Medizin & PflegeRund um Heilkunst, Ärzte & Pflegende
Themenstreusel: Medizin Unterschiedslose MenschenliebeManchmal, wenn Briony sich um einen Soldaten kümmerte, der schreckliche Schmerzen litt, überkam sie ein unpersönliches Mitgefühl, das sich gleichsam vor sein Leid schob, wodurch es ihr möglich wurde, die Arbeit zügig und ohne jeden Widerwillen zu erledigen. In solchen Momenten begriff sie, was Krankenpflege bedeuten konnte, und sie wünschte sich nichts mehr, als ihren Abschluß zu machen und das Schildchen einer ausgebildeten Krankenschwester zu tragen. Dann konnte sie sich sogar vorstellen, daß sie ihren Ehrgeiz aufgab, Schriftstellerin werden zu wollen, um ihr Leben ganz diesen Augenblicken glücklicher, unterschiedsloser Menschenliebe zu widmen. (Ian McEwan: Abbitte) Der forsche KrankenschwesterntonSie bekam immer verantwortungsvollere Aufgaben. Mit Pinzette und Nierenschale schickte man sie auf eine angrenzende Station an das Bett eines Soldaten der Royal Air Force mit Schrapnellsplittern im Bein. Er beobachtete sie mißtrauisch, als sie ihre Utensilien abstellte. "Wenn Sie mir die schon rausnehmen wollen, dann möchte ich lieber richtig operiert werden." Ihre Hände zitterten. Doch sie war überrascht, wie leicht es ihr fiel, dieser forsche Jetzt-wird-nicht-lange- gefackelt-Ton der Krankenschwestern. Sie zog einen Schirm um sein Bett. (Ian McEwan: Abbitte) Vorsorge oder nicht?Ist die vorsorgliche Darmspiegelung (als typisches Beispiel für die regierende Vorsorge-Gesinnung), ist das Weiterschieben von Glücksgütern an die nächste Generation eigentlich durchweg vernünftig? Mehrt sich dadurch das Glück auf Erden? (...) Niemand bestreitet, daß mit einer solchen Einstellung eine Einbuße an auch noch möglichen Lebensjahren einhergehen kann. Allenfalls halblaut aber ist von dem möglichen Gewinn die Rede: davon, daß ein Leben abseits von Vorsorge und Magerquark auch Vorzüge hat. Dem erhobenen Zeigefinger der Reformhaus-Kunden und den Posaunen der Gesundheitsindustrie sollte man die Meinung einer bisher eingeschüchterten Minderheit entgegenstellen, von der sich nicht einmal ausschließen läßt, daß sie die Mehrheit ist. Wer leidet, geht zum Arzt - keine Debatte. Wer nicht leidet, hat jedoch 'zwei' Möglichkeiten: Entweder er läßt sich durchleuchten, anstechen und auf Diät reduzieren, in der Hoffnung, künftiges Leiden dadurch zu vermeiden, zu lindern oder hinauszuschieben. (...) Oder aber er will nicht zu lange im Voraus wissen und nicht zu genau erfahren, wann und woran er sterben wird, falls er dieses tut und jenes läßt. Ihm schaudert vor dem unfrohen Dasein, das zwangsläufig die Folge ist, wenn man jede Stunde des Lebens in den Dienst der möglichst langen Vermeidung des Todes stellt. (...) Versündigt sich denn einer an irgendjemandem, wenn er versucht, halbwegs unbeschwert in den Tag hineinzuleben? An seinem Lebenspartner nicht, falls er sich mit ihm einig ist - an seinen Kindern nicht, falls sie nicht mehr auf ihn angewiesen sind. Umgekehrt: Je länger er sich im Greisenalter etabliert, desto häßlicher ist das Bild, das er den Hinterbleibenden hinterläßt; desto wahrscheinlicher behelligt er sie mit der Pflicht, sich um ein Wrack zu kümmern. Versündigt er sich an der Gesellschaft? An der schon gar nicht. Den so genannten Generationenvertrag in der Rentenversicherung erfüllt keiner besser als der, der eine Woche nach Eintritt des Rentenalters aus der Rente fällt; und der Solidargemeinschaft der Krankenversicherung kann - fromme Reden hin oder her - ein Mitglied nur umso willkommener sein, je früher es stirbt: Sich nicht durch siebzehn Operationen in seine Neunziger hinauszuquälen, spart Hunderttausende. (...) Da also Gottes Ratschluß unerforschlich, die Gesellschaft mit jedem nicht allzu späten Tod zufrieden und die Trauer der Familie oft vermutlich von Erleichterung durchsetzt ist, sollte man jedem seine private Entscheidung gönnen. Zu solcher Güterabwägung wären vernünftigerweise noch ein paar Gründe heranzuziehen, die im harmonischen Chor der Ärzte, der Apotheker, der Hypochonder kaum vernehmbar sind. Zum Ersten: Vorsorge und Früherkennung leisten in ziemlich vielen Fällen unbestritten nicht etwa einen Beitrag zur Lebensverlängerung - sie vermehren nur die Zahl der Jahre, in denen wir wissen, wann wir woran sterben müssen; eine grauenvolle Einbuße an Lebensqualität. Könnte es nicht einen Grad des Bescheidwissens über die eigene Zukunft geben, der das Leben unerträglich macht? Wie dringend ist, sich die Prognose aller künftigen Scheußlichkeiten zum täglichen Begleiter zu nehmen - und dies in einer Zeit, in der die Verheißung künftiger 'Freuden' immer weniger offene Ohren findet? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 113 ff.) Sterbensquote 100%Wer ohne Not zum Arzt läuft, tauscht gegen die möglichen Vorteile ein erhebliches Risiko ein, Nachteile zu erleiden. Fehlbehandlung oder bloß verlängerte Todesgewißheit sind die zwei hervorstechenden Gründe, den Medizinbetrieb nicht vorschnell mit Vertrauen zu überhäufen. Es gibt noch zwei mehr. Wenn die Ärzte uns unserem ersten möglichen Tod entrissen haben - welcher späteren Todesart liefern sie uns damit aus? Wenn wir nicht der "Volksseuche" Herztod erliegen (so der erstaunliche Begriff bei einem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung): sollen wir dann lieber an Krebe sterben - mit dem Risiko, daß die gewonnenen Lebensjahre ein langes Siechtum sind, daß jedenfalls das Sterben wahrscheinlich langwieriger, schmerzlicher, ekelhafter sein wird, als es beim ersten Anlauf gewesen wäre? Der Tod selber ist die "Seuche", die Sterbensquote beträgt immer 100 Prozent - das muß man einem übermütigen Medizinkartell offenbar ausdrücklich entgegenhalten. Zu guter Letzt erhebt sich die Frage: Wofür eigentlich zerren wir uns durch die vielleicht gewonnenen Jahre? Um noch ein großes Werk zu vollbringen? Fabelhaft! Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Phantastisch! Um nach den Kindern noch die Enkel gedeihen zu sehen? Wie schön! Um schmerzfrei und zufrieden in die Sonne zu blinzeln? Warum nicht. Doch gegen die bloße Genugtuung, noch auf der Welt zu sein, wäre das Risiko abzuwägen, daß man nur mit Nachtstuhl, Sonde und Katheter auf ihr verweilen kann. Führen nicht Millionen Greise in den hochzivilisierten Ländern ein erbärmliches Leben, das sich auch langes Sterben nennen ließe? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung) Der Trottel"Als Psychologe unter Psychiatern bist du an einer Spitalsabteilung sowieso der Trottel", sagt der Ire, "ganz unabhängig von den Chefs, die gar nicht anders können, als ihre neurotische Egomanie mit Qualität zu verwechseln." Auch als Psychiater unter Psychiatern bist du vorwiegend der Trottel, aber das sage ich jetzt nicht." (Paulus Hochgatterer: Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen, S. 44) Ein außerordentlicher ArztDer Patientenkreis erweiterte sich mehr und mehr... und dann, was waren das für Patienten? Der Arzt selbst behauptete, daß ihnen überhaupt nichts fehle. Sie wollten nur behandelt sein. Sie wurden auch fast immer geheilt. Anfang 1927 trat sogar Frau Irma Siebenschein, Grete's Mutter, als Patientin in Erscheinung; sie soll damals jährlich mehrere hundert Krankheiten gehabt haben. Der Doktor Ferry Siebenschein ertrug das sozusagen in dickflüssiger Manier. Auch Frau Siebenschein genas von allen Krankheiten; und das ohne Kur und Rezeptur, nur auf Grund rein psychologischer Methoden. Die Medikamente, die gereicht wurden, waren harmos. Der Doktor Schedik aber war ein außerordentlicher Arzt, und ein Philosoph und Menschenfreund dazu. (Heimito von Doderer: Die Dämonen) VerkanntseinUnsere Verkanntheit, Schildknecht, kann nur noch von einer arktischen Inselscholle übertroffen werden. Und sind die Herrschaften einmal genesen, steigen sie uns auch nicht wöchentlich auf die Bude und melden: Ich bin gesund, Herr Doktor, sehen Sie nur, wie ich vor Gesundheit strotze, Ihr Werk, alles Ihr Werk! Man gerät rasch in Vergessenheit bei den Geheilten, dafür bleibt man um so schrecklicher im Gedächtnis der Unheilbaren. (Hermann Burger: Schilten) Der Lehrer ist krankDer Lehrer ist krank. Sie sollten die Enttäuschung auf den Gesichtern sehen! Enttäuschung einerseits, weil die ganze Aufregung vergebens war, andererseits, weil man im Dorf über diese Schildknechtsche Krankheit, wie sie genannt wird, nicht Genaues erfährt, und weil es zudem eine Taktlosigkeit gegenüber den Gesunden ist, in der vielgerühmten Landluft überhaupt krank zu werden. Haben die denn nicht schon genug Ferien, hört man etwa munkeln, oder: Das kommt halt von der Schulstubenhockerei. (...) Je komplizierter, je undefinierbarer eine Krankheit, desto unglaubwürdiger wirkt sie nach außen. Wer eine Fraktur vorzuweisen hat, einen dicken, blutdurchtränktern Verband oder noch besser einen Gips und zwei Krücken, der hat es verhältnismäßig leicht. Er wird zwar abgeschrieben, aber immerhin eindeutig zu den Invaliden gezählt. Auch ein Abtransport mit Blaulicht auf die Intensivstation wird noch halbwegs mit Respekt toleriert. Aber alle diese inneren, schleichenden, chronischen Krankheiten, bei denen man nie recht weiß, woran man ist, die nicht einmal Fieber zeitigen, dem man mit Essigsocken den Kampf ansagen könnte, sind auf dem Land verpönt. Solche Bresten sind ganz einfach hier nicht Mode. Entweder man verrichtet seine Arbeit, oder man läßt sich einsargen. (Hermann Burger: Schilten) In die Krankheit hineinschlüpfenIm Gegensatz zu den meisten Sanitätern, welche es bei der Symptom-Befragung bewenden und die Ursachen auf sich beruhen lassen, vertritt Doktor Krähenbühl die Theorie, der Heilkünstler müsse sozusagen der erweiterte Patient sein, er müsse sich im Schmerz seines Opfers einnisten, müsse den Schmerz durch und durch kennenlernen, als ob es sein eigener wäre. Wenn ich Architekt wäre, sagt Doktor Krähenbühl, diese berufliche Alternative mit einem kurzen Seufzen auskostend, sich wohlig in meinem Gitterbett ausstreckend, Architekt wäre und ein Einfamilienhaus zu bauen hätte, dann würde ich eine Zeitlang mit dem Bauherrn zusammenwohnen, um seine Raum-Ansprüche im unmittelbaren Kontakt zu erfahren. Ähnlich ist es bei einem Patienten: Man müßte als Internist - die Fachbezeichnung drückt ja diese Möglichkeit schon vage aus - in die Krankheit des medizinisch Bevormundeten, wenn ich es mal so formulieren darf, hineinschlüpfen, das tägliche Brot der Schmerzen mit ihm teilen. (Hermann Burger: Schilten) TretmühlenarbeiterAuf dem-Pik ihres handwerklichen Fachs hochintelligente, kluge Ärzte; links u rechts des fachspezifischen schmalen Grats - stahlharte Ignoranz: Keineszeit für Kiki fucks - war das 1zige, was mir als Antwort schon auf die Nennung dews Professornamens begegnete. Und ich sah witzlose Fleisch%knochen- Klempner, Tretmühlenarbeiter im Göpelrad der Fach- Idiotie mit dem unbeirrbaren Spürsinn für den- Abweichler -!dem das eisenschwere Fach-Gelächter vorn Spinner-kopp, - das wirft jeden zurück ins Beamten= Gleis, stählern=gradaus, mit starrem Blick auf den Pensionsanspruch. (Reinhard Jirgl: Die Stille) KrankenhausgeruchIm ersten Zimmer lagen acht Patienten. Krankengeruch schlug den Visitierenden entgegen, ein Geruch, den Richard seit seiner Studentenzeit häufiger eingeatmet hatte als das, was man als "frische Luft" bezeichnete; Krankengeruch: diese Mischung aus Urin, Faeces, Eiter, Blut, Medikamenten und seröser Flüssigkeit in den Wundverbänden und Drainflaschen, der Geruch nach kaltschweißiger, unrasierter Haut (sie waren in einem Männerzimmer, bei den Frauen würde es mehr nach Urin, titriert mit den süßlichen und kamillelastigen Bemühungen einer stiefkinddemütigegen Kosmetikindustrie riechen), nach Franzbranntwein, Bakteriennährböden, Melissengeist und Essig (das Staubwasser, in das die Schwesternschülerinnen und Hilfpfleger ihre Lappen tunkten, um Bettgestelle, Lichtleisten, Nachttische zu reinigen); (Uwe Tellkamp: Der Turm, S. 707) Leben oder langes Sterben?Wer ohne Not zum Arzt läuft, tauscht gegen die möglichen Vorteile ein erhebliches Risiko ein, Nachteile zu erleiden. Fehlbehandlungen oder bloß verlängerte Todesgewißheit sind die zwei hervorstechenden Gründe, den Medizinbetrieb nicht vorschnell mit Vertrauen zu überhäufen. Es gibt noch zwei mehr. Wenn die Ärzte uns unserem ersten möglichen Tod entrissen haben - welcher späteren Todesart liefern sie uns damit aus? Wenn wir nicht der "Volksseuche" Herztod erliegen (so der erstaunliche Begriff bei einem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung): sollen wir dann lieber an Krebs sterben - mit dem Risiko, daß die gewinnenen Lebensjahre ein langes Siechtum sind, daß jedenfalls das Sterben wahrscheinlich langwieriger, schmerzlicher, ekelhafter sein wird, als es beim ersten Anlauf gewesen wäre? Der Tod selber ist die "Seuche", die Sterbequote beträgt immer 100 Prozent - das muß man einem übermütigen Medizinkartell offenbar ausdrücklich entgegenhalten. Zu guter Letzt erhebt sich die Frage: Wofür eigentlich zerren wir uns durch die vielleicht gewonnenen Jahre? Um noch ein großes Werk zu vollbringen? Fabelhaft! Um uns einen Lebenstraum zu erfüllen? Phantastisch! Um nach den Kindern noch die Enkel gedeihen zu sehen? Wie schön! Um schmerzfrei und zufrieden in die Sonne zu blinzeln? Warum nicht. Doch gegen die bloße Genugtuung, noch auf der Welt zu sein, wäre das Risiko abzuwägen, daß man nur mit Nachtstuhl, Sonde und Katheter auf ihr verweilen kann. Führen nicht Millionen Greise in den hochzivilisierten Ländern ein erbärmliches Leben, das sich auch langes Sterben nennen ließe? (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung, S. 116/17f.) Ärzte und PatientenDer Arzt ist stets der geheime Feind des Patienten, bei dem die Heilungsprozedur nicht in angemessener Zeit vor sich geht. Selbst "hohe Honorare" versöhnen ihn nicht mit den Heilungsprozessen, die die Natur aus irgendeinem mysteriösen Grunde verweigert. Er beschäftigt sich nie mit seinen eigenen, eventuellen Irrtümern, sondern pflegt und hegt seinen fast pathologischen "Größenwahn" auf Kosten seiner Patienten. Dieselben geben ihm in allem rcht, und der Patient ist eine Art von selbstmörderischem Verbrecher an sich selbst. Niemand glaubt ihm, das meiste seiner Zustände wird als Einbildung, Hysterie oder absichtliche Entstellung gedeutet. Niemand glaubt dem noch so aufrichtigen Kranken, und er befindet sich in einer qualvollen Situation dem vorgenannten Menschen gegenüber. Der Arzt hat immer recht, weil er seine, durch Prüfungen protokollierte Wissenschaft beherrscht, ohne den Einzelfall, das Einzelereignis auch nur zu ahnen! Der Patient ist das unglückliche Opfer der Kriterien, die gerade auf seinen speziellen Fall durchaus nicht passen! So muß er dem genialen Heilungsprozeß der Natur sich hilflos überlassen und wird von den Ärzten an seinem angeblichen eigenen Unglück schuld und dumm-renitent betrachtet. Wenige Ärzte verstehen es genial, sich ganz in einen ihnen völlig fremden Organismus gerecht, liebevoll - genial - hineinzuversetzen. Die meisten terrorisieren nur mit ihren Vorurteilen und haben nicht die Menschenfreundlichkeit, dem Fremden, Unbekannten, gerecht zu werden. Die meisten Patienten sind scheinbar bornierte Feinde derer, die sie nach den allgemein wissenschaftlichen Regeln erretten wollen. Sie haben alle Verwandten und sogenannten Freunde gegen sich und halten ihr unglückseliges Schicksal für ein nur leider wohl verdientes. (Peter Altenberg, in: Ida Cermak: Ich klage nicht. Begegnungen mit der Krankheit in Selbstzeugnissen schöpferischer Menschen, S. 209f.) Altenpflege in DeutschlandFür so wenig Geld gehen Altenpfleger Tag für Tag an und über ihre Grenzen. Die Arbeit ist nicht nur physisch enorm belastend, das Heben, Tragen, Drehen ausgewachsener Menschen ist schließlich kein Kinderspiel, wichtiger noch ist die psychische Seite: Die Überwindung des eigenen Ekels, die ununterbrochene Nähe zu Schmerz und Tod sind schlimm genug. Als noch schlimmer empfinden viele das häufige Fehlen von Dankbarkeit und Freundlichkeit. Altenpflege ist keine Kinderpflege. Ein Baby lacht und strahlt, wenn es sich satt getrunken hat und die Windel gewechselt ist. Bei Alten ist das oft nicht so, gerade bei den schwierigsten Gästen im Pflegeheim, den Demenzkranken, bleiben jene Zeichen, die den Lohn der Arbeit bedeuten, oft aus. Viele Altenpfleger gehören deshalb zu den Helden dieser Gesellschaft, aber kaum jemand spricht über sie. Altenpfleger sind die Engel von Hunderttausenden von Menschen, aber wie im Himmel fühlen sie sich nicht. Denn in vielen der gut 9000 deutschen Pflegeheime geht es wenig himmlisch zu. In einigen sogar wie in der Hölle. (Anonymus: Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem, S. 75) Attribute ärztlichen Daseins"Wann haben Sie je die Handschrift eines Arztes entziffern können?" "Dann ist sie eben präzise. Wollen Sie das damit sagen?" "Ja. Aber auch die Möglichkeit, daß Dr Brook Harper gar keine Ärztin ist." "Nur weil sie ne saubere Handschrift hat?" "Und weil sie nicht die Kälte und Überheblichkeit wie alle Ärzte ausstrahlt." "Ah, nicht alle Ärzte sind kalt und überheblich." "An ihrem ersten Studientag kriegen sie ‘nen Stapel Bücher und ‘ne Leiche vorgesetzt. Ich fürchte, das verdirbt den Charakter." (The Mentalist, S01E21) ÜbermüdetMoses stieg aus dem Wagen und lief durch den Eingang der Notaufnahme in einem Raum, in dem niemand war. Von dort betrat er einen Flur, wo ihm eine grauhaarige Krankenschwester mit einem Tablett begegnete. "Ich hab in meinem Auto einen Notfall", sagte er. In ihrem Gesicht lag keinerlei Freundlichkeit. Sie musterte ihn mit dem erschreckend verbitterten Blick, den wir haben, wenn wir übermüdet sind oder so wütend über unser eigenes Pech, daß es uns gleichgültig ist, ob unsere Mitmenschen im Sterben liegen. (John Cheever: Die Geschichte der Wapshots, S. 234) Kalt und überheblich"Wann haben Sie je die Handschrift eines Arztes entziffern können?" "Dann ist sie eben präzise. Wollen Sie das damit sagen?" "Ja. Aber auch die Möglichkeit, daß Dr Brook Harper gar keine Ärztin ist." "Nur weil sie ne saubere Handschrift hat?" "Und weil sie nicht die Kälte und Überheblichkeit wie alle Ärzte ausstrahlt." "Ah, nicht alle Ärzte sind kalt und überheblich." "An ihrem ersten Studientag kriegen sie 'nen Stapel Bücher und 'ne Leiche vorgesetzt. Ich fürchte, das verdirbt den Charakter." (The Mentalist, S01E21) Demenz und AngehörigeDort liegt eine von Verwandten umringte Alte, die Anwesende als Abwesende und Abwesende als Anwesende halluziniert. Die wirklich hier sind, scheinen sie aufgrund galliger Pflichtgefühle zu besuchen. Sie zeigen wenig Nachsicht mit ihren kuriosen Verwechslungen und haben nicht die Geduld, der wirren Kranken ihre Phantasien zu lassen, mit denen sie Raum und Zeit überspringt und das Krankenzimmer mit Leuten ihrer Wahl anfüllt. Herrisch wollen sie das greise Weib von ihren arglosen Wahngebilden kurieren und sie davon überzeugen, daß das, was sie sagt, nicht stimmt. Sie, die rational recht haben, wirken weit närrischer als die Alte, und ihre ungnädigen Gegenreden beben vor verhaltener Wut. Vielleicht verzweifeln sie daran, eine lästig gewordene Verwandte, mit der man nichts mehr anzufangen weiß, besuchen und später, weiß Gott wie lange, versorgen zu müssen. Vielleicht haben sie weder Zeit noch Geld noch sonstige Gründe außer einem schlechten Gewissen für ihre Fürsorge aufzubringen. Unleidlich wie sie sind, könnte man meinen, sie glaubten, die Alte halte sie mutwillig zum Narren. Kleinlich schlagen sie auf ihre harmlosen Hirngespinste ein, mit denen sie sich, losgelöst vom Hier und Jetzt, ihr sieches Dasein verschönt. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 8) Ein erhabener TempelbezirkVor drei Wochen lief Mutters Haut dreckiggelb an. Dem Gallenausfluß war mit Medikamenten nicht beizukommen. Durch die Operation wurde eine vorläufige, spekulative Diagnose zur Gewißheit, derzufolge das Gallenleiden nur eine Folge und nicht die Quelle der Krankheit ist. Längst wuchert hinter dem gelbflüssigen Schleimhautsack in der Bauchspeicheldrüse der Krebs. Am Telefon erklärte mir der Arzt, Mutters Leib werde in absehbarer Zeit keine Verdauungssäfte mehr herstellen, die aufgenommene Nahrung nicht mehr gespalten und auf diesem Wege sich selbst zerstören. Ich konnte das geklonte Graeco-Latein des Fachmanns nur zur Hälfte verstehen und wollte auch gar nicht wissen, wie der Zerfall sich im einzelnen vollzieht. Mir fiel wieder einmal auf, wie sehr die medizinischen Terminologie den todbringenden Lebensverlauf in kühle Formeln einzufangen und jeden Anflug von Affekten auszuklammern weiß. Als ich mit dem Arzt sprach, war ich bereits betrunken und versuchte, den zunehmenden Zungenschlag zu verbergen. Jahrelang kam mir das hoch über der Stadt gelegene Krankenhaus, in dem Mutter gegen Ende meiner Schulzeit wegen eines Herzinfarktes lag, nicht mehr in den Sinn. Auf dem Weg in die Klinik konturiert sich ihr damaliges Krankenzimmer vor dem inneren Auge, und die einzelnen, durch Glaskorridore verbundenen Gebäude stehen wieder vor mir. In seiner Abgeschiedenheit gleicht das Gelände einem erhabenen Tempelbezirk, der vor der geschäftigen Welt geschützt und außerhalb des alltäglichen Tumults angesiedelt ist. (...) Das ruinöse Gemäuer bildet den Rand einer abgespaltenen, geschlossenen Welt, die anderen Rhythmen folgt, in der andere Gerüche herrschen und ein anderes Zeitempfinden den Gang der Stunden prägt. Im Park reden die Kranken und ihre Besucher flüsternd miteinander, als sei jedes laute Wort der Genesung abträglich, und auf den Fluren dämpfen Teppichböden den Aufschlag der Schuhe. Dort oben wirken auch jene verunsichert, denen man ansieht, daß sie es gewohnt sind, stets recht zu haben. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 15) Aus der Misere herausrudernVon Kranken muß man sich fernhalten, sagte ich. Ob man will oder nicht, die Krankheiten springen auf einen über, und hinter dem Kranken erhebt sich schon das Meer der Weißkittel und faßt nach ihm. Ein Kranker wird nie gesund, wenn man ihm Mitgefühl schenkt. Kranke muß man herablassend behandeln, dann rudern sie sich aus der Misere heraus, weil ihnen kein anderer Ausweg bleibt als Tod oder Leben. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 183) Ihr mit euren StudienOb das Schreiben hilft? Durchaus. Dazu gibt es Studien, warf der Arzt ein. Ihr Mediziner mit euren Studien. Die Hälfte aller Zahlen, an die ihr glaubt wie ans Evangelium, ist erfunden, die Schlüsse, die ihr daraus zieht, sind falsch, die Methoden sind mehr als fragwürdig. Hauptsache, ihr Ärzte macht euren Reibach. Der Patient ist immer der Dumme. Ich soll wohl deine finanzielle Pipeline vital halten? (Gerhard Köpf: Ein alter Herr, S. 68) Der Doktor als ÄnderungsschneiderDu glaubst gar nicht, wie krank Beipackzettel, Gesundheitssendungen im Fernsehen oder Informationen aus dem Internet machen können. Von den sogenannten Selbsthilfegruppen ganz zu schweigen. Patienten kommen mit einer fertigen Diagnose in die Sprechstunde, und der Arzt soll nur noch das Rezept ausstellen, als gehe es um Kunststopferei. Der Onkel Doktor als Änderungsschneider. (Gerhard Köpf: Ein alter Herr) JargonDie halbe Stunde war vergangen, die Schwester entließ uns, wie Jarmila mir übersetzte, mit den Worten, es wäre keine Schande, Blut in die allgemeine Zirkulation zu investieren, es sprach also mittlerweile auch das Krankenpersonal im Jargon der Vorstandsvorsitzenden, ich hatte meine Freund auch dabei ertappt, wie sie über abwesende Menschen sprachen, als wollten sie ihnen ein Gutachten zur Kriminalprognose ausstellen. (Feridun Zaimoglu: Liebesbrand, S. 266) Horizontale und VertikaleDu bist ein Patient und damit die Horizontale, weil du per Definition zu den Liegenden gehörst. Eine Schwester ist die Vertikale, sie macht dein Bett, bringt dir das Essen ans Bett und wechselt deinen Tropf oder gibt dir eine Spritze. Sie steht, du liegst, die Waagerechte kann sich schlecht zur Senkrechten ins Verhältnis setzen. (Feridun Zaimoglu: Liebesbrand, S. 36) Vom Chefarzt quälen lassenMona machte ihre Prüfung erst viel später, weil sie endlos an der Uni und in diversen Kliniken warten mußte, bis sie zur Prüfung zugelassen wurde, und schließlich war sie Ärztin und hatte kein Geld, um eine Arztpraxis gründen zu können, weil eine Arztpraxis sehr viel kostet. Sie blieb in einer Klinik und hörte nicht auf, an die Frauenunterdrückung zu glauben, weil es in der Klinik Chefärzte gab, die hauptberuflich die Ärztinnen quälten, die kein Geld hatten, eine eigene Praxis zu gründen, und folglich in den Kliniken hängenblieben, um sich von Chefärzten quälen zu lassen und nach achtundvierzig Stunden Dienst in der Klinik nicht mehr zu wissen, ob es noch in Ordnung ist, jetzt mit dem Auto völlig verheult nach Hause zu fahren. (Birgit Vanderbeke: Geld oder Leben, S. 114) K.G.SAls ich Roland - so heißt mein Physiotherapeut - als ich Roland von diesem Gespräch erzählte, sagte er mit seinem schiefen Grinsen: "Sie haben ein Kniegelenksyndrom. So nennen das die Orthopäden unter sich. K.G.S. KannIchGarnixzuSagen." (...) Einen Vorteil hat ein Kniegelenksyndrom. Wenn jemand anruft und sich erkundigt, wie es einem geht und man seinen Zustand nicht unumwunden als total paterre und wimmerig bezeichnen will, aber auch keine Lust hat, sonnigen Optimismus zu verbreiten, kann man immer über sein Knie jammern. (David Lodge: Therapie, S. 25f.) Ein schöner FallEs gibt Ärzte, Joana, die sind grausam und tragisch wie Zwerge, wie Krüppel, wie Bucklige, wie Musiker, die am Ende der Prozessionen zwischen weinenden Engeln und häßlichen Christussen aus Gips die Posaunen spielen. Grausam, tragisch und gemessen fliegen sie mit den Schwungfedern ihrer weißen Kittel um die Infusionsballonsonne herum. Immer wenn jemand sterben wird, sammeln sie sich, von einem merkwürdigen Insekteninstinkt geführt, um den abgemagerten, blassen Patienten, durchblättern fröhlich Röntgenbilder, Laborergebnisse, Biopsieberichte, sind bereit, das zu diskutieren, was sie euphemistisch einen schönen Fall nennen, komplizierte Krebserkrankungen, besonders Leukämien, unheilbare Infektionen, und erschnuppern dabei strahlend den bevorstehenden Exitus. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 195) PsychiatrieDie 5. Station, ganz oben in der Anstalt, zu der man mit einem riesigen Fahrstuhl gelangt, der sich unter panischem Kreischen von Stockwerk zu Stockwerk weint, war, als er dorthin versetzt wurde, ein trauriges Fegenfeuer, das die Psychiater vergebens aufzuheitern versuchten, indem sie die Wände mit Spiegeln pflasterten, die die grauen Gestalten der Kranken, ihre erbärmliche Lage als Gefangene zurückwarfen (es war ihnen verboten, allein hinauszugehen, es war ihnen verboten, spazierenzugehen, es war ihnen verboten, Kontakte mit Männern zu haben, denn, Wir wollen keine Verantwortung übernehmen, wir wollen keine Schwierigkeiten, wir wollen keine Probleme, wir wollen keine Beschwerden seitens der Familien), so daß die einzigen erlaubten Aktivitäten darin bestanden, die Tropfen der verschriebenen Medikamente zu nehmen und dann zu nicht ganz klaren, unnützen Näharbeiten zu schreiten, und darin, im Speisesaal zuhauf auf Resopalstühlen, die wacklig waren wie Milchzähne, einmal pro Woche morgens an den Versammlungen des Clubs teilzunehmen, unter der Leitung von Spezialisten, die vom salbungsvollen guten Willen christlicher Kerkermeister besessen waren. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 88) Panische AngstBei den Ärzten ist fast nur das Grauen echt, das Grauen und die panische Angst vor dem Leiden, der Bitternis und dem Tod. Es scheint, als quälte nur das Grauen diejenigen, die sich mit komplizierten Instrumenten zu fremder Angst beugen, mit ihren Büchern, ihren kabbalistischen Diagnosen, wie ich mich als Kind zu den Mollusken am Strand hinunterbeugte, sie mit einem Stöckchen umdrehte, um neugierig die andere Seite zu erforschen. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 10) ApothekerDie Apotheker saßen fest im Sattel, sie ritten durch das Paradies der Beschwerden, die Beschwerden nahmen zu an Tiefe und Vielfalt, es wurden immer mehr Heilmittel gebraucht, ohne pharmazeutische Gaben fielen die Menschen nach wenigen Tagen heulend und schreiend übereinander her, es wurde an jeder Ecke ein Platz zur Linderung der Schmerzen gebraucht, eine Apotheke zeugte die nächste, längst gab es mehr Apotheken als Bäckereien und Metzgereien und Zeitungskioske, das Überangebot war schon abzusehen, die Schwemme, die Krise, die Schrumpfung, die Sanierung, noch schien alles gesund, die Apotheker, die Wirte, die Fernsehhändler, sie hielten das Leben im Gleichgewicht. (Friedrich Christian Delius: Adenauerplatz, S. 160) Ein wunderschöner TumorNun war sie noch einmal auf Heimaturlaub vom Krankenhaus weg, Versuchskaninchen auf der Krebsstation, ein wunderschöner Tumor, der noch ein paar Wochen halten würde, so daß sich der Professor freute und seine Schüler noch etwas von ihm hatten. (Arnold Stadler: Eines Tages, vielleicht auch nachts, S. 101) Selten ein reines GewissenAls Arzt und gerade als Arzt hat man selten ein ganz reines Gewissen. Man weiß, wie wenig man wirklich helfen kann, man kommt als einzelner nicht auf gegen die Unermeßlichkeit des täglichen Jammers. Man schöpft nur mit einem Fingerhut ein paar Tropfen weg aus diesem unergründlichen Meer, und die man heute geheilt glaubt, haben morgen schon wieder ein neues Gebrest. Immer hat man das Gefühl, zu lässig, zu nachlässig gewesen zu sein, dazu kommen die Irrtümer, die Kunstfehler, die man unvermeidlich begeht - da bleibt es immerhin ein gutes Bewußtsein, wenigstens einen Menschen gerettet zu haben, ein Vertrauen nicht enttäuscht, eine Sache richtig getan zu haben. Schließlich muß man wissen, ob man nur dumpf und dumm hingelebt hat oder für etwas gelebt. (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 294f.) Alle Mittel einsetzen"Medizin hat mit Moral nichts zu tun: jede Krankheit ist an sich ein anarchischer Akt, eine Revolte gegen die Natur, deshalb darf man gegen sie alle Mittel einsetzen, alle. Nein, kein Mitleid mit Kranken - der Kranke stellt sich selbst hors de la loi, er verletzt die Ordnung, und um die Ordnung, um ihn selber wiederherzustellen, muß man, wie bei jeder Revolte, rücksichtslos zugreifen - was einem gerade in die Hand kommt, muß man nützen, denn mit der Güte und der Wahrheit ist noch nie die Menschheit und nie ein einzelner Mensch geheilt worden. Wenn ein Schwindel kuriert, so ist er eben kein erbärmlicher Schwindel mehr, sondern ein erstklassiges Medikament, und so lange ich in einem Fall nicht faktisch helfen kann, muß ich eben trachen, bloß hinüberzuhelfen." (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 166) Mätzchen und Schwätzchen"Wo unsere Methoden versagen, muß man eben versuchen, eine neue zu erfinden, und wo die Wissenschaft nicht hilft, gibt es noch immer das Wunder - ja, wirkliche Wunder gibt es auch heute noch in der Medizin, Wunder bei schönstem elektrischem Licht, gegen alle Logik und Erfahrung, und manchmal kann man sie sogar provozieren. Glauben Sie, ich quälte dieses Mädchen und ließe mich quälen, wenn ich nicht hoffte, sie endlich entscheidend vorwärts, sie durchzubringen? Es ist ein schwerer Fall, ich geb es zu, ein widerspenstiger Fall, seit Jahren komme ich nicht so rasch vorwärts, wie ich möchte. Aber dennoch und dennoch, ich lasse sie nicht aus der Hand. (...) Damit Sie es wissen, ein für allemal - gar nichts Wesentliches habe ich erzielt, nichts Definitives, und darauf kommt es doch an! Ich habe an ihr herumprobiert und herumkuriert wie ein Bader, ziellos, zwecklos. Gar nichts habe ich bis jetzt erreicht." (...) "Aber Herr von Kekesfalva hat mir geschildert, wie sehr die elektrischen Bäder Edith erfrischt hätten, und besonders seit den Injekt..." Doch Condor blieb mit einem Ruck stehen und riß mir das halbausgesprochene Wort entzwei. "Unsinn! Blanker Unsinn! Lassen Sie sich doch nichts einreden von dem alten Narren! Glauben Sie wirklich, daß mit elektrischen Bädern und derlei Spielereien eine solche Paraplegie ausgewischt werden kann? Kennen Sie denn nicht unseren alten Ärztetrick? Wenn wir selber nicht weiter wissen, suchen wir Zeit zu gewinnen und beschäftigen den Patienten mit Mätzchen und Schwätzchen, damit er unsere Ratlosigkeit nicht bemerkt, und zu unserem Glück lügt dann meist in dem Kranken die Natur mit und wird unser Komplize." (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 163f.) Diabetes - damalsDa erkrankte mein Vater, bis dahin ein starker, vollkommen gesunder, unermüdlich tätiger Mann, den ich leidenschaftlich liebte und verehrte. Die Ärzte diagnostizierten eine Diabetes, Sie kennen sie wahrscheinlich unter dem Namen Zuckerkrankheit, eine der grausamsten, der heimtückichsten Krankheiten, die einen Menschen überfallen kann. Ohne jeden Anlaß hört der Organismus auf, die Nährstoffe weiter zu verarbeiten, er führt Fett und Zucker nicht mehr dem Körper zu, und dadurch verfällt und verhungert der Kranke eigentlich bei lebendigem Leibe - ich will Sie nicht mit den Einzelheiten quälen, sie haben mir selbst drei Jahre meiner Jugend zerstört. Und nun hören Sie: damals kannte die sogenannte Wissenschaft nicht die geringste Kur gegen Diät, jedes Gramm wurde gewogen, jeder Schluck gemessen, aber die Ärzte wußten - und ich als Mediziner wußte es natürlich auch -, daß man damit das Ende nur hinausschob, daß diese zwei, drei Jahre ein entsetzliches Zugrundegehen, ein elendes Verhungern inmitten einer Welt bedeuteten, die von Speisen und Getränken strotzt. Sie können sich denken, wie ich als Student, als zukünftiger Arzt, damals von einer Autorität zur andern lief, wie ich alle Bücher und Spezialwerke studierte. Aber überall antwortete mir mündlich und schriftlich das mir seitdem unerträgliche Wort 'unheilbar, unheilbar'. Seit jenem Tage hasse ich dieses Wort, denn ich habe wach und untätig mitansehen müssen, wie der Mensch, den ich auf Erden am meisten liebte, elender zugrunde ging als irgend ein dumpfes Tier; er starb drei Monate vor meiner Promotion. Und jetzt hören Sie gut zu: vor ein paar Tagen in der Medizinischen Gesellschaft haben wir einen Vortrag von einem unserer ersten Chemikologen gehört, der uns informierte, in Amerika und in den Laboratorien einiger anderer Länder seien Versuche schon ziemlich weit gediehen, ein Drüsenextraktmittel zu finden; es sei gewiß´, behauptete er, daß die Diabetes in einem Jahrzehnt eine 'erledigte' Krankheit sein werde. Nun, Sie können sich denken, wie mich der Gedanke erregt hat, daß es schon damals ein paar hundert Gramm dieser Substanz hätte geben können, und der liebste Mensch, den ich auf Erden hatte, wäre nicht gequält worden, wäre nicht gestorben, oder wir hätten wenigstens hoffen können, ihn zu heilen, zu retten. (Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, S. 162) InsulinschocksNeben der neuroleptischen Behandlung wurden auch die fürchterlichen 'Kuren' gegen Schizophrenie noch durchgeführt, Insulinkur und Elektroschock, die man wenig später aufgab und die viel später wieder Mode wurden, wenigstens der gefahrlosere Elektroschock. Vom Insulinschock als Behandlung hatte man anscheinend endgültig genug. An den 'Insulintagen' lebte ich auf Kosten meiner Magennerven, meiner seelischen Gesundheit. Kein Insulintag verging, ohne daß ich atemlos durch das Anstaltgelände hastete, voll Angst, es könnte einmal ein Zwischenfall tödlich ausgehen, durch meine Schuld; voll von schlechtem Gewissen wegen einer gewissen Vernachlässigung jedes einzelnen meiner Patienten, welche bei dem herrschenden Betrieb gar nicht zu vermeiden war. Überdies in der qualvollen Einsicht in die Unzulänglichkeit meiner pharmakologischen Kenntnisse; wußte ich doch über das naheliegendste, die Injektion von Zuckerlösung, hinaus kaum, was allenfalls zu unternehmen sinnvoll oder zumindest ungefährlich war. Ferner die Angst, das Blutgefäß für die Einspritzung nicht in nützlicher Frist zu erwischen, da doch alles blau und kalt und kollabiert war. Verlief endlich alles gut, der Patient 'kam' wieder, wie wir sagten, folgte ein Gefühl der Entspannung, der überstandenen Gefahr, vollbrachter Leistung, das wohl in keinem Verhältnis zum Nutzen der Spritzerei, der Insulinschockkuren überhaupt stand; aus lauter Erleichterung sowie aus Freude am blühenden, effektiv scheinchenhaften Aussehen der Insulinpatienten war man geneigt, zu übersehen, daß sie so krank waren wie zuvor. (Walter Vogt: Altern, S. 92) Ein Chefarzt klagt anZu Frank Königs: Ein Chefarzt klagt an. Von der Profitgier der Klinikbetreiber. Ullstein-Taschenbuch, 272 Seiten. Stichworte: Klinikbetrieb, Chefarzt, Intrige, Rationalisierung, Karriere, Mobbing, Burn out, Gesundheitswesen. Dieses Buch wurde mir durch eine Kollegin in die Hand gedrückt und macht nun die Runde unter uns Pflegenden. So genannte Enthüllungsbücher liest man ja oft mit einem Furor der Neugier. Insbesondere wenn man selbst betroffen ist. Als Pflegekraft bin ich in das System Gesundheitswesen involviert, wenn auch nicht in dem Sinn wie der Chefarzt im Buch, der, nachdem er lange als, wie er einmal formuliert, "öffentlich- rechtlich" Heilender nun in einer privaten Rehabilitationsklinik agieren muß. Die Mißstände, die König offenbart, resultieren aus der Notwendigkeit, selbst einen Betrieb, in dem abhängige Menschen, d.h. Kranke und damit Hilflose und Hilfebedürftige, versorgt werden müssen, als profitables Unternehmen zu führen, welches sich auf dem Markt bewegt und dort halten und überleben soll. Sachzwänge kollidieren mit eigentlich für das Wohl der Anvertrauten Notwendigkeiten, wobei Einsparungen, Streichungen und Veränderungen selten zum Vorteil für das Klientel UND das Personal gereichen. Die Leid Tragenden tragen sozusagen doppeltes Leid. Die verantwortlichen Manager sähen die Not höchstens, wenn sie selbst einmal zu Betroffenen würden und sich beispielsweise der Maschinerie des Klinikalltags ausgeliefert sähen. Man ahnt, daß sich die Maßnahmen als zu kurzsichtig und mittelfristig als Bumerang für das gesamte System erweisen könnten. Ärzte im DienstDie Ärzte sind oft die wunderbarsten Menschen, als Ärzte müssen sie sich natürlich beherrschen. Arztsein fordert wahrscheinlich die grausamste aller Selbstbeherrschungen. Eine allmählich auch den wunderbarsten Menschen vernichtende Enthaltsamkeit. Sie müssen der Gesellschaft rückhaltloser dienen als jeder Polizist oder Staatsanwalt. Sie haben ja kein engmaschiges Gesetznetz, das sie über den Patienten werfen können. Sie müssen sich selbst, ihre ganze Feinheit müssen sie einsetzen, um den Patienten, der einer ist, weil er etwas gemerkt hat, wieder einzufangen, ihn zu weiterem Inkaufnehmen zu bewegen. Zu erpressen eigentlich. Ihnen zuliebe soll der Patient vergessen, was er erfahren hat. Natürlich sind sie im Dienst. Aber keiner tut weniger, als sei er im Dienst, als der Arzt. (Martin Walser: Jagd, S. 128) AbstumpfungMenschen, die zu fremdem Leid nur eine dienstliche oder geschäftliche Beziehung haben, zum Beispiele Richter, Polizisten und Ärzte, stumpfen mit der Zeit kraft der Gewohnheit so ab, daß sie sich zu ihren Klienten nur noch formal verhalten können, selbst wenn sie anders wollten. (Anton Cechov) Der gute ArztEin guter Arzt ist das beste, das wir haben können, sagte Reger, aber kaum jemand hat einen guten Arzt, wir haben es ja doch immer nur mit medizinischen Stümpern und Scharlatanen zu tun, sagte er, und glauben wir einmal, jetzt haben wir einen guten Arzt gefunden, so ist er entweder zu alt oder zu jung, entweder er versteht etwas von der neuesten Medizin und hat keine Erfahrung oder er hat Erfahrung und versteht nichts von der neuesten Medizin, so ist es, sagte Reger. Der Mensch braucht ganz dringend einen Körperarzt und einen Seeelenarzt und beide findet er nicht, lebenslänglich ist er auf der Suche nach einem guten Körperarzt und nach einem guten Seelenarzt und beide gibt es für ihn nicht, das ist die Wahrheit. (Thomas Bernhard: Alte Meister, S. 272) Kinder kriegenDer Arzt war jung, vollbärtig und aufmerksam. Es ist sehr beruhigend, wenn an einem verregnetem Nachmittag im Oktober in einer Klinik jemand Sonntagsdienst hat, dessen Ausbildung auf dem neuestem Stand ist und der sich sehr auf die Dinge konzentriert, die auf ihn zukommen. Als er hörte, daß es erst der sechste Monat war, sah sein Gesicht noch ein wenig jünger und aufmerksamer aus. Er wirkte plötzlich sehr ärztlich. Wahrscheinlich ging ihm eine Statistik durch den Kopf. Die Statistik mit den Überlebenschancen von Sechsmonatskindern . Er schaute auf den Fußboden. Dann sah er wieder hoch und schenkte unserem Sohn ein resigniertes Lächeln und einen Es-wird-schon-werden-Klaps. "Wann gehts denn endlich los?" fragte unser Sohn. "Ich weiß es nicht", sagte ich. "Es geht gleich los", sagte meine Frau. Ihr Gesicht war immer noch ein wenig rosig und verknautscht. Als der Arzt, der jetzt nicht mehr ganz so jung aussah, die Narkosemaske hervorholte, sagte meine Frau: "Lassen Sie nur. Ich brauch keine Gasmaske. Das hier ist eine ganz normale Geburt und kein Stellungskrieg." Meine Frau hat eine starke Abneigung gegen alles, was in der Medizin nach Chemie riecht. Ihr Großvater mütterlicherweits war Vegetarier, und sie nimmt überhaupt nie Tabeletten, außer gegen Zahnschmerzen. "Ich brauch das wirklich nicht", sagte sie. Der Arzt lächelte verlegenen und solidarisch. Die meisten Ärzte halten einen ja für einen Anarchisten, wenn man bei vollem Bewußtsein Kinder kriegen will, aber der hier lächelte. (Günter Ohnemus: Zähneputzen in Helsinki, S. 134f.) |