnen wie Automobilverkäufer zu reden oder Halbwüchsige oder Universitätsprofessoren. Wir üben die Alchimie in umgekehrter Richtung aus - berühren Gold, und es verwandelt sich in Blei; wir berühren die reinen Lyrismen des Erlebens, und sie verwandeln sich in die verbalen Äquivalente von Quatsch und Gewäsch." (Aldous Huxley: Genie und Göttin) Ein brauchbarer SchmarotzerIch nehme Gastfreundschaft nicht gerade gern in Anspruch. Der Gast ist stets ein untergeordneter Mensch, dem Haus untergeordnet, das ihn aufnimmt. Er fühlt die lästige Verpflichtung zu einer ständigen Dankbarkeit, während sich der glückliche Gastfreund behaglich dem Genusse seiner generös geübten Wohltat hingeben darf. Weiß Gott, Geben ist seliger denn Nehmen. Insbesondere dann, wenn der Nehmende aufs Geben angewiesen ist. Allzuleicht gerät der Gast in den muffigen Verdacht, seine geheiligte Rolle nur aus Ersparnisgründen zu spielen. Zu den gewöhnlichsten Dingen des Lebens muß man entweder Talent oder Stumpfheit genug besitzen, um ihre peinliche Zweideutigkeit zu überwinden. Wie viele innere Freiheit und Menschenverachtung gehört zum Beispiel dazu, ein brauchbarer Schmarotzer zu sein. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 94) Der WeißstrumpfDie Naturgeschichte erzählt uns, daß in den frühen Erdepochen jeweils eine andre Tierart vorgeherrscht hat. Die Echsen zum Beispiel und dann die Reptilien. Gegenwärtig ist die Tierart des Weißstrumpfs an der Reihe, die Erde zu erobern und sie umzuprägen. Schauen Sie sich nur gut die Photographien in sämtlichen illustrierten Zeitungen an, gleichgültig wo, in Amerika, in Rußland, in Deutschland, ja sogar bei den Farbigen. Immer derselbe Typus, schlank, hübsch, muskulös, mit leeren Augen, unbeträchtlichem Hirnkasten, aktivistischem Kinn und blitzenden Filmzähnen. Schwimmend, springend, laufend, boxend, motorisiert von A bis Z! Einer wie der andre. Man kann die Gesichter von Pferden und Hunden leichter auseinanderhalten als die Gesichter der Weißstrümpfe. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 35) Die guten BösenÜber den Daumen gepeilt, gibt es nur vier Sorten von uns: die guten Guten, die bösen Bösen, die bösen Guten und die guten Bösen. Die guten Guten und die bösen Bösen bleiben, was sie waren, die sind selten, aber langweilig. Ebenso die bösen Guten, die sind eine Weile die lieben Kinder braver Eltern mit Häuschen und Garten, doch sie werden größer und wollen die Häuschen und die Gärten und machen alles, damit sie alles bekommen, wovon sie meinen, es stünde ihnen zu. Die einzigen, die zählen, das sind die guten Bösen, die ziehen die Arschkarte schon am Tag ihrer Geburt und lernen, wie die bösen Bösen, nichts als lügen und betrügen und prügeln und rauben, bis sie ein paar Jahre Knast abgreifen und auf dem Zahnfleisch kriechen und manchmal unter die Röcke einer Religion oder einer Ideologie. (Katja Lange-Müller: Böse Schafe, S. 128) Die Erregungen seiner NaturDem "Du sollst nicht töten" fügte ich hinzu: "Beschränke die Geburt von Mensch und Tier - Er, der gesagt hat, 'Du sollst nicht töten', hätte auch sagen sollen: 'Du sollst nicht übermäßig zeugen'..." Dem Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" fügte ich hinzu, daß keine Ehe länger als fünfzehn Jahre dauern sollte. Direkt neben diese Dreistigkeit zeichnete ich ein Wesen mit dem Geweih eines Hirschs, den Schuppen und Flossen eines Fischs und den Beinen eines Hahnes. Beim Nachdenken über das, was ich aus der Geschichte und von meiner eigenen Natur her wußte, war ich bereits zum Schluß gekommen, daß die Menschen ständig Abenteuer, Abwechslung, Risiken, Gefahren und Herausforderungen brauchen. Die Angst vor der Langeweile ist mindestens so groß und oft sogar größer als die Angst vor dem Tod. Aber gibt es überhaupt eines Basis für Ethik angesichts dieser biologischen Notwendigkeiten? Sind nicht alle Gebote nur Wunschdenken? Kann im Unterdrücken der Gefühle ebensoviel Abenteuer liegen wie darin, ihnen freien Lauf zu lassen? Liegt nicht mehr Risiko in der Zerstörung als im Aufbau? Kann der Mensch jemals den Launen und Erregungen seiner Natur nachgeben, ohne andere Menschen und Tiere zu verletzen? (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 148) ZurückversetztJa, mein Liebchen, wenn ich heute um mich sehe und die Menschen von heute in ihrem Treiben und bunten Wesen betrachte, so kommt mich oft ein Staunen an um ihre Hast und Ungeduld. Ich sehe sie rennen und laufen, ich sehe sie auf ihren Eisenbahnen dahinfliegen; ich sehe sie ihre Gebäude aufrichten über Nacht und ihre Gewohnheiten und Meinungen, ihre Kunst und Wissenschaft, alles das, worin und wonach sie leben, ändern, wie man die Hand umkehrt. Ich höre ihr Sprechen und Seufzen, wie alles so schlecht bestellt und wie's kaum noch der Mühe wert sei, Atem zu holen; und mit all dem kommt mir der Wunsch und Gedanken, daß der Herr sie plötzlich mit Haut und Haar zurückversetzte in die Welt vor fünfzig Jahren und sie da einmal acht Tage lang ihren Weg suchen lasse. Da würden sie schön in die Kniee fahren. (Wilhelm Raabe: Frau Salome) OligospermieLeicht demütigende, aber rasche Untersuchungen ergaben, daß er an einer 'Oligospermie' litt. Der Name der Krankheit war in seinem Fall eher ein Euphemismus: Seine Ejakulate, deren Volumen im Übrigen recht bescheiden war, zeichneten sich nämlich nicht durch 'eine zu geringe Anzahl von Spermien' aus, sondern sie enthielten 'überhaupt keine Spermien'. Eine Oligospermie kann sehr unterschiedliche Ursachen haben: Krampfaderbildung im Hodensack, Hodenschwund, hormonales Defizit, chronische Entzündung der Prostata, Grippe oder anderes. Sie hat nur in den seltensten Fällen etwas mit männlicher Potenz zu tun. Manche Männer, die nur sehr wenige oder gar keine Spermien produzieren, haben bisweilen Erektionen 'wie ein Stier', während andere, fast impotente Männer damit ganz Westeuropa wiederbevölkern könnten. (Michel Houellebecq: Karte und Gebiet, S. 287) FernmanipulationMan muß mit der Zeit gehen. Im Mittelalter wäre ich nicht in die Ferne aufgebrochen, ohne meine Liebste in einen Turm oder einen Keuchheitsgürtel einzuschließen; im neunzehnten Jahrhundert hätte ich ihr eine Zwangsjacke gekauft. Heute, aus törichter Rücksicht auf die Freiheit des Individuums, stehen uns dies wohlbedachten und zuverlässigen Verfahren nicht mehr zu Gebote. Um Menschen aus der Ferne unter Kontrolle zu halten, muß man sie telekommunikativ bombardieren. (Amelie Nothomb: Attentat, S. 141) Einschätzung von KunstIm Zweifelsfalle ist es immer gefährlicher, einen Künstler zu bewundern, als Vorbehalte anzumelden. Dies ist nicht allein eine Frage des Mutes; denn es bedarf auch einiger innerer Substanz, um einen Künstler schätzen zu können, um so mehr, wenn man ohne die 'Hilfe' eines anderen entscheiden muß, ob er schätzenswert ist. Davon haben die meisten Leute nichts oder nur wenig. Darum gibt es viele Fans und so wenige Bewunderer, so viele Verächter und so wenige Gesprächsbereite. (Amelie Nothomb: Attentat, S. 132) Relationen der Vergleiche"Wo man auch steht, die Sehnsucht geht immer zum anderen Ufer", wusste schon Laotse. Das größere Auto des Nachbarn, die höhere Position des Bruders, die Arbeitsbedingungen im Betrieb einer Bekannten, die Natur in Australien – es ist überall besser, wo wir nicht sind. (...) Die Nulllinie des Erlebens pegelt sich per Gewöhnung immer in der Mitte der Lebenssituation ein, in der man gerade ist. Ein Australier entwickelt wegen fünf Regentagen im Jahr das gleiche Maß an Ärger wie Sie wegen 50 Regentagen. (Dietmar Hansch: Erfolgreich gegen Depression und Angst) Vermurkste KonstruktionDie Evolution ist überhaupt ein schlechter Konstrukteur. Sie kann alte Strukturen kaum mehr korrigieren, muss immer wieder neue anbauen und all dies in sich wandelnde Funktionszusammenhänge einbinden. Schon unser Körper ist deshalb eine ziemlich vermurkste Konstruktion: Die Netzhaut ist falsch herum ins Auge eingebaut, Wirbelsäule und Hüftgelenke taugen nicht für den aufrechten Gang, Speiseröhre und Luftröhre überkreuzen sich, was Jahr für Jahr Hunderte von Erstickungstoten kostet, usw. Das betrifft auch das Gehirn: Als das Schlafzentrum justiert wurde, waren die Hirnrinde und das Denken noch nicht erfunden. Deshalb können Menschen schlecht abschalten, deshalb klagen 30% aller Erwachsenen über Schlafstörungen. Vor allem ist das Gehirn ein höchstgradig vernetztes System, was die Gefahr positiver Rückkopplungen mit sich bringt. Bei dem überkomplexen Durcheinander in unserem Gehirn kommen diese Rückkopplungen auch schnell in Gang (...) (Dietmar Hansch: Erfolgreich gegen Depression und Angst) |