Navigation
Rubriken
|
Themenstreusel (4)
Vom Menschlichen SoSein
- Ich sehe jeden Tag etwas ein, nur ist es oft dasselbe, was ich vor einer Woche schon eingesehen habe. (Max Frisch an Uwe Johnson, 9.4.1975)
- Ich bin wieder einmal betrübt über Ihren ausdauernden Blick auf Ereignisse nach Ihrem Ableben, da doch die Ärzte Fehl an Ihrem Zustand zu finden außerstande sind. (Uwe Johnson an Max Frisch, 22.3.1975)
- Irgendwie besaß Lowborough die Gabe der Mäßigung nicht. Geriet er ein wenig nach der einen Seite ins Stolpern, so mußte er erst ganz zu Boden, bevor er sich wieder erheben konnte. Schoß er in einer Nacht übers Ziel hinaus, machten ihn am nächsten Tag die Auswirkungen davon so elend, daß er die Übertretung wiederholen mußte, um den Schaden zu heilen- und so ging es weiter von Tag zu Tag. (Anne Brontë: Die Herrin von Wildfell Hall, S. 291)
- Adam war auch nur ein Mensch - das erklärt alles. Ihn gelüstete nicht nach dem Apfel an und für sich; es gelüstete ihn nur nach dem Verbotenen. Der eigentliche Fehler war, den Apfel und nicht die Schlange zu verbieten; sonst hätte er nämlich die Schlange verspeist. (Knallkopf Wilsons Kalender)
- Es gehört zu den Ungereimtheiten des Lebens, daß uns selbst manchmal bis zuletzt verborgen bleibt, was uns jeder andere hätte sagen können. (Joseph Roth: Erzählungen)
- ... ein längeres Flüstergespräch über die im Gleichmaß mit der Proliferation des Informationswesens fortschreitende Auflösung unserer Erinnerungsfähigkeit. (W. G. Sebald: Austerlitz, S. 400)
- Was der Mensch, so Fritz J. Raddatz, Tucholsky adaptierend, doch eigentlich wolle, sei ein Haus an der Nordsee mit Blick auf die Alpen.
- Wurde nicht alles im Leben erst dadurch reizvoll, daß man ihm ein Quäntchen Boshaftigkeit beimengte? (Florian Felix Weyh: Toggle, S. 156)
- Daß ausgerechnet die Mitmenschen, die sich ihres Feingefühls rühmten, einem so penetrant ihre Gefühle aufdrängen mußten. (Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe, S. 162)
- Das passierte ihm öfter, daß andere etwas hatten, was er gar nicht haben wollte, und er trotzdem neidisch darauf war. (Hans Ulrich Treichel: Grunewaldsee, S. 200)
- Im Grunde mußte man ja gar nicht selbst denken als Student. Man mußte nur das bereits Gedachte halbwegs verstehen, speichern und gegebenfalls wieder von sich geben. Das genügte. Irgendwo hatte er einmal gelesen, daß es zwei Sorten von Gelehrten gebe: zum einen die wahrhaften Denker und zum anderen die Denker von Gedachtem. (Hans Ulrich Treichel: Grunewaldsee, S. 10)
- Erstaunlich, denkt er, daß die Menschheit trotz der ihr zugemuteten Todeserkenntnis so viel zustandebringt. (Helmut Krausser: Eros, S. 145)
- Ich schwor, mich nicht kaufen zu lassen, zu keinem Preis - und wußte im selben Moment, daß, wer solche Schwüre leistet, die drohende Gefahr nicht nur spürt, sondern ihr entgegeneilt. (Helmut Krausser: Eros, S. 7)
- Man macht einen Schritt über seine herznahen Belange hinaus, schon wird man mitschuldig an irgendwelchen Schweinereien. (Ralf Rothmann: Berlin Blues. Ein Schauspiel, S. 85)
- Meine gute Stimmung verfestigt sich zum Abend hin. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)
- Der merkwürdigste Punkt im Leben ist immer, wenn sich plötzlich ein zuvor heftiges Interesse aufzulösen beginnt. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)
- Ich bin jemand, der einmal gegebene Zusicherungen nicht gerne relativiert, auch vor mir selber nicht. (Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh)
- Sie ging im Bann eines jener mörderischen Wutanfälle hinaus, bei denen man sich die Macht wünscht, alles zu vernichten, und die, da man dazu nicht imstande ist, an den Wahnsinn grenzen. (Honore de Balzac: Der Ehekontrakt)
- Schüchterne Menschen sind argwöhnisch, jähes Entgegenkommen erschreckt sie. Sie laufen vor dem Glück davon, wenn es lärmend naht, und geben sich dem Unglück preis, wenn es bescheidentlich und begleitet von weichen Schatten naht. (Honore de Balzac: Der Ehekontrakt)
- Zweifellos ist es für einen Mann, der seinen Lebensunterhalt verdienen muß, ein Unglück, mit einem wahrhaft edlen Charakter geboren zu sein. Eine noble Seele bringt einen Mann ins Armenhaus. (Thomas Hardy: Blaue Augen)
- Wenn sie das Schlimmste wüßte, konnte sie kein Zufluchtsort mehr für ihn sein. Ihm kam ein Gedanke, der ihm noch nicht ganz klar war. Soldaten sagten, daß sie ihren Frauen nichts von Frankreich erzählten, um sie nicht zu beunruhigen. Aber es war mehr als das. Er brauchte ihre Unwissenheit, um sich darin zu verstecken. Doch gleichzeitig wollte er, daß sie möglichst viel voneinander wußten. Und diese beiden Wünschen waren unvereinbar. (Pat Barker: Niemandsland)
- Das In-guter-Kondition-Halten der menschlichen Psyche ist eine Forderung unserer sich in alles einmischenden Gesellschaft - und der Mord an tieferer Erkenntnis. Im übrigen führt auch die Wissenschaft mit ihrer einseitigen Kultivierung des Verstandes zu einer Verstümmelung des Gehirns, so daß neben den Türen der Erkenntnis, die sich quietschend öffnen, andere Türen sich verklemmen. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 612)
- "Der Mensch ist bestenfalls ein plump verzierter Rahmen um das Loch, aus dem er seinen Abfall in die Welt drückt." (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit)
- Was bleibt vom Menschen übrig? Wie gesagt: Mindestens ist er der ziemlich plump verzierte Rahmen um das Loch, aus dem sein Schmutz in die Welt tropft... und bestenfalls ebendieser Rahmen, allerdings um den Spiegel seines Geistes. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 609)
- Zu den überspannten Schöpfungen des Menschen, zu seinen größten Taten der Selbstüberschätzung gehört doch sicherlich auch die Installierung eines Ziels. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 595)
- Eigenartig, wie gut die Menschen ihre Haushaltsgegenstände im Laufe der Zeit kennenlernten, mitsamt allen Schönheitsfehlern und Macken... (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 365)
- Wenn nur das Mitleid nicht so ermüdend wäre, immer das Leben der anderen mitleben, obgleich – dreiviertel unseres Lebens liegt irgendwo im Leben der anderen. Können wir das nicht mitmachen, so bleibt uns nur ein Viertel, das ist für den Rausch zu wenig, das ist fast Nüchternheit. (Eduard Graf von Keyserling: Bunte Herzen)
- Schon daß es gleichgültig ist, worüber man redet, zeigt eine Lebensübereinstimmung. (Martin Walser: Ein liebender Mann, S. 128)
- Wir leben in den Fußstapfen unserer Fehler. (Heinrich Steinfest)
- Wie alle großen Geister einsam sind, weil ihre Geisteshöhe sie über die gemeine Ebene der Dummheit erhebt, hatte Heraklius sich bis dahin einsam gefühlt. (Guy de Maupassant: Novellen 1875-1881, S. 54)
- Jeder neu formulierte Unterschied, der nichts anderes als das seitenverkehrt gespiegelte Eigene ist, erhöht das Wohlbehagen. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 266)
- ... daß niemand gern die Träume eines andern hört. Nicht, weil sie uns zu intim wären. Nein, die Träuem der andern sind langweilig. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 256)
- Nur weil wir den Schrecken, den wir eigentlich empfinden müßten, abwehren können, halten wir das Leben aus. Können wir es ohne allzu verschlingende Ängste verbringen. Ein Hoch auf die Abwehr, ein Hurra auf unsere Fähigkeit, einzeln und kollektiv das Entsetzen von uns fernzuhalten. Man kann nicht zuviel von uns verlangen, überleben zu wollen, ist etwas Egoistisches. (Urs Widmer: Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, S. 19)
- Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Sorge für den freigebliebenen Menschen, als den zu finden, vor dem er sich beugen kann. (Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)
- Die uralte amerikanische Geschichte: Beschützt die Jungen und Mädchen vor dem Sex. Aber dafür ist es immer zu spät. Zu spät, weil sie bereits geboren sind. (Philip Roth: Das sterbende Tier, S. 68)
- Ich - wie kann man zwanzig Jahre später noch ich sagen? (Arnold Stadler: Der Tod und ich, wie zwei, S. 50)
- Wer den Hochmut mit dem Tod bezahlt, wird als tragisch angesehen, wer weiterhumpelt, als komisch. (Uwe Timm: Halbschatten, S. 220)
- Die wenigsten, die einen Kerker auf die Bühne brachten, haben auch nur einmal in einem Kerker gelegen und wollen uns doch sagen, wie man sich vor einer Hinrichtung befindet; Büchner, als er seinen ungeheuren Danton schrieb, kannte die Guillotine von Stichen, Kafka ist niemals Käfer gewesen. (Max Frisch, Briefwechwsel mit Friedrich Dürrenmatt)
- Es übersteigt die Möglichkeiten der menschlichen Kraft, und unserer Gehirnstruktur, beide Bereiche, das innere und das äußere Leben, souverän zu gestalten! (Arno Schmidt: Nichts ist mir zu klein. Funk=Essays Bd.1)
- Ein Leben, angefüllt mit eigener Arbeit, das muß den Tod Respekt abnötigen. Die Zeit tickt zwar stur daher, wir aber lassen etwas hinter uns liegen. Es ist ein produktiver Irrtum. (Urs Widmer: Das Normale und die Sehnsucht)
- "Unzufriedenheits-Dilemma" - Dachwort der Sozialwissenschaftler für Menschen oder Gesellschaften, die sich schlecht fühlen, obwohl es ihnen "objektiv" gut geht - Deutschland im 21. Jahrhundert zum Beispiel. Im schönsten Komfort, mit unbeschränktem Zugang zu allen Kulturgütern und mit einem Grad von Freiheit, wie er auf Erden selten war und ist, finden viele ihr Leben dennoch zum Gähnen oder zum Kotzen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung)
- Wir sind eben außerstande, beim Rückblick auf unsere dreißig, sechzig Lebensjahre von den Umständen und den Stimmungen des Tages abzusehen. Es wäre übermenschlich, im Licht einer gestern gewonnenen Lottomillion dieselbe Lebensbilanz zu ziehen wie in Erwartung der nächsten Nierenkolik. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung)
- ... obgleich viele, die sich Trost und Mitleid verbitten, im Inneren wünschen, daß ihnen jemand übers Haar streicht. (Brigitte Reimann, in: Reimann/Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen. 1964-1973)
- ... ist es nett, daß hierzulande immer irgendwas kaputtgeht und daß, dank eines winzigen dreisten Schräubchens, das sich ungefragt verkrümelt, der Geist aus der Flasche, die TECHNIK, auf menschliches Maß zusammenschrumpft. (Brigitte Reimann, in: Reimann/Wolf: Sei gegrüßt und lebe. Eine Freundschaft in Briefen)
- Ein Mensch - gewaltsam in eine Masse gezwängt - verliert spielend leicht sein bißchen Willen, (Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, S. 30)
- Wie alle richtig bäuerlichen Typen, sagte er, ist meine Bewunderung für die Natur sehr begrenzt. (Lars Gustafsson: Der Dekan)
- ... weil die Hoffnung die Menschen ertragen läßt. Ein anderes Wort für Lüge, sonst wären sie schon alle tot, die Menschen, würden sie nicht hoffen, daß irgendwann die Erleuchtung käme, das Wunder. (Sibylle Berg: Amerika)
- Ein großer Friede wird dem Menschen, wenn er etwas genauso vorfindet, wie er sich vorgestellt hat. (Sibylle Berg: Amerika)
- ... weil Zufriedenheit doch eine Eigenschaft von Dummköpfen ist. (Sibylle Berg: Amerika)
- Manche Menschen werden kleiner, wenn man sie unter die Lupe nimmt. (Andreas Poser)
- Es sei ihm die Tatsache immer erschreckend gewesen, daß die meisten Leute schon sehr früh ihr Geistesvermögen aufgebraucht haben und aufeinander und urplötzlich vor dem Nichts stehen und den Rest des Lebens dann mit dem von ihm so genannten Geistesexistenzminimum dahinvegetieren. (Thomas Bernhard: Die Billigesser)
- Was für ein böses Geschöpf ist der Mensch, wenn er Macht hat. (Luise Rinser: Wachsender Mond. 1985-1988)
- Die meisten Menschen bewohnen ein Weltall, das wie französischer 'cafe au lait' ist - fünzig Prozent Magermilch und fünfzig Prozent abgestandenes Zichorienwasser, halb psychophysische Wirklichkeit und halb konventioneller Wortschwall. (Aldous Huxley: Genie und Göttin)
- Es ist seltsam bestellt um den Geist; nie erhebt er sich höher, als wenn der Leib eine Weile durch die Gosse gewatet ist. (W. Somerset Maugham)
- Es gibt Lebenslagen, in denen jede sichere Tatsache zu Brei zerfließt. Deshalb ist auch der gerühmte "Realismus" ebenso nur ein angespannter Willensakt wie irgendein mystisches Dafürhalten. Mag die Welt sein, was sie will, sie spielt sich ausschließlich in unserem Innern ab. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder)
- Die Menschen brauchten von Zeit zu Zeit ein paar Abweichungen, damit sie um so unangefochtener in ihren Verhältnissen weiterleben konnten. (Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman)
- Der Mensch sehnt sich nach großen Ereignissen, und ein größeres Ereignis als Krieg gibt es nicht. Lieber donnernde Kanonen und ächzende Mähren als Langeweile, so ist der Mensch. Und wer Krieg führt, der langweilt sich nie. Nicht Müßiggang, sondern die Flucht in große Ereignisse, um dem Müßiggang zu entkommen, ist aller Laster Anfang. (Maarten 'tHart: Der Psalmenstreit, S. 367)
- "Wenn er nicht genügend Aufmerksamkeit kriegt, wird er krank. Wie immer." Julian seufzt. Manche Menschen beziehen ihre Sicherheit vorwiegend aus dem Gleichbleiben ihres Elends. (Paulus Hochgatterer: Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen, S. 17)
- Kindische Wünsche umgehen alle Fallen des erwachsenen Bewußtseins und überleben dieses oft bis in hohe Alter. (Milan Kundera: Das Buch der lächerlichen Liebe, S. 78)
- Der Mensch durchschreitet die Gegenwart mit verbundenen Augen. (Milan Kundera: Das Buch der lächerlichen Liebe, S. 9)
- Was einen denkenden Menschen wirklich bedroht (...), sind zwei Dinge: Dummheit und Teamarbeit.
- Wenn die Krankheit sich wohlfühlt, wenn sie merkt, daß sie an den Richtigen geraten ist, macht sie es sich sehr schnell gemütlich. (Urs Widmer: Herr Adamson, S. 38)
- Man sieht, warum ich für Introspektion, für tiefes Graben, nicht viel übrighabe. Kratz an der Oberfläche, und Häßliches quillt heraus. (John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 357)
- Es ist leicht, Menschen in der Erinnerung zu lieben; schwierig ist es, sie zu lieben, wenn sie da sind, vor deinen Augen. (John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 256)
- Das menschliche Bewußtsein hat sonderbare Fäigkeiten. Wie groß auch immer Dinge waren, es konnte sie umfassen, als sei es selbst noch größer. (John Updike: Die Tränen meines Vaters)
- Man kann jahrelang in völliger Isolation arbeiten, aber irgendwann kommt dann ein Moment, in dem man das Bedürfnis hat, seine Arbeit der Welt zu zeigen; nicht so sehr, um deren Urteil einzuholen, sondern um sich selbst der Existenz dieser Arbeit und sogar der eigenen Existenz zu vergewissern, denn innerhalb staatenbildender Arten ist die Individualität nur eine kurz anhaltende Fiktion. (Michel Houellebecq: Karte und Gebiet, S. 121)
- Ich glaube, immer beobachtet zu haben, daß der sogenannte realistische Mensch in der Welt unzugänglich dasteht, wie eine Ringmauer aus Zement und Beton, und der sogenannte romantische wie ein offener Garten, in dem die Wahrheit nach Belieben ein und aus geht... (Joseph Roth: Die Kapuzinergruft, S. 76)
- Man ist mehr Monster, als man weiß. (Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht)
- Jeder Mensch begreift stets nur zu seinen Gunsten. (Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, S. 330)
- Manchmal höre ich im Radio, daß eine Sportsendung läuft. Der Sprecher geifert, wer wieviel sprang oder traf. Und das hören sich Millionen an. Völlige Verkalkung einer Zivilisation in den Sportprogrammen. (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 75)
- Schopenhauer sah in den "Zweibeinern" - sich selbst und vielleicht Kant ausgenommen - gemeine, viehische, habgierige, dumme Schmarotzer. Und so ist die große Mehrheit in der Tat. Aber er scheint vergessen zu haben, daß nie die Mehrheit zählt, sondern immer und zu jeder Zeit nur die sehr wenigen, die anders sind. (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 67)
- Ein Mensch - gewaltsam in eine Masse gezwängt - verliert spielend leicht sein bißchen Willen. (Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, S. 29)
- Jede schlechte Absicht wirkt eher beruhigend als furchteinflößend: Man weiß wenigstens, daß der Mensch jederzeit zu jeder Schandtat fähig ist. Überraschungen ausgeschlossen! (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 33)
- Es ist eine meiner Besonderheiten, daß gewisse Wirklichkeiten mir als 'wahr' nur erscheinen, wenn die Phantasie sie vergrößert. (Julien Green: Der andere Schlaf, S. 93)
- Man sieht hier, wie der junge Mensch von einer der härtesten Tatsachen des Lebens noch gar nicht durchdrungen zu werden vermag: von der absoluten Konstanz der Charaktere. Unter den Erwachsenen zeigen nur die Pädagogen diesen infantilen Zug, der sie an die Möglichkeiten von Erziehung durch andere glauben macht. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Lügen, die eingealtet sind und im Haushalt der Seele ihre notwendige Rolle spielen, können nicht plötzlich durch die Wahrheit ersetzt werden. Jede zweite Wirklichkewit, von der ersten schlagartig verdrängt, führt nicht in diese, sondern in den Tod. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Wir fanden uns, hatten wir uns gleich seit dem 23. Juni nicht mehr gesehen, keineswegs in jener Verlegenheit, in die alle Leute immer wieder geraten, denen ein wirklicher Bezug zueinander fehlt und deren eigentlich angemessene Form des Verhältnisses doch stets das Entfernt-Sein bleibt, wenn man auch gelegentlich einmal zusammentrifft und sich gegenseitig ins Bild zu rücken trachtet, das doch nie eines werden kann. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Ich erkannte, daß jeder wirklich anständige Mensch eine Art Edelstein im Gehäuse seiner Person trägt: und das sind die Rubine, auf welchen des praktischen Lebens Uhrwerk ruht, das seinen Gang nicht behalten kann, wenn diese unentbehrlichen Widerlager ausfallen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Wir alle sind vielseitige Prismen: so viele Menschen uns kennen, so vielmal verschieden existieren wir. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Wenn man irgendwo nicht wirklich anpacken will, dann sieht man auch die Stelle nie, wo es wirksam getan werden könnte. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- ...zeigte sich doch, daß eine behelfsmäßig angenommene Attitüde, eine Pose, wie jene des altruistischen Interesses bei Orkay, unversehens gerade in die Haltung übergehen kann, welche hat dargestellt werden sollen! (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Jedes wirkliche Gespräch bricht Tore in's Hier und Jetzt, in's So und So, ein Vorgang, der zur größten Unhöflichkeit, ja, Lieblosigkeit ausartet, gegenüber jedem, der nun einmal entschlosssen ist, alles andere eher zu tun als durch ein solches Tor zu gehen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- "Jedermann, der einer Sache wirklich nützen will und nicht nur irgendwas nachplappert, wird früher oder später von den durchschnittlichen Anhängern der Richtung für zweideutig gehalten werden: und das nur, weil er kein Simpel ist." (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- All diese fragwürdigen Schlußfolgerungen dachte ich jetzt ordentlich zu Ende. Jedes Zu-Ende-Denken ohne Verluste des Fadens befriedigt. Diese Befriedigung ist eine lächerliche, denn beim tieferen Denken geht der Faden immer verloren. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- An uns allen öffnet sich mitunter ganz plötzlich ein Plaudermund, als bräche eine Wunde auf, und blutete nun, nach langer Verharschung und Verhärtung des Schweigens. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Selbstverständlichkeiten sind Ungeheuer, die neben uns geschlafen haben. Jetzt erwacht das Untier, es rührt sich. Wir haben es erkannt. Nur Selbstverständlichkeiten können den Gegenstand wirklicher Denkakte bilden. Das Originelle und Interessante ist immer zweiklasig. Daher gibt es nur zweitklassige Anekdoten. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Es gibt in jedem Stande Leute, die aus ihm herausfallen, sei's die Treppe hinauf, sei's die Treppe hinunter. Es gibt Hocharistokraten, die Bibliothekare züchten oder überragende Erkenntnistheoretiker sind. Es gibt Industrieproletarier mit geistesgeschichtlichen Wendepunkten. Es gibt Buchbinder mit genialischen Aspekten. (...) Es gibt Kleinbürger mit Weite des Herzens und großartiger Humanität. (Doderer)
- Der Schaden, den ein Freund uns bringt, ist manchmal fast so groß wie der Nutzen, den ein Feind uns bringt; aber das unmündige Volk der Gefühle, der Sympathien und Antipathien, hat indessen, überall herumtollend, die Namensschildchen an den richtig zugewiesenen Örtern vertauscht. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Jedermann ist übrigens auch die Tugenden seiner Feinde zu sehen, wenn diese Tugenden ausnahmsweise einmal ihm selbst zustatten kommen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- "Ein idealer Richter", sagte Andree. "Was für ein Höhenflug der Phantasie. (Sybille Bedford: Ein trügerischer Sommer)
- Die Spitzen, welche wir unserem Leben dann und wann angeschliffen haben, waren vielleicht wirklich notwendig; wenn sie dann wieder weggebrochen sind, wirken sie freilich alle unverständlich, ja lächerlich. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- Ich bin überzeugt: wenn Sie neun prächtige Rosen bekommen, dann sehen Sie nur die eine, die etwas lädiert ist, und lobt jemand die acht intakten, so halten Sie ihn für blind oder blöd. Wer so wahrnimmt wie Sie, muß zwingend zu einem verheerenden Weltbefund kommen, und man fragt sich, wie und warum er es aushält in dieser Finsternis. (Markus Werner: Am Hang)
- ... lauter labile, schwankende, orientierungslose Daseinszapper und -surfer. (Markus Werner: Am Hang)
- Zukunftsträume (...) können nur Alpträume sein, zumindest für jene, denen schon vor der Gegenwart graut. Und wenn man sich diese wegträumt, indem man der Menschheit vom Sofa aus eine partielle Sinflut verordnet, dann landet man naturgemäß im Gestern. (Markus Werner: Am Hang)
- ... der Versteinerte lebt wetterunabhängiger. (Markus Werner: Am Hang)
- Dr. Wyatt alias Stephen Fry: "Meistens rebellieren Sie im Kleinen." "Rebellieren?" "Hm, die bunten Socken, die Gürtelschnalle, die ein wenig aufträgt. Das ist der Mechanismus. Leise Rebellion. Ihre Art, sich einer persönlichen Kontrolle einer homogenisierende Organisation (...) zu entziehen." (Bones S02E13)
- In Zukunft wird sich die Utopie beeilen müssen, wenn sie die Realität einholen will. (Wernher von Braun)
- Das Leben der meisten Menschen versandet in halbwegs gezogenen, halbwegs unterlassenen Konsequenzen. (Hermann Burger: Schilten)
- Wer endlose Monologe zu halten versteht, so daß man glaubt, er sei schon als Säugling mit einer Grammophonnadel geimpft worden, wer die anderen in Grund und Boden schnorrt, keinen Einspruch, keinen Widerspruch, kein Schweigen aufkommen läßt, hat alles gewonnen! Nicht sagen, was man denkt, sondern denken, und zwar ununterbrochen laut denken, was man sagen kann. Jedes Ohr, das sich euch entgegentrichtert, vollpflastern. (Hermann Burger: Schilten)
- Es gibt Einsichten, die uns an Ort und Stelle treffen wie ein Blitz, während sie uns von ferne kaum als Wetterleuchten beunruhigen. (Hermann Burger: Schilten)
- Computerabsturz. Nach dem ersten Schock, nach den Rettungsversuchen durch besser beschlagene Freunde, die zu nachtschlafener Zeit sogar telefonische Beratung durch wieder andere, noch besser beschlagene Freunde in Anspruch nehmen - anscheinende wird eine Computerhavarie ganz selbstveständlich als Katastrophe behandelt und löst zu jeder Tages- und Nachtzeit grenzenlose Hilfsbereitschaft aller PC-Profis aus... (Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, S. 167)
- Die entscheidende Frage ist doch, wie dick und wie haltbar die Decke unserer Zivilisation ist. Wie viele vernichtete, sinnlose, perspektivlose Existenzen sie tragen kann, bis sie an dieser oder jener Stelle reißt, dort, wo sie mit heißer Nadel genährt ist. (Christa Wolf: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, S. 38)
- Der Geschlechtsakt ist daher ein Doppeltes. Von innen ganz Lust, ein bis aufs letzte gespürtes Leben, von außen anatomische Groteske. (Friedrich Dürrenmatt: Literatur und Kunst, Essay und Reden, S. 195)
- Wenn Elend so gewaxen ist, daß Es den Großenraum-der- Furcht ausfüllt, dann entdecken Menschen Gesang&schrift, entweder Pfeifen im Keller od Kritzeln auf Papier. Du=selber hast mir einst erklärt: Die Herkunft Allerkunst ist nicht die Anbetung von Schönheit, sondern die Bannung von Schrecken. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- Sobald die Paradoxie 1=selber trifft, kommt das Hauptübel Allermenschen zum Vorschein: fehlender Witz. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- Isolde Przemysl war Jüdin, und 20 Jahre später war sie tot. Wahrscheinlich ermordet. Theresienstadt. -- Menschen haben nach Menschen gegriffen mit aller Bestialität & im Stil ihrer Zeit; Bestialität die dann alles-Menschliche übersteigt, je mehr Menschen daran.... beteiligt sind. In zerrütteten Gesellschaften genügen Wenige mit dann immenser Macht, um das- Bestialische innerhalb dieser Gesellschaft von derKette zu lassen. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 180)
- Man lasse sich von Sprüchen & Posituren nicht blenden: Die das Maul am weitesten aufreißen, in Frisch-Fromm- Fröhlich-Freier=Plärre ihre geistlosen Ärmel turnväterisch aufkrempeln mit Muskeln & Augen rolln -:! das sind oft=genug die der-Verwesung am engst=Verwaxnen. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 46)
- Meine These geht dahin, daß dem menschlichen Charakter immer ein Paradox innewohnt. Irgendein Widerspruch, der den Knoten festzurrt, zwei unvereinbare Hälften zusammenhält. (Tim Parks: Schicksal, S. 68)
- Der Argwohn ist unter den Gedanken, was die Fledermäuse unter den Vögeln sind: sie flattern stets im Dämmerlicht.(Uwe Tellkamp: Der Turm, S. 924)
- Ein weites Herz ist Sache der Sieger, Nachsicht üben meist die Erfolgreichen, nirgendwo gedeiht Großmut besser als im Sonnenschein des Gelingenes. (Jurek Becker: Amanda herzlos, S. 179)
- Der Mensch ist das hoffend, bagend, grübelnd in die Zukunft greifende Tier. (Wolf Schneider)
- Wir sind eben außerstande, beim Rückblick auf unsere dreißig, sechzig Lebensjahre von den Umständen und den Stimmungen des Tages abzusehen. Es wäre übermenschlich, im Licht einer gestern gewonnenen Lottomillion diesselbe Lebensbilanz zu ziehen wie in Erwartung der nächsten Nierenkolik. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 25)
- Das Wetter? Psychologen wissen es, seriöse Meinungsforscher auch: Umfragen bei Sonnenschein ergeben mehr positive Gesamturteile über die eigene Zufriedenheit als solche bei Regen. (...) Die Haare können einem zu Berge stehen, wenn man liest, was alles die Aussagen über das Lebensglück beeinflussen und folglich die Statistik verfälschen kann. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 24)
- Angesichts der facettenreichen Geschichte der Menschheit sollte man keineswegs auf eine nur freudige Zukunft schließen, dennoch gibt es Grund zum Optimismus. (Jason Epstein: Vom Geschäft mit Büchern)
- Wer ist man denn, daß man seine privaten, oft störrischen Bedenken für die Hürde hält, über die alle anderen zu springen haben? (Jurek Becker: Amanda herzlos)
- Ist es nicht verblüffend, daß die Natur (die uns mit einem konfusen Hirn, einem sinnlosen Blinddarm und lieblos gestylten Ohren ausgestattet hat) unser Geschlecht dermaßen attraktiv gemacht hat, daß wir immer erneut nachprüfen, ob alles immer noch so herrlich ist wie beim letzten Mal. Wir können es nicht glauben. (Urs Widmer: Auf, auf, ihr Hirten. Die Kuh haut ab, S. 261)
- Vorgestern abend hatte ich zwar mehrere Stunden lang anders gedacht, wie denn überhaupt ein konsequentes, charaktervolles Denken und ein edles Beharren bei einmal als richtig erkannten Gesinnungen mir leider nicht gegeben ist. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 12)
- ... daß heute so viele, die als Intellektuelle auftreten, befremdend leblos wirken. Unsinnlich. Völlig neben den Schuhen. Ohne einen Funken Humor. Als seien sie mit Kammgarnanzügen verkleidete Tonbänder, die uns zwar komplexe, aber dennoch unüberhörbar standardisierte Sätze vorspielen. Einen wie (Tomi) Ungerer, der streng aber ungerecht ist, muß das rasend machen. Es macht ja sogar mich, der ich gerecht aber mild bin, ziemlich kribblig. (Urs Widmer: Auf, auf, ihr Hirten. Die Kuh haut ab, S. 44)
- Tatsächlich richten wir uns an einem 'noch' unglücklicheren Menschen sofort auf. (Thomas Bernhard: Beton, S. 210)
- Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi sei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!" (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 284)
- Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt. (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 144)
- "Frondeur ist doch immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, taugt nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und während sie sich über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu wünschen übrig." (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 124)
- Vernunft ist immer nur bei wenigen. (Theodor Fontane: Der Stechlin)
- Wir verkriechen uns nämlich alle. Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 25)
- Während all der Jahre habe ich nie an das gedacht, was ich zurückgelassen habe. Heute sind wir vernünftig, nicht wahr? Wir trauern allem nach, was wir verloren, verwirkt, vernachlässigt haben, unserer Jugend genausosehr wie allem anderen. Wir glaubten, an nichts zu hängen. Dabei hängen wir an allem. (Emmanuel Bove: Ein Mann, der wußte, S. 51)
- Sein Egoismus maß das Pulsieren der Welt anhand der Aufmerksamkeit, die er erhielt. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 112)
- Das Fernsehen überhaupt auszuschalten, habe ich meistens nicht die Kraft, schon gar nicht an jenem Abend. Das kannst du nun "Sucht" nennen, Bruderherz, und du hast es mit sanftem Tadel so genannt; ich werde dir das nicht bestreiten. Einem jeden seine Taste, wie den Ratten die ihre, einem jeden seine Schwachstelle, an der die Segnungen der Zivilisation in ihn eindringen können. (Christa Wolf: Störfall, S. 112)
- Nach Kopernikus, der uns gelehrt hat, daß wir uns nicht im Zentrum des Universums befinden, und Darwin, der uns darüber aufklärte, daß wir vom Affen abstammen, erzählt uns nun Freud, wir seien nicht einmal Herr unserer Sexualität. Das nennt er die 'dritte Kränkung', was ihn dazu veranlaßt, bei seiner Ankunft in New York zu behaupten: "Ich bringe Ihnen die Pest". (Frederic Beigbeder: Letzte Inventur vor dem Ausverkauf)
- Der Geist braucht, hatte Goebbels gesagt, erstklassige Menus, sonst ist er einfallslos, krittelnd. Ein leerer Magen vertieft jeden Schatten ins Rabenschwarze. Darum müssen in den zentralen Propagandastellen gute Köche arbeiten. Kein Berufsstand ist durch gutes Essen so bestechlich wie die Arbeiter der Stirn. (Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst, S. 62)
- Jeder Mensch braucht das Bewußtsein, daß irgend etwas noch tiefer steht als man selbst. (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 47)
- Es ist aber das Erbteil von uns Schwachen, daß wir, an der Erdscholle klebend, so gern das Überirdische hinabziehen wollen in die irdische ärmliche Beengtheit. (E.T.A Hoffmann: Die Serapionsbrüder, S. 94)
- Wie sehr der arme Mensch geneigt ist, sich das letzte Restchen Freiheit zu verdämmen und überall ein künstlich Dach zu bauen, wo er noch allenfalls zum hellen heitern Himmel hinaufschauen könnte. (E.T.A Hoffmann: Die Serapionsbrüder, S. 21)
- Das Verwunderlichste bei einem Rückblick auf das eigene Leben ist die ursprüngliche Fähigkeit, an etwas zu glauben. Älter werden heißt, diese Fähigkeit verlieren, aufhören an etwas zu glauben, oder unfähig werden, an etwas zu glauben. (Anatole Broyard: Verrückt nach Kafka. Erinnerungen an Greenwich Village, S. 33)
- Der Mensch kann das Chaos nicht ertragen. Er bekämpft es entweder mit Religion oder mit Wissenschaft. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz, S. 637)
- "Der Unterschied besteht darin, daß diese jungen Leute es als selbstverständlich ansehen, daß sie alles bekommen, was sie sich wünschen; wir dagegen sahen es als selbstverständlich an, daß wir es nicht bekamen. Ob aber etwas, dessen man von vornherein schon so sicher ist, das Herz auch in so wilden Aufruhr bringen kann?" (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 19)
- Madame Bouffier: "Da sehen Sie's, meine Herrschaften, hab ich recht gehabt? Immer nur an anderen denken..." Jacobowsky irritiert unterbrechend: "Sie überschätzen mich, Madame Bouffier. Natürlich möchte ich, daß sich alle wohl fühlen, aber doch nur aus dem einzigen Grunde, damit ich mich selbst wohl fühlen kann." (Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst, S. 17)
- Es gibt keinen unsinnigen Ehrgeiz und keinen Irrsinn, für die Menschen nicht bereit wären, zu sterben. (Isaac Bashevis Singer: Schoscha, S. 241)
- Die scheußliche Wahrheit ist, daß viele Menschen - junge Menschen im besonderen - die Leidenschaft zu töten in sich tragen. Alles, was sie brauchen, ist ein Vorwand, oder eine gemeinsame Sache. Das kann mal die Religion sein; ein andermal der Faschismus oder die Verteidigung der Demokratie. (Isaac Bashevis Singer: Schoscha, S. 241)
- Meine Faulheit, meine Leidenschaft und meine leeren Phantasien hatten mich in einen hypnotischen Gedächtnisschwund fallen lassen. Jetzt hörte ich die Stimme meiner Mutter sagen: 'Kein Feind kann einem Mann das antun, was er sich selbst antut.' (Isaac Bashevis Singer: Schoscha, S. 24)
- Je schiefer ein Kopf sitzt, desto fester ist sein Träger überzeugt, daß alle anderen Köpfe schief sind und er seinen eigenen hoch und gerade trägt. (Joseph Roth: Kranke Menschheit)
- ... dachte sogar, daß man mit Menschen eigentlich gut auskommen könne, wenn man sie nicht braucht. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 223)
- ... Schwäche der Begüterten, die alles, was trivial ist, prunkvoll machen möchten. (Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, S. 244)
- Unsere Fähigkeit, uns selbst zu manipulieren, damit der Sockel unserer Überzeugung nicht ins Wanken gerät, stellt ein faszinierendes Phänomen dar. (Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, S. 116)
- Man kann sagen, was man will, man kann große Reden schwingen über die Evolution, die Zivilisation und jede Menge anderer Wörter mit "tion", der Mensch ist seit seinen Anfängen nicht weit gekommen. Er glaubt immer noch, daß er nicht zufällig hier ist und daß mehrheitliche wohlwollende Götter über sein Schicksal wachen. (Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, S. 50)
- Nimm einem Ding die Erwartung und du wirst seinen einzigen Schatz verlieren. Nichts hat einen Wert ohne Erwartung. Die Erwartung ist Gott. Es gibt keinen anderen Gott außer der Erwartung. Die Erwartung erklärt alles. Warum wir weitermachen. Warum wir nicht ertrinken. Warum wir uns von etwas verführen lassen, das in sich nicht verführerisch ist. (Alessandro iperno: Mit bösen Absichten, S. 254)
- "Dann sag mir, woher weißt du so genau, daß er ihn essen wollte?" "Meinst du, er hat ihn zur Zierde gekauft?" (Man beachte, daß die Sonninos nach jüdischer Art der Frage den Vorzug gaben, im Gegensatz zur typisch christlichen der Behauptung.) (Alessandro Piperno: Mit bösen Absichten, S. 15)
- ...holt er spontan aus dem Grundbuch der Erinnerung. (Alessandro Piperno: Mit bösen Absichten, S. 11)
- Warum wollte ich diesem Mann nicht glauben? Weil ab einem gewissen Alter das Mißtrauen so ausgeprägt ist, daß man niemandem mehr glauben will? Als er vor zwei Jahren geschwiegen und nichts unternommen hatte, um Coleman zu verteidigen, hatte er das gewiß aus demselben Grund getan, warum die Leute immer schweigen: weil es in ihrem Interesse liegt zu schweigen. Eigennutz ist kein Motiv, das im dunkeln bleibt. (Philip Roth: Der menschliche Makel, S. 346)
- Obgleich die Welt voller Menschen ist, die glauben, alles über ihren Nachbarn oder dessen Nachbarn zu wissen, ist das, was man nicht weiß, in Wirklichkeit unendlich. Die Wahrheit über uns ist unendlich. (Philip Roth: Der menschliche Makel, S. 350)
- Bei fortschreitendem Alter neigt man dazu, seine ehemaligen Ichs unter der Persönlichkeit, die man für die echte hält, zu ersticken. Aber in Wirklichkeit sind sie alle da und warten nur auf eine ermunternde Geste, um ans Tageslicht zurückzukommen in all ihrer arroganten Lebendigkeit. (Benoite Groult: Salz auf unserer Haut, S. 295)
- Warum zieht es die Zunge unausweichlich zu jedem dentalen Schlagloch hin, warum entschlüpft sie der Befehlsgewalt, sobald sie diese Unebenheit ausfindig macht, um sich daran zu reiben wie eine Kuh am Pfosten? Stuart war unsere Unebenheit, unsere jähe Kaverne. (Julian Barnes: Darüber reden, S. 201)
- Je mehr er verstand, desto weniger fühlte er sich in der Lage zu urteilen. (John von Düffel: Houwelandt, S. 253)
- Freud sagt, unser Geruchssinn sei mit schmerzlicher Bedeutung aufgeladen worden, als wir noch auf allen vieren gingen, die Nase näher am dungbedeckten Boden. Wir sind von niederer Art. Ein breiter Hals bei einer Frau scheint den Mann aufzufordern, sie zu bespringen und sich danach erschöpft zu rekeln und dazuliegen wie ein sattgefickter Löwe. Paarung von hinten, die Standardmethode der Natur. Was hat uns je dazu gebracht, uns umzudrehen? (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 150)
- Deftiger und zum Brüllen komischer Humor kam schon immer von Menschen, die nicht nur zu Sentimentalität, sondern zu überaus törichter Sentimentalität fähig sind. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 180)
- ... daß es Blicke gibt, die kein Mensch sich versagen kann; zum Beispiel auf einen Verkehrsunfall oder einen fremden Liebesbrief. (Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen, S. 153)
- Es gibt keinen Grund, weshalb zwei Menschen einander langweilen müssen, niemals. Versiegen etwa die Unbekannten in einem menschlichen Wesen? (Manuel Puig: Verdammt wer diese Zeilen liest, S. 281)
- "Spätestens seit James Joyce wissen wir", sagte er, "daß das größte Abenteuer unseres Lebens das Fehlen von Abenteuern ist. Odysseus, der bei Troja kämpfte, über die Meere fuhr, sein Schiff selbst steuerte, auf jeder Insel eine Geliebte hatte - nein, das ist nicht unser Leben. Homers Odyssee hat sich nach innen verlagert. Sich verinnerlicht. Inseln, Meere, Sirenen, die uns locken, Ithaka, das uns zurückruft, das sind heute nur noch Stimmen unseres Innern." (Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen, S. 125)
- Man wünscht sich ein glückliches Leben, und es ist doch das unglückliches Leben, das einen anzieht. (Norbert Gstrein: Selbstportrait mit einer Toten, S. 8)
- ... seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß es Menschen gibt, die gewissermaßen zum Opfer prädestiniert sind. (Georges Simenon: Maigret und die braven Leute, S. 52)
- Die Wahrheit ist zweischneidig, wo man sie anfaßt, blutet man. (Helmut Krausser: Die kleinen Gärten des Maestro Puccini, S. 152)
- "In Hinsicht auf Dinge, die uns selber angehen, sind wir immer Tröpfe, auch die Klügsten unter uns." (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
- Man ist zuweilen lebensüberdrüssig, aber man ist nie gesundheitsüberdrüssig, selbst für die letzte Viertelstunde seiner Existenz. (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
- Ihr vorherrschendes und abstoßendstes Laster ist, daß sie bis zum Beweis des Gegenteils alle Leute nett findet. (Joseph Heller: Überhaupt nicht komisch, S. 157)
- ... stopfte Wissenslücken mit dem Mörtel der Phantasie. Vielleicht ist die Kunst zu lügen die eigentliche Voraussetzung für ein biographisches Talent? (Steffen Mensching: Lustigs Flucht, S. 68)
- ... ein schwieriger Mensch war - mit den Höhenflügen und Bruchlandungen einer gefühlvollen Natur. (John Cheever: Die Geschichte der Wapshots, S. 334)
- Für Basilius wie für die anderen Kirchenväter ist der Zweck aller materiellen Güter, den Menschen zu dienen, charakteristisch für ihn ist die Frage: "Wer einem ein Kleid wegnimmt, der wird Dieb genannt; wer aber den Nackten nicht kleidet, ob er's gleich könnte, verdient der eine andere Bezeichnung?" (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 63)
- Ein weiterer Grund für das Absterben unseres Selbsterhaltungstriebes ist darin zu suchen, daß der einzelne die sie am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müßte. (Erich Fromm: Haben oder Sein, S. 22)
- Die Wärme der Schadenfreude flutete seinen Körper. Aber gleich darauf folgte auch schon das Mitgefühl, ich bin ein solidarischer Mensch, der doch nur darauf wartet, gerade an einem Tag wie diesem einen zu finden, dem es noch elender geht. (Terezia Mora: Alle Tage, S. 333)
- Zuerst ringt man mit der eigenen Idiotie, dann mit der der anderen, das ist nicht einfach. (Terezia Mora: Alle Tage, S. 279)
- ...was Psychoanalyse tat, sie stutzte die Leute auf Durchschnittsgröße zurecht. (Ray French: Ab nach unten, S. 77)
- Der Schock darüber, daß es ihm verwehrt geblieben war, seine Geburt zu planen, hatte Sonny mit dem fanatischen Wunsch erfüllt, bei allem anderen nichts dem Zufall zu überlassen. (Edward St. Aubyn: Nette Aussichten, S. 38)
- Selbst wenn man wach war, konnte man oft nur schwer begreifen, was die Erwachsenen mit dem meinten, was sie sagten. Eines Tages hatte er sich eine Methode ausgedacht, wie man erraten konnte, was sie vorhatten: Nein hieß nein, kann sein hieß vielleicht, ja hieß kann sein und vielleicht hieß nein, aber das System funktionierte nicht. und er beschloß, daß womöglich alles vielleicht hieß. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 31)
- Wenn ich einen Hundertfünfzig-Kilo-Mann sehe, muß ich sofort an die Schwierigkeiten denken, die das Entsorgen seiner Leiche bereitet. Warum lassen der Lenker der Welt und sein schlagkräftiges Corps der Engel es zu, daß es derart ausgewucherte Leiber gibt? (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 107)
- Jenes ruinöse Bedürfnis des Menschen, verstehen zu wollen. (Liz Jensen: Das neunte Leben des Louis Drax, S. 289)
- ... Gesinnungen, welche die Menschen vor die Blößen ihres Selbstbewußtseins binden. (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 46)
- Mehr Interessen denn jemals wirft das Leben wie Schlingen uns über den Kopf. Und doch, auf dem Grunde jeder Minute zittert das Bild der Heimkehr. (Franz Werfel: Die tanzenden Derwische. Erzählungen, S. 49)
- Die Dummen ziehen mehr Vorteile aus ihrer Schwäche als die Leute von Geist aus ihrer Stärke. (Honore de Balzac: Ursule Mirouet)
- Je mehr man von der Liebe ausgeschlossen ist, desto stärker ist man in sie verliebt. (Nagib Machfus: Zuckergäßchen)
- "Es gibt Menschen", steht in Hebbels Tagebuch, "die vor dem Meer stehen und nur die Schiffe sehen, die darauf fahren, und auf den Schiffen nur die Waren, die sie geladen haben." (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 68)
- "Du magst alle Menschen." "Nein, meine Liebe, ich glaube nicht, daß es stimmt." Damit meinte er, daß er sie zum Beispiel in diesem Moment nicht mochte. "Bei Baumstämmen bist du wählerischer als bei Angehörigen des Menschengeschlechtes." "Bei Baumstämmen, meine Liebe, gibt es sehr große Unterschiede." (Julian Barnes: Der Zitronentisch, S. 40)
- Man sollte mit anderen ausschließlich um sechs in der Früh verkehren, wenn sie noch in ihren Pyjamas stecken, die Haare am Kopf kleben, und ein wenig Spucke im Gesicht. Mit etwas Glück konnte man dann sogar einen Satz hören, der noch nicht gefiltert und kontrolliert worden war. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 88)
- Wenn traurige Menschen sich für etwas interessieren, dann für andere, die sie für noch unglücklicher halten. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 131)
- Ich ertrug Unterhaltungen immer weniger. Die meisten Leute waren mir zu uninformiert, der Verstand besetzt von manipulierten Nachrichten, die sie dann ihre Meinungen nannten, vergessend, daß eine Meinung nicht mehr ist als ein flüchtiger chemischer Prozeß. An Meinungen festzuhalten offenbart ein großes Maß an Trägheit. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 71)
- Die Macht hat den Schandpfahl nötig: 'Dieser ist Jude, der ist Neger, der ist Arbeiter, der ist Sklave... Der dort ist anders... Jener ist der Feind!' Das alles sind Täuschungen, um den wahren Feind zu verbergen: die Macht! Sie ist die 'Pestilenz', die die Welt in den Wahnsinn stürzt... (Elsa Morante: La Storia, S. 545)
- Ich bin nicht ganz der Mensch meiner Fehler. (Roger Martin DuGard: Die Thibaults, S.20)
- An seine Internatsjahre habe er zwar ungute Erinnerungen, redete er unablässig weiter, während ich immer noch in der Karte blätterte, aber seit langem fürchte er, bloß eine fremdbestimmte Ordnung könne ihn noch retten, gleichgültig, auf welche Regeln sie baue und welches Credo er dabeinachbeten müsse. (Karl-Heinz Ott: Endlich Stille, S. 16)
Weltanschauung
- "Wir reden hier vom gütigen Gott, vom Allmächtigen, der unsere Geschicke so lenkt, daß wir nichts zu befürchten aben. Keine Naturkatastrophen, keine Übergriffe von Feinden, keine bösen Überraschungen. Seit Jahrtausenden lauben wir an einen solchen Gott, obwohl seine Performace ziemlich lausig ist." (Florian Felix Weyh: Toggle, S. 210)
- Das muß ein schlechter Kerl sein, der erst durchs Christentum gut wird ! / Wer christliche Schriften liest, hat so viel Zeit verloren, wie er darauf verwendet. / Haben sie immer noch nicht ausreichend nachgewiesen, daß ein Nichtgläubiger auch ein Nichtswürdiger sein müsse?). (Arno Schmidt: Kosmas oder Vom Berge des Nordens)
- Der Gott der Christen, das ist der übellaunige Haustyrann, der das Glas dicht an den Tischrand stellt. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 377)
- Denn das Bedürfnis nach der universalen Vereinigung ist die dritte und letzte Qual der Menschen. In der Gesamtheit hat die Menschheit immer danach gestrebt, sich unbedingt welteinheitlich einzurichten. (Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow)
- Der Sozialismus ist nicht nur eine Arbeiterfrage oder eine Frage des sogenannten vierten Standes, sondern hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen Inkarnation des Atheismus, die Frage des babylonischen Turmes, der ausdrücklich ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). (Fedor M. Dostoevskij: Die Brüder Karamasow, S. 44)
- Beklommen sah ich die Heerscharen der Gläubigen, denen sich, wenn man den Namen des Papstes ausspricht, von ganz allein die Augen nach oben drehen. (Christa Wolf an Charlotte Wolff, 17.5.1984)
- Geburt von einer Jungfrau, Wundertaten und Auferstehung. Man durfte sich vor der Kokurrenz (Isis, Mithras, Zeus, Zoroaster) nicht lumpen lassen. Also: Rabbi Gott. Gott-Rabbi. Jesus ist gleich Gott. (Herbert Rosendorfer: Kadon, ehemaliger Gott)
- Ich las neulich, daß alle Massenvernichtungsmittel von Christen erfunden wurden: Atombomben und Giftgase. Stimmt. Alles im Namen des Guten, das gegen das Böse kämpft. Im Namen Gottes. Heißt es in der englischen Nationalhymne nicht: "Verdirb unsre Feinde"? Wir Christen, wir Verräter an unserm Religionsstifter. (Luise Rinser: Wachsender Mond. 1985-1988, S. 19)
- Keine Religion erlaubte und führte so viele Glaubenskriege wie die christliche, und keine führte so viele innere Kämpfe wie die Christen, als sie die christlichen Albigenser ausrotteten. (Luise Rinser: Wachsender Mond. 1985-1988, S. 19)
- Je erfolgreicher eine Religion ist, je stärker ihr Einfluß, desto weiter entfernt sie sich von ihrem mystischen Ursprung. Dogma und Magie treten an die Stelle geistiger Erfahrung. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 8)
- Der Glanz in seinen Augen war vermutlich eher auf Kokaingenuß als auf religiöse Inbrunst zurückzuführen, aber machte das einen Unterschied?, fragte sich Jed. (Michel Houellebecq: Karte und Gebiet, S. 71)
- Die Einmischung der Kirche im Rahmen einer Beerdigung war im Grunde viel legitimer als bei Geburt oder Hochzeit. Hier war die Kirche völlig in ihrem Element, hatte über den Tod tatsächlich 'etwas zu sagen' - bei der Liebe war das schon viel problematischer. (Michel Houellebecq: Karte und Gebiet, S. 312)
- "Die römische Kirche" - so pflegte er zu sagen - "ist in dieser morschen Welt noch die einzige Formgeberin, Formerhalterin. Ja, man kann sagen, Formspenderin. Indem sie das Traditionelle des sogenannten 'Althergebrachten" in der Dogmatik eingesperrt, wie in einem eisigen Palast, gewinnt und verleiht sie ihren Kindern die Freiheit, ringsum, außerhalb dieses Eispalastes, der einem weiten, geräumigen Vorhof hat, das Lässige zu treiben. (Joseph Roth: Die Kapuzinergruft, S. 36)
- Dank der katholischen Kirche und ihrer verlogenen Erziehung in der Schule und im Jugendheim ist er aufs herrlichste versaut und für beinahe alles bereit. (Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht, S. 38)
- Aus der institutionalisierten Religion verdampft genau das, was die Religion ist. Wie aus der Literatur und der Kunst der Inhalt verdampft, sobald sie institutionell sind. (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 50)
- Von all den Formen, mit denen der katholische Aberglauben ausgestattet ist, ist die Totenmesse zweifellos die gelungenste. (Julien Green)
- Übrigens neigen alle Menschen mit Weltanschauungen zum Export. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
- con=vertiert, von Ho-Ho-Hotschi-Minn zu Ho-Ho-Hosi-Anna. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- Ohne Gott & ohne Teufel : Oben & Unten ohne - das nackte Leben. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- Wie das Teufel Gott od andere Zuhälter-des-Schicksal wollen... (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- ... hatte sie Etwas gesehen: in den Augen ihres Sohnes jenes Leuchten, den-gewissen-Glanz, sobald kleineleute vom Großen Gewinn, von Kaiser Macht Gott dem Ewigenleben schwadronieren, & nicht nur schwadronieren, sondern wenn überdies vom Kraken Religion die Tentakeln des Glaubens nach ihren ausgemergelten Seelen u dem dürren Verstand der Hoffnungserfüllten greifen & ihn in-Feuer-setzen. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 312)
- "Brimborium christlicher Feindesliebe". (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 12)
- Zu den vielen Dingen, die man vermeiden sollte zählen Gespräche mit Säufern über die Flasche & Gespräche mit Gläubigen über ihren-Gott. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
- Nach den ersten hundertausend Toten im Namen einer Religion muß die Frage erlaubt sein, ob der Menschheit nicht ohne diese Religion viel Unheil erspart geblieben wäre, mögen die Henker sie nun richtig oder falsch gedeutet haben. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 222)
- "Der Rex sieht wirklich verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher einen Gardeassessor nannten. Und fromm, sagst du - wird also wohl Karriere machen; 'fromm is wie 'ne unterlegte Hand.'" (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 47)
- ... das alles lag noch im Schatten der hohen Hecke, die ihren Garten von dem der Familie Lopik trennte. Protestanten: Die Hecke konnte gar nicht hoch genug sein. (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 50)
- "Das ist kaum zu glauben." "Daran erkennt man große Wahrheiten." (John Updike)
- Vielleicht war die Welt nur deshalb so schön, weil sie so verwirrend vielfältig war. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz, S. 472)
- Von allen Irrtümern, die Juden begangen haben, war unser größter der, daß wir uns - und später auch anderen Völkern - vorgemacht haben, daß Gott barmherzig sei, seine Geschöpfe liebe, Bösewichte hasse und so weiter und so weiter; all das, was uns unsere Heiligen und Propheten gepredigt haben, angefangen von Moses bis herunter zu Chafetz Chaim. Die alten Griechen haben sich nie dieser Illusion hingegeben, und das war ihre Größe.
- Er liebte den frommen Juden auf seine Weise und bewunderte dessen Glauben und die Kraft, der Versuchung zu widerstehen. Einmal sagte er zu mir: "Ich liebe die Juden, obgleich ich sie nicht ausstehen kann. Sie können nicht auf dem Wege der Entwicklung entstanden sein. Für mich sind sie der einzige Beweis für die Existenz Gottes." (Isaac Bashevis Singer: Schoscha, S. 25)
- Gelegentlich sagt einer, daß für ihn die Kirche zu Weihnachten am wichtigsten sei. Isidor weiß nicht, ob das als Kompliment gemeint ist. Er selbst freut sich auf Ostern. An dieses Fest knüpft sich sein persönlicher Glaube. Es ist spirituell dramatischer, liturgisch tiefer, äußerlich festlicher, vom Schwung sich verlängernder Tage und der Ahnung des Frühlings erhellt. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 27)
- ... daß der ganze katholische Sums eine Selbstentlarvung ist. Auf abenteuerliche Axiome gründet er eine derart hochstaplerische Scheinlogik, daß er eigentlich überall Gelächter auslösen müßte, wenn die Menschheit nicht ein solches Bedürfnis hätte, sich zu benebeln. Im Grunde ist ein von uns selbst aufgestellter Vernunfttest, an dem wir ununterbrochen scheitern. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 319)
- Sie haben gebetet, bis ihnen die Avemarias zu den Ohren rauskamen. (Petra Morsbach: Gottesdiener, S. 27)
- Im Grunde sind wir programmiert, an das zu glauben, was nicht existiert, weil wir Lebewesen sind, die nicht leiden wollen. So wenden wir unsere ganze Kraft auf, uns zu überzeugen, daß es Dinge gibt, die es wert sind, und daß das Leben daher einen Sinn hat. (Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, S. 18)
- Man denke an seinen extravaganten Plan, die ganze Menschheit von der Denkmöglichkeit zu erlösen, daß es keinen Gott gibt. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 297)
- Der Tod des Christentums wird seit langem prophezeit, doch es wird immer Kirchen geben, die ihren Dienst versehen als Lagerhäuser für die ewige Ernte menschlichen Unglücklichseins. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 145)
- Was gibt es Seltsameres im religiösen Drang als dessen Leidenschaft für die Verkomplizierung, als die Liebe zum Verwirrenden, die die meisten Kirchen zu Schreckenskammern und alle existierenden Bekenntnisse grotesk macht? (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 38)
- Wenn Gott, so wie die Genesis und nun auch Sie es mir erzählen, die Welt als eine Bühne für den Menschen schaffen wollte, warum hat er sie dann so sinnlos gigantisch gemacht, so grausam turbulent und, ja, so zermalmend für das Bewußtsein, das sie verstehen will? Das Sonnenstystem vor einem angenehm gesprenkelten Hintergrund aus Sternen, das hätte doch genügt. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 26)
- Die Religion ist genau das, was nicht weggelassen werden kann - denn in ihr ist alles enthalten. Noch der zerstreuteste Mensch kann nicht seine Reisetasche packen und dabei die Tasche weglassen. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 255)
- Definieren ließe sich Bigotterie grosso modo als die Wut von Menschen, die keine Meinung haben. Sie ist der Widerstand, den die große Mehrheit mit ihren unendlich haltlosen Ideen gegen feste Ideen leistet. Definieren ließe sie sich als die schreckliche Manie der Gleichgültigen. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 16)
- Wahrheiten werden zu Dogmen, sobald über sie gestritten wird. Wer immer einen Zweifel ausspricht, umreißt eine Religion. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit)
- Ich war neulich mit Christa Wolf zusammen in Wien. Wir sprachen über unser Ausharren auf unserm Posten. Wir sind beide das, was ich von Christa sagte: trauernde Getreue. (Luise Rinser: Im Dunkeln singen. Tagebuch 1982-1985)
- Von all der Theologie, mit der ich mich so intensiv fast zwanzig Jahre lang beschäftigt habe, blieb mir nichts, was ich brauchen kann, um Menschen von heute zur Religion zu führen. (Luise Rinser: Im Dunkeln singen. Tagebuch 1982-1985)
- "Ich will Ihnen nur sagen, daß mir alle Dinge, die irgendwie mit Mystik zusammenhängen, im Grund der Seele zuwider sind. Über Dinge zu reden, von denen man nichts wissen kann, ja, deren Wesen es ist, daß man nie und nimmer was von ihnen wissen kann, das scheint mir von aller Art Geschwätz, die auf Erden für Wissenschaft ausgegeben wird, die unerträglichste." (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
- Sie war eine leidenschaftliche Gegnerin der Vivisektion und setzte sich für die Änderung oder Abschaffung des Weihnachtsfestes ein - eines Feiertags, der ihrer Ansicht nach schädlichen Leichtsinn, falsche Wertmaßstäbe und kommerzielle Unredlichkeit förderte und verewigte. (John Cheever: Die Geschichte der Wapshots, S. 26)
- Ein Jude. Stimmt nicht. Nur der Vater. Dann gilt's nicht. Wenn's drauf ankäme, würde jeder Tropfen Blut, der sich vor vierzehn Generationen in einen Nebenzweig der Familie veirrt hat, zählen. Ein Blutstropfen geht um die Welt. (Terezia Mora: Alle Tage, S. 109)
- Kommerzieller Wohlstand ist robust und wird niemals klein beigeben. Nicht der Rationalismus besiegt die religiösen Fanatiker, sondern der gewöhnliche Einkauf mit allem, was dazugehört - Jobs unter anderem, aber auch Frieden und erfüllbare Wünsche, Verheißungen, die in dieser Welt wahr werden und nicht erst in der nächsten. Lieber Einkaufen als Beten. (Ian McEwan: Saturday, S. 175)
- Keucht unser krankes Christentum nicht auch unter dem Joche der unnatürlichen Einehe? (Friedrich Dürrenmatt: Die Wiedertäufer)
- Er hatte seinen Freunden oft erzählt, daß er aufgehört hatte, an Gott zu glauben, nachdem Eileen gestorben war. Aber das stimmte eigentlich nicht ganz; er hatte es aus Wut gesagt. Er brauchte einfach mal eine Pause von Gott. Von den Mühen, seine unerforschlichen Wege verstehen zu wollen. (Ray French: Ab nach unten, S. 327)
- "Glaubst du denn an Gott?" fragte Patrick. "Ich weiß nicht", sagte Belinda. "Aber wenn es ihn gibt, ist er im Gottsein nicht besonders gut." (Edward St. Aubyn: Nette Aussichten)
- Er ist Katholik, und ich kann nicht begreifen, wie du dich mit einem Mann einlassen kannst, der nicht selbstständig denken kann. (Muriel Spark: Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, S. 222)
- Auf dem Lande ist der Pfarrer noch manchmal der spirituelle Leuchtturm, der zumindest dreimal im Leben, zu Taufe, Eheschließung und Aussegnung, das Licht des Evangeliums über die Existenz des Gemeindemitglieds wirft (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 69)
- Es gab Leute, die glaubten, wenn sie nur genug über das Universum nachdächten, würde das auch umgekehrt funktionieren. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 57)
- Neben mir lag ein Theologiestudent, den ich in wenigen Wochen zwischen Leben und Tod zum Zweifler und also zu einem guten Katholiken gemacht hatte. (Thomas Bernhard: Meine Preise, S. 21)
- Früher gab es für mich nichts Elenderes als den Angriff der Christen am Wochenende, der bemitleidenswerte Versuch der Bevormundung einer machtlos gewordenen Sekte, deren Mitglieder stundenlang verzweifelt an Glocken hingen und lärmten, bis alle Ungläubigen aus den Betten gefallen waren und Gott um Ruhe anflehten. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 221)
- Die Schaubuden des Fortschritts waren nichts anderes als Potemkinsche Dörfer einer iniversalen Menschheitsbeglückung. (Wolfram Fleischhauer: Die Frau mit den Regenhänden, S. 160)
- Die erste Wirkung der Beschäftigung mit der Wissenschaft auf eine neugierige und leidenschaftliche Intelligenz bedeutet immer eine Steigerung des Hochmuts und eine Schwächung des Glaubens. Ein wenig Wissen entfernt von Gott, viel Wissen führt zu ihm zurück. (Roger Martin DuGard: Die Thibaults, S. 147)
- Seine Eltern waren fanatische Atheisten. Atheisten, denen man anmerkte, daß Gott ihnen im Nacken saß.
- Habe Lust, Blasphemien zu schreiben, wie der Gott meiner Kindheit sie braucht. (Josef Winkler: Menschenkind, S. 108)
- Wenn der Ungläubige einmal Gott erkannt hat, stürzt er sich in den absoluten Katholizismus, der, als System betrachtet, in sich vollendet ist. (Honore de Balzac: Beatrix)
- Er hatte jede Menge eigentümliche Ideen. (...) eine andere Idee war, daß Gott auf irgendeine Weise von dieser Welt ausgesperrt ist und keinen richtigen Zugang findet, um uns zu helfen. (Lars Gustafsson: Windy erzählt, S. 108)
- Alles, was diese Philosophen schreiben, ist nur eine Spielerei, vielleicht trösten sie sich selber damit. Der eine erfindet den Individualismus, weil er seine Zeitgenossen nicht leiden mag, und der andere den Sozialismus, weil er es allein nicht aushält. (Hermann Hesse: Gertrud, S. 186)
- Wir waren so sicher, daß unter dem Zeugnis für unsere Lebensprüfungen einst "bestanden" stehen würde... (Christa Wolf: Nachdenken über Christa T., S. 194)
- "Eigentlich leben wir alle unter Schonbezügen, finden du nicht? Kaum jemals öffnen wir uns wirklich für die Schönheit rings um uns. Aber sie ist da, jeden Tag, sie besteht fort und fort, ob wir sie wahrnehmen oder nicht. Eine grandiose Verschwendung, nicht wahr?" (John Updike: Ehepaare, S. 107)
- ... dachte an Dr. Hernandez und eines unserer Gespräche in der "Süßen Mutter", in dem es um Zufälle gegangen war und seinen Glauben, daß es im Dasein eines wachen Menschen keine gibt, daß alles, was geschieht, ein Arrangement schöpferischer Notwendigkeit ist. (Ralf Rothmann: Stier, S. 348)
- Wenn so ein nacktes Weib einem Säulensteher, der nach der letzten Heuschrecke eben eingenickt war, im Traum erschien, dann brauchen wir keinen religionshistorischen Zweifel daran aufkommen zu lassen, daß 99% der Heiligen im verdrängten Wollustrausch von der Säule gepurzelt sind. (Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts, S. 292)
^^
|
|