Aktenzeichen: DDR

Jubelschreie & Trauergesänge über die DDR


Drogen in der DDR
Monopoly
Öffentlichkeit
Religöser Atheismus
Modewellen
Durchblick
Ich liebe Grönland
Ehe mit einer Ostdeutschen
27. September 1989
Kaffee-Mix
Nicht jede Mode mitmachen
Themenstreusel: DDR
Herrschaft des Gottes Geld
Die Wetterseite
Gastronomie der DDR
Geheimnis der Maueröffnung
Mangelnde Verwendungsfähigkeit von Geld
Das Land des Wartes
Die 80er Jahre
DDR-Weine
Ein ausgeklügeltes Türensystem
Diktatur des Proletariats
Die Zweischneidigkeit des Geldes
Radio im Sozialismus


Drogen in der DDR

Drogen gab es in der DDR praktisch nicht. Ich kannte jemanden, der behauptete, daß er jemanden kennen würde, der Haschisch raucht. Und das war schon meine wildeste Drogenstory. In den Ostmedien wurde unaufhörlich von der Drogenverseuchung des Westens geredet, diese war neben der Arbeitslosigkeit eines der Hauptargumente gegen den Kapitalismus, obwohl beide Argumente vollkommen exotisch wirkten. Hätte man geschrieben, daß man auch im Westen auf manches Auto mehrere Jahre warten mußte, hätte man einen größeren Effekt erzielt. Jedenfalls liefen die Drogengeschichten im Ostradio immer nach demselben Muster ab: Montags zog man, womöglich aus Versehen, an einer Haschischzigarette, und spätestens Mittwoch setze man sich den Goldenen Schuß auf einem tristen Klo des Bahnhof Zoo. Am Dienstag hatte man noch Zeit, zu stehlen, zu dealen und sich zu prostituieren, zu infizieren, zu kontaminieren. (Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, S. 118)


Monopoly

Als die Mauer fiel, waren wir schon jottwehdeh in Ilmenstett. Hör mal kurz auf mit dem Krach, sagte Fritzi, als sie es in der Tagesschau sah. Sie hatte einen winzigen Fernseher mit Zimmerantenne, Adam stellte die Bohrmaschine ab, und dann starrten wir alle drei auf diesen Minikasten von einem Fernsehapparat und überlegten, ob wir das eben wirklich gehört hatten, wir sahen den Mann, der gerade mit einem lächerlichen Gestammel die Mauer weggeräumt hatte; er war offensichtlich verwirrt. Fritzi sagte, der überlegt auch, ob er das wirklich gesagt hatte, aber jetzt hatte er es gesagt, wir hatten es gehört, und Adam war der Erste, der es begriff. Das war das, sagte er. Was soll das denn heißen, sagte Fritzi, und Adam sagte, ab jetzt wird Monopoly gespielt. Scheißspiel. (Birgit Vanderbeke: Das läßt sich ändern, S. 65)


Öffentlichkeit

Denn Öffentlichkeit als geistige Macht erfordert dreierlei: Information, sich aus den Quellen, nicht nur aus Kommentaren eine Meinung zu bilden; Gelegenheit, diese Meinung auch mitzuteilen, und zwar im vollen Sinn, den "mitteilen" hat, und schließlich eine begründete Aussicht auf eine, natürlich proportionale, Wirkungsmöglichkeit dieser Meinung. Darf ich, verehrter Herr Minister, freimütig gestehen, daß mich, was diese Dreiheit betrifft, angesichts der Realität unsres Lebens, des realen Sozialismus, ein Gefühl ankommt, das doch mehr Unlust als Lust ist? (Franz Fühmann an Klaus Höpke, 20.11.1977)


Religöser Atheismus

Unsere politische Bildung wurde durchgeführt, indem wir vom ersten Grundschuljahr an einerseits täglich, andererseits mit einer gewissen Lustlosigkeit indoktriniert wurden. Der Lehrplan war voll von sozialistischen Phrasen, die sich in den Jahrzehnten niemand herauszustreichen getraut hatte. Die Realität hatte das meiste davon längst überholt, aber die Verabreichung der Phrasen an die Kinder war zu einer folkloristischen Tradition geworden, von der man sich nicht trennen wollte. Gelangweilt verlangten unsere in Westklamotten gekleideten Lehrer, daß wir den allseitigen Sieg des Sozialismus im Kampf der Systeme verkündeten. Nur dafür gab es die Note Eins. Der Sozialismus stellte sich uns als eine Art atheistischer Konfession vor, bei der lieber niemand mehr fragte, ob man denn wirklich glaube, sondern wo es darauf ankam, die zentralen Glaubenssätze an der richtigen Stelle wiedergeben zu können. (Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, S. 10)


Modewellen

Für schnelllebige Modewellen war die DDR vollkommen ungeeignet. Daher war der Pop und alles, was dazugehörte, wenig verbreitet. Bis man an eine abgelegte Westzeitschrift kam, um der Oma den Schnitt der Klamotten zu erklären und dem Friseur die Haarmode zu zeigen, war der Zug schon wieder abgefahren. Daher eigneten sich eher mittelfristige Modewellen wie Punk, Grufti, Skin, Mod oder Rocker. Ich entschied mich für "New Romantic", eine Untergruppe der Gruftis, die weiße statt schwarzer Hemden trug. Dabei spielte es eine Rolle, daß man leichter an weiße als an schwarze Oberhemden herankam. (...) Mit meinen Kumpels hockte ich hinter einem Glas Cola- Weinbrand auf gepolsterten Stahlrohrstühlen an einem Sprelacart-Tisch in der Klubgaststätte 'Kalinka', bis endlich eine Lied von 'Anne Clark' oder 'The Cure' kam. (...) Ich trug schwarz gefärbte Hosen, schwarze Halbschuhe und ein weißes Oberhemd, das ich mir bei meinem Vater ohne sein Wissen geborgt hatte. Das Gesicht hatte ich mir mit einer dünnen Schicht Zinksalbe weiß geschminkt, die laut Verpackung besonders für die Behandlung wunder Babyhaut geeignet war. Dieses Detail mußte meine Geheimnis bleiben. Echte Weißschminke gab es nicht. Meine Haare waren schwarz gefärbt und mit einem Kamm sowie dem Haarspray "Disko-Club" auftoupiert. Dieses Haarspay diente wahrscheinlich heimlich dem Schutz der Jugend vor ungewollter Schwangerschaft, denn es stank abstoßend. Wir stellten uns in einem Kreis auf, in dem die Mädchen ihre kleinen Handtaschen abstellten. (...) Meine Füße bwegten sich überhaupt nicht mehr. Sie standen reglos da, dicht nebeneinander. Nur die Arme ruderten verzweifelt, Halt suchend in der Gegend herum. Dazu blickte ich so, als ob mein bester Freund Suizid hieße und der Freitod für mich ein möglicher Weg weiterer Lebensgestaltung wäre. Das Leben eines New Romantic war nicht ungefährlich, und die Unaufrichtigkeit unserer Selbstmordphantasien offenbarte sich nach jedem Tanzabend. Am Ausgang vom 'Kalinka' versammelten sich nach der Disko immer Skins, die unsere traurigen Existenzen problemlos hätten beenden können. Stattdessen verließen wir das 'Kalinka' ziemlich frühzeitig. Wir waren alle so unsportlich, daß wir keine würdigen Gegener abgaben. Mit unseren wehenden Klamotten hatten wir nicht mal Aussicht auf erfolgreiche Flucht. (Jakob Hein: Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand, S. 37f.)


Durchblick

... glaubt er doch, in ihrem Gesicht etwas zu erkennen, das ihm so oder ähnlich schon öfter aufgefallen ist bei Frauen, die die Jahre vor der Wende in einem Zustand innerer Reserve und unausgesprochener Ablehnung dem Staat gegenüber verbrachten: Sensibel und auf eine Weise unpolitisch, die er nur existenziell finden kann, strahlt sie die Würde derer aus, die weder zu sozialistischen noch zu kapitalistischen Zeiten die sogenannte Wirklichkeit mit der Wahrheit verwechseln verwechseln würden. (Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht, S. 136)


Ich liebe Grönland

Ich lasse seit Tagen den automatischen Anrufbeantworter eingeschaltet. Es klickt dort fortwährend, zweimal am Tag muß ich das Aufnahmeband auswechseln. Ich fürchte, sie machen mir meinen Anrufbeantworter noch kaputt. Dann hätte ich wieder einen Freund, der es gut mit mir meint, verloren. Beim Abhören der Bänder stelle ich fest: Grönland hat sich noch nicht gemeldet. Das einzige Land, glaube ich, das nicht bei mir angerufen hat. Was ist los mit Grönland? Kein Interesse an den Veränderungen in der DDR? Ich liebe Grönland. (Christoph Hein: Die fünfte Grundrechenart. Aufsätze und Reden; 1987-1990, S. 204)


Ehe mit einer Ostdeutschen

... Anwalt mit Namen Kraushaar, der kurz zuvor eine Frau aus dem Osten geheiratet hatte. Ich kenne keinen anderen westlichen Mann, dem das gleiche Kunststück geglückt ist; ich bin mit ihm verabredet, weil ich erfahren möchte, welche Hürden dafür zu überspringen waren. (...) Sein Rat sei kurz: Ich sollte die Finger von der Geschichte lassen. Ist es so schwer? frage ich, und er nickt und antwortet: Und zwar in jeder Beziehung. Er ist von seiner Frau längst wieder geschieden. Glauben Sie mir, sagt er, diese Leute sind für ein Leben in freier Wildbahn verdorben. Sie sind es gewohnt, in Gehegen zu existieren, alles Unerwartete versetzt sie in Panik. Sie haben etwas Kuhiges, sie malmen ihr Gras, glotzen den Horizont an und wollen pünktlich gemolken werden. (Jurek Becker: Amanda herzlos, S. 298f.)


27. September 1989

Sehr spannend, weil der "Tag des Jahres", wie Christa Wolf ihn bezeichnet, wenn sie 40 Jahre lang den 27. September tagebuchartig beschreibt, 1989 und 1990 jeweils VOR den entscheidenden Ereignissen stattfindet. 1989 also vor den großen Leipziger Montagsdemonstrationen. Und an ein Ende der DDR noch in keinster Weise gedacht werden konnte. Deshalb liest sich diese abschließende Passage vom 27.9. 1989 so spannend: "Uns ist bewußt, daß der Staat, in den wir hineingewachsen sind und der jetzt in seiner tiefsten Krise steckt, seine Legitimation aus abstrakten Zielen genommen hat; aus einer Theorie, der er der Wirklichkeit anpassen wollte. (...) Wenn allerdings zwei große, in ihren Bedürfnissen unreife Bevölkerungsgruppen in Ost und West aufeinandertreffen und sich womöglich vereinigen wollen oder sollen - was dann geschieht, das wage ich mir nicht auszumalen. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr, S. 451)


Kaffee-Mix

Ich mache Frühstück, röste Brot, koche für ihn Tee, für mich Kaffee, muß noch lachen über die erregten Diskussionen, die in den letzten Wochen über die Kaffeepreise stattfanden, über die ungenießbare Erfindung "Kaffee-Mix" für sechs Mark, über die Witze, die darüber im Umlauf sind: Was ist der Unterschied zwischen Kaffee-Mix und der Neutronenbombe? Keiner. Beide werden geächtet. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr, S. 253)


Nicht jede Mode mitmachen

Sind Sie etwa auch son Typ, der jeden Arbeiter mit Grips als faul bezeichnet, wenn er sich nicht schleunigst aus der Arbeiterklasse rausdisqualifiziert? Meine Frau lag mir ständig mit irgendwelchen Selbststudiumsvorschlägen in den Ohren, ehrlich. Haben Sie auch son Drang zum Höheren? Und zu diesen Synthetikklappen aus dem Exquisit - warum nicht gleich mit Geldscheinen den Wanst bepflastern. Und wo kein Auto ist im Haus, da siehts gar öd und traurig aus. Scheißstatussymbole. Kann ich mir von ner Polstergarnitur was abbeißen? Warum soll ich die Anschaffmode nachmachen, nur weil sie von drüben kommt? Na schön, dort wird jeder Nonkonformismus binnen kurzen konformistisch vermarktet... (Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura, S. 407)


Herrschaft des Gottes Geld

Die Republik war, wie sie war, eine alberne, kleingeistige, hinterwäldlerische, brutale, von Dummköpfen (gutwilligen und gemeinen) regierte, langweilige, biedere, hermetische, von fleißigen Werktätigen getragene, von arbeitsscheuen Elementen ausgenutzte, provinzielle Kommune. Sie besaß all die Fehler, die man ihr später nachwies, doch verfügte sie über ein Merkmal, das ebenso Errungenschaft wie Grund ihres Scheiterns war: Sie begrenzte das Diktat der Finanzen. Die Herrschaft des Gottes Geld war in der atheistischen Republik eingeschränkt, die Gegenreformation setzte erst mit der Unterwanderung durch die Westmark wieder ein und führte dann folgerichtig zur deutschen Einheit. (Es ging des Ostdeutschen wie dem Helden im Märchen vom goldenen Taler, sie ahnten nicht, was mit ihnen geschehen würde, als sie die Münzen, das richtige Geld, anfaßten.) (Steffen Mensching: Lustigs Flucht, S. 199)


Die Wetterseite

"... und wenn man bedenkt, wie lange die chinesische Mauer hielt, ist man doch etwas enttäuscht von diesem Berliner Remake", sagte gerade wer? Vince, der Godot- Macher, umgeben von einem Kreis von Kichernden und Nickenden. "Kein Wunder", vernahm ich meine Stimme. "Die chinesische Mauer war schließlich gegen Feinde im Osten gerichtet. Das ist einfach. Eigentlich braucht man da gar keine Mauer. Die in Berlin stand aber Richtung Westen. Und das ist die Wetterseite. Die wird extrem beansprucht. Die verwittert dir bei strengster Bewachung unter den Händen weg. Das weiß jeder Architekturstudent im ersten Jahr." (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 164)


Gastronomie der DDR

Pizzadienste und Lieferservice gab's in der DDR nicht, in weiten Teilen ja auch kein Telefon, mit dem man, wenn's die gegeben hätte, hätte was bestellen können. Womöglich hätte man in der DDR zunächst einen "Antrag auf Genehmigung einer Bestellung im Bereich personenbezogene Grundnahrungsmittel" abgeben müssen, um dann drei Monate auf den Bescheid über "Zuteilung der Bestellungsanmeldung" zu warten. Klar wäre gewesen, daß man sich dabei das, was man bestellen wollte, nicht aussuchen konnte. Die staatlichen Organe würden den angemessenen individuellen Bedarf festlegen und die Zuteilung entsprechend den gesellschaftlichen Bedürfnissen vornehmen. Das Menü war eh überall das gleiche, in jedem Laden, in jeder Gaststätte, in jeder Clubgaststätte, in jedem Restaurant. Die DDR, zumindest was das öffentliche Angebot betraf, hatte die liebloseste und auf gespenstische Weise geradezu amusischste Küche der Welt, einen ewig gleichen, starren und obskuren Mix aus Gerichten, bei denen man den Eindruck hatte, ihnen lägen Rezepte zugrunde, die ein Legastheniker aus den Resten eines Kochbuchs für Bauernfänger abgeschrieben hat. Es gab stets und immer und immer wieder nur, wenn's das gab und wenn man - "Achtung! Sie werden plaziert" - einen Tisch zugewiesen bekam: Ochsenschwanzsuppe, Schwalbennest, Strammer Max, Würzfleisch, Kraftbrühe mit Eierstick, Falscher Hase, Steak Letscho, Königsberger Klopse, Szegediner Gluasch, Schweinebraten, Schweinerückensteak, Rumsteak mit Kräuterbutter - plusminus drei, vier Gerichte, die ich glücklicherweise für immer vergessen habe. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 160)


Geheimnis der Maueröffnung

Der genaue Verantwortungs-Dienstweg in puncto Maueröffnung am 9. November 1989 ist trotz zahlreicher Spezialanstrengungen von der historischen Forschung bislang nicht befriedigend aufgeklärt worden und wird vielleicht noch Generationen von Rätselfreunden in den Bann ziehen, wenngleich für die, die dabei gewesen sind, feststeht, daß ein Coctail aus banalen Mißverständnissen, Verschwörungen und zwotem Hauptsatz der Thermodynamik hier ausschlaggebend gewesen sein muß. Egal. Was geschehen ist, ist geschehen. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 146)


Mangelnde Verwendungsfähigkeit von Geld

Die mangelnde Verwendungsfähigkeit von Geld war eines der Hauptprobleme in der DDR. Sie dürfte das einzige Land weltweit gewesen sein, das über Lottogewinner verfügte, die schier verzeifelten. Hier gab es Erben von immensen Vermögen, die durchdrehten, Preisträger und Ausgezeichnete, die depressiv wurden, weil sie nichts kaufen konnten. Weder ein Auto, noch ein Haus noch eine Wohnung waren ohne weiteres zu haben, keine Traumschiffe, kein Schmuck. Nicht mal vergoldete Füllfederhalter, auch nicht vom Aussterben bedrohte Papageiensorten, zu schweigen von handbemalten Sammeltassen aus Meißener Porzellan. Eine Million DDR- Mark war wirklich nicht viel mehr als Spielgeld. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 73)


Das Land des Wartes

Die DDR war das Land, in dem am meisten und, wenn das möglich ist, am intensivsten gewartet wurde. Alle warteten hier, entweder darauf, daß etwas begann, oder darauf, daß es aufhören würde. Man wartete stundenlang vor Geschäften, bis die Schlange vorwärts rückte, man wartete Jahre auf Autos, auf Autoersatzteile, man wartete auf die Zuteilung der Wohnung, man wartete auf das unabsehbare Ende der Rede des Generalsekretärs des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR sowie Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates auf der Berliner Bezirksdelegiertenkonferenz zur Vorbereitung des Parteitages, man wartete auf ein neues Buch, das längst erschienen sein sollte, auf Westpakete, die angeblich unterwegs waren, auf Handwerker, die nie kommen würden, und immer darauf, daß irgend etwas passierte. Das ganze Leben bestand aus Warteperioden. Offiziell wurde stramm auf den Ausbruch des Kommunismus gewartet, ansonsten warteten die meisten auf die Rente, weil sie dann reisen konnten. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 68)


Die 80er Jahre

Das Ost-Berlin der achtziger Jahre war bekanntlich ein Dorado der Nischensysteme, notdürftig überlagert von offiziellem Getue, dem niemand Glauben schenkte. In der Öffentlichkeit pries die DDR sich über alle Maßen und praktizierte die unverhohlene Selbstanschleimerei. Das Erreichte wurde allseitig vertieft, das Geleistete weiter ausgebaut, die Errungenschaften vervollkommnet, und stolz wurde zurückgeblickt auf die Erfolge, die ein Garant waren für Unumkehrbarkeit des Unumkehrbaren. "Alles zum Wohl des Volkes!" lautete die Dauerlosung der Partei - es war ein Sozialismus für Alkoholiker. Dahinter, dabei und jenseits dessen gab's etliche Parallel-, Zwischen- und Unterwelten, die wunderbar funktionierten. Zum Leben brauchte man kaum Geld. Eine Zweiraumwohnung im Prenzlauerberg kostete die Phantasie-Miete von 21,37 Mark der DDR. Essen und Trinken, Bier und Wein waren Pfennigartikel. Luxusgüter und Klamotten standen nicht groß zur Auswahl. Reisen mußte auch keiner. Was blieb, war Zeit, viel Zeit, angefüllt mit nichts. Und mit Zeittotschlagen. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 72)


DDR-Weine

Die Weine waren damals schon zäh gewesen, heillos verpanschte Tropfen, und sie dürften sich in der Zwischenzeit nicht verbessert haben. Sie wurden aus Ungarn, aus Bulgarien, aus Rumänien imponiert, den eher subklassischen Weinanbauländern. Jahrgang, Lage, Rebsorte spielten keine Rolle. Allein die Erwähnung dieser Begrifflichkeiten ließ einen als Mann von Mondänität erscheinen. Wein war eben Wein, mehr nicht. Ein Wort wie 'trocken' verwies auf gehobenes, schon den Dünkel streifendes Vokabular. Süß oder nicht so süß, das genügte. (...) Mit einem Schlag waren aus dem Nichts jene Kopfschmerzen aufgetaucht, die dem Genuß des DDR-Weins stets folgten. Es gab nicht nur die normalen Suff- Kopfschmerzen, die einen am Morgen begrüßten. Sie waren immer da, eine schier logische Begleiterscheinung. Zement im Kopf. Hinter der Stirn rotierte der Mischer, während im Nacken Plattenbauten einstürzten. Überlagert wurde dieses unerfreuliche Szenario von einem immensen Großbrand, der allerdings nicht zum Zuge kam, weil die Übelkeit doch stärker war und sämtliche Wegerechte für sich reklamierte. (...) "Was ist das?", fragte ich beklommen. Meine Befürchtung war, daß es sich um einen Wein aus der berüchtigten Weinkellerei Neubrandenburg handeln könnte. Weitab von jedem Weinanbaugebiet gelegen, rührte man dort alles mögliche zusammen, Hauptsache mit Glykol. Das Resultat war eine selbst für DDR-Verhältnisse ungewöhnliche schmierige, uringelbe Brühe, die nach dem Rost im Stahltank und ansonsten nach einer Spätlese von Rübenabfällen schmeckte. Schon beim Trinken begann der Betonmischer im Kopf zu rumpeln. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 47/48)


Ein ausgeklügeltes Türensystem

Die Staatssicherheit hatte in jenen Jahren nicht mehr den Ruf eines strammen, unnachgiebigen Repressionskommandos sibirischer Bauart. Eher glich sie einem in die Jahre gekommenen, leicht verschatteten, mehr oder weniger hilflos herumstolpernden Behörden- Monstrum. In der Magdalenenstraße, dem Stasi- Hauptquatier, gab es vor allem Türen, Türen vor Türen und Türen hinter Türen, Türen um Türen herum, einzig aus dem Grund, daß nie jemand jemand sehen oder, wie es im Geheimdienst-Jargon hieß, dekonspirieren konnte. Die Flure hier alle paar Meter mit Türen und Doppeltüren regelrecht gesprenkelt. So viele Türen hatte kein anderes Haus der Welt. Gut möglich, daß es der exorbitante Türenbedarf der Stasi war, der die DDR zugrunde richtete. Durch ein ausgeklügeltes System durfte nur eine Person im Abschnitt einer Tür sein, so daß man zwischen den Türen wartete, bis andere Türen sich geöffnet oder geschlossen hatten. Nicht auszudenken, wie früh ein Stasi-Mitarbeiter aufbrechen mußte, wenn er sich zur Notdurft auf den Weg machte, denn er hatte Hunderte von Türen zu öffnen und zu schließen. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 9/10)


Diktatur des Proletariats

Die DDR wollte nach Vorstellung ihrer Obrigkeit und jener Menschen, die zu ihr standen, eine Gußform der Beglückung sein; Westdeutschland war vergleichsweise ein Schwamm, eine Wolke, die sich ausbreitete. Die DDR war tragisch. Es war fatal, daß niemals eine freie Wahl dieses Staatswesen bestätigte. Die DDR lebte als gewaltige Verordnung, nämlich sich fortschrittlich, glücklich und kampfbereit zu fühlen. Sie ließ keinen sich selbst regulierenden Alltag zu und erstickte daran. Angestrebt wurde bekanntlich die Diktatur des Proletariats. Möglicherweisde wurde nur eine unglücklichere Formulierung für eine Utopie gefunden. Die minimalste fremde Herrschaft über das eigene Leben ist unangenehm genug und zu reduzieren? Wie soll da ausgerechnet eine 'Diktatur' begeistern? (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland, S. 10)


Die Zweischneidigkeit des Geldes

Die DDR sank, summa summarum, zu einem Horror-Gebilde herab. Vielleicht kam ihr moralisches Ende mit der Eröffnung des ersten 'Intershops'. Wo nur Besitzer von Westgeld begehrte Westwaren kaufen konnten, war nicht mehr daran zu glauben, daß man als Ostdeutscher mit Ostgeld der glücklichere Mensch sei. (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch- deutschen Grenzland, S. 12)


Radio im Sozialismus

Das Radio hatte im realen Sozialismus einen besonderen Stellenwert. Es war das einzige Gerät, mit dem man unmittelbar Kontakt mit dem Westen aufnehmen konnte. Um also das Gefühl haben zu können, ein Dissident zu sein, brauchte man nicht mehr als ein gutes Radio, eingestellt auf die Frequenz der Sender "Freies Europa" oder "The voice of America". Sammelten sich drei Menschen um ein Radio, um eine Flasche Schnaps zu teilen, konnte man schon von einer wundersame Sache, denn anders als der Schnaps gab es jedem das Gefühl, ein Held zu sein. Und alle liebten es. (Dimitré Dinev: Ein Licht über dem Kopf, S. 52)


Interessenlagen

Die meisten haben sich inzwischen daran gewöhnt, daß das Interesse des Ostens für den Westen sich auf die Kontrolle des westlichen Interesses für den Osten beschränkt. Ich erlebe kaum eine ost-westliche Tischgesellschaft, in deren Verlauf von einem Ostvertreter nicht Klage geführt würde über das mangelnde Interesse der Westdeutschen an den Ostdeutschen, worauf die Westvertreter ihre geplanten und absolvierten Reisen nach Sachsen und Mecklenburg, ihre Theater- und Museumbesuche sofort pflichtschuldig abrechnen wie Steuerbelege beim Finanzamt, was ihnen aber bestenfalls als Voyeurismus und schlimmstenfalls als Besatzerallüren und Kolonisatorengebaren ausgelegt wird, denn wer sich für Seen und Museen interessiert, hat damit noch lange nicht die fremde östliche Seele und die einzigartigen Bedingungen ihres Gewordenseins erkundet. (Monika Maron: quer über die gleise. Essays, Artikel, Zwischenrufe, S. 76)


Kleine Machtspiele

Ich frage mich, wie es möglich ist, daß es auf einem Postamt in Schöneberg oder Wilmersdorf haargenau so zugeht, wie es auf dem Wohnungsamt in Pankow oder im Centrum-Warenhaus am Alex zugegangen ist, als dort noch der Staat der Arbeiter und Bauern herrschte, was die orts- und zeitüblichen Umgangsformen wenigstens erklärte. Da vor allem die Arbeitsbedingungen der Werktätigen zu erleichtern waren, konnte der jeweils Werktätige mit jedem im Moment gerade nicht werktätigen Bittsteller umgehen, wie es ihm für die zu beanspruchende Erleichterung seiner Werktätigkeit angemeseen schien. Wenn der Bittsteller einige Stunden später selbst wieder werktätig war, durfte er genauso verfahren und so weiter. Wie die Sache ausging, ist bekannt. Mein Postamt steht aber in Westberlin, und ich kann nicht glauben, daß alle, die dort arbeiten, aus dem Osten sind, In dem Wort 'Post' ist zwar das komplette Wort 'Ost' enthalten, aber eine Erklärung ist das auch nicht. (Monika Maron: quer über die gleise. Essays, Artikel, Zwischenrufe, S. 73)


Zartes Pflänzchen Demokratie

Damals, als die eine Macht gefallen war und die andere noch nicht herrschte, damals, als sie alle rund um die runden Tische saßen und in stundenlangen, tagelangen, ja wochenlangen Diskussionen, wahrhaft demokratisch, um jedes Problem rangen, damals hatte T.O. geglaubt, jetzt würden sie eine Gesellschaft schaffen, die vielleicht nicht wohlhabend, vielleicht sogar arm und bescheiden, aber ganz und gar gerecht sein würde. Inzwischen wisse er,sagt T.O., daß sie damals naiv und unerfahren waren und daß, wer seinen Blick auf eine Tischrunde richtet, nicht sieht, was hinter seinem Rücken passiert; trotzdem seien diese Monate die schönsten und hoffnungsvollsten seines Lebens gewesen, bis er hatte mitansehen müssen, wie das zarte Pflänzchen Demokratie unter den Luxusstiefeln der Banken und Konzerne zermalmt wurde. (Monika Maron: quer über die gleise. Essays, Artikel, Zwischenrufe, S. 56)


Stunde der Kritik & Selbstkritik

Ich war elf oder zwölf Jahre alt, als in meiner Schule die Stunde der Kritik und Selbstkritik eingeführt wurde. In jeder Woche mußte ein Kind, das nach dem Alphabet an der Reihe war, zuerst sich selbst kritisieren und sich danach, unter Anleitung der Lehrerin, von allen Mitschülern kritisieren lassen. Schon Wochen vorher überlegte man, welche Schändlichkeit oder Schwäche man der zur Hatz aufgerufenen Klasse hinwerfen wollte, um seine wahren Blößen zu schützen. Bot man zu wenig, reizte man sie vielleicht; bot man zu viel, verloren sie jede Hemmung. Aber so oder so, am Ende weinte jedes Opfer. von dem sich in dieser Stunde alle anderen Kinder nur dadurch unterschieden, daß sie gerade nicht dran waren. Das war 1953, im tiefsten Stalinismus. (Monika Maron: quer über die gleise. Essays, Artikel, Zwischenrufe, S. 34)


Um wichtig zu sein

Früher war es wichtig, Solschenizyn und Koestler zu lesen und weiterzugeben. Es war schon wichtig, einfach nur gegen den Staat zu sein, mehr mußte man gar nicht tun, um wichtig zu sein. Natürlich war das eine ganz idiotische Wichtigkeit, trotzdem fehlt sie mir. (Monika Maron: Endmoränen, S. 57)


Zwei Brüder

Mein Bruder wird geschlechtsreif. Wenn man ihn nicht versteht, weil er undeutlich spricht, behauptet er, im Stimmbruch zu sein. Am Morgen besetzt er zwanzig Minuten das Bad. Sonnabends zieht er mit seinem Kofferradio los, zur Disko, Club Passage. Wieso nimmt man ein Radio mit, wenn man tanzen geht, fragt Mutter. Da muß ich ihr recht geben. Er trägt es an die Schulter gepreßt, mit ausgezogener Antenne. Ich darf es nur unter seiner Aufsicht anfassen. Geht er zur Schule, schließt er die Heule im Schrank ein, damit Keule nicht dran kann, wenn Keule vor ihm Schluß hat. Das Radio heißt Heule, der Reim darauf meint mich. Wenn ich etwas vom Bruder will, nenne ich ihn Atze, meist will ich nichts. Unsere Beziehungen sind gespannt wie die Lage im Nahen Osten. Ich kenne mich in der Weltpolitik aus, ich bin verantwortlich für die Politinformation in der Klasse. Natürlich war es peinlich, als ich am Abendbrottisch verkündete, ich sei zum Alligator gewählt worden. Fremdwörter sind Glücksache, meint mein Bruder und fragte, ob die Krokodile bei mir Alligator heißen? Dabei weiß ich sogar, daß der UNO-Generalsekretär aus Birma kommt und U Thant heißt. Ich würde auch gern einen Vornamen haben, nur aus einem Buchstaben bestehend. Mein Bruder meint, aus mir würde mal was ganz Besonderes. Das nennt man Ironie. Ihn interessiert Politik nicht, nur Rock. Inagaddadivida heißt sein Lieblingssong, endloses Getrommel, irgendwie indisch. Er hört nur RIAS, trotz des Vietnamkriegs. Ich höre Die Schlager der Woche mit Lord Knut nur, um zu wissen, wer auf Platz 1 ist. Mein Bruder hört Sendungen, die sich in die inneren Angelegenheiten der DDR einmischen. Sogar am Nachmittag. Ich sitze und mache Schularbeiten. Musik stört mich nicht. Plötzlich vernehme ich einen Satz, der mich aufhorchen läßt: Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus. Ein Hetzsender, denke ich, die westlichen Agitatoren wollen den Menschen in der DDR Angst machen, mein Bruder fällt prompt drauf rein, obwohl er schon Jugendweihe hatte. Mach sofort den Westsender aus, befehle ich. Was willst du? Du sollst den Westsender ausmachen, diese Hetze will ich nicht hören. Bist du bescheuert? Das ist das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Das kann er einem Idioten erzählen, aber nicht mir. Du bist so ein Idiot, sagt er. Das ist eine Sendung über das Manifest, außerdem Radio DDR 2. Du hörst doch nie unsre Sender. Ab und zu schon, sagt er. Mutter kommt, durch mein Geschrei angelockt, ins Kinderzimmer. Was ist denn nun schon wieder, Jungs? Er glaubt nicht, daß das Kommunistische Manifest mit dem Satz anfängt: Ein Gespenst geht um in Europa. Doch, sagt Mutter, da hat dein Bruder recht. Ich habe zwar keine Ahnung, was sonst drin steht, aber daß es damit anfängt, weiß ich. Das will ich schriftlich sehen. Haben wir ein Manifest im Bücherschrank? Nein, so was haben wir nicht. (Steffen Mensching: Jacobs Leiter, S. 295)


Klage eines Ossis

Klage eines Ossis aus Bernhard Schlinks Selbs Mord: "Was wir für Fehler machen", fing er unvermittelt an, "was wir alles nicht wissen! Klar können wir's lernen, aber mit fünfzig lernen, was ihr mit zwanzig lernt, ist schwer, und ein Fehler, der einem mit zwanzig nichts macht, tut mit fünfzig weh. Steuererklärung, Versicherungen, Bankkonten, die Verträge, die ihr über alles und jedes schließt - wir hatten doch davon keine Ahnung. Und erst die Sprache! Ich weiß noch immer nicht, wann ihr's ehrlich meint und wann nicht. Nicht nur wenn ihr lügt, sondern auch wenn ihr euch darstellt oder etwas vermarktet oder verkauft, haben die Worte eine andere Bedeutung."


Gastronomische Erfahrungen

Jeder Bürger einer westlichen Demokratie, der mit den ehemals kommunistischen Regimen zu tun hatte, wird zugeben, daß ihn dort viele Dinge schockiert haben. Vielleicht habe ich unrecht, aber ich vermute, daß ihm Hotels und Restaurants einen ersten Einblick in den Charakter der kommunistischen Gesellschaft boten. Unser Westler erinnert sich bestimmt an die griesgrämigen Kellner, die ihre dürftigen Antworten durch die Zähne zischten und dabei mit der Serviette wedelten, als wollten sie den Gast damit ohrfeigen. An das langwierige Warten auf das bestellte Essen, das er, reichlich erschöpft, so dankbar schluckte wie eine Hostie. (Dubravka Ugresic: Lesen verboten, S. 47)


Außenseiter und Anpassung

Die Feindseligkeit, die konsequenten Außenseitern in der DDR entgegenschlug und zur inneren Kapitulation drängte, wurzelte in demselben Egalitarismus, der in anderen Zusammenhängen Solidarität verbürgte. In einer arbeiterlichen Gesellschaft soll sich niemand über die anderen erheben, aber auch niemand untergehen. Wer nicht nur ungewöhnlich lebte, sondern überdies Rat und Hilfe der anderen verschmähte, selber Auskunft wußte, provozierte die Normalitätserwartungen der Umwelt gleich doppelt. Ihm war nicht beizukommen und auch nicht zu helfen. (Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen, S. 300)


Staat und Individuen

Eine Gesellschaft, die aus einer Unmasse von unorganisierten Individuen zusammengesetzt ist und die sich ein Überstaat bemüht zusammenzuhalten, ist ein wahres soziologisches Monstrum. Denn die kollektive Tätigkeit ist jederzeit zu komplex, als daß sie sich durch das alleinige und einzige Organ des Staates Ausdruck verschaffen könnte. Im übrigen steht der Staat viel zu weit von den Individuen entfernt; er unterhält zu ihnen zu äußerliche und unregelmäßige Beziehungen, als daß es ihm möglich wäre, in das Bewußtsein der Individuen einzudringen und diese von innen her zu sozialisieren. Eine Nation kann sich nur dann erhalten, wenn sich zwischen dem Staat und den Bürgern eine ganze Reihe von sekundären Gruppen schiebt, die den Individuen nahe genug sind, um sie in ihren Wirkungsradius einzufangen und damit im allgemeinen Strom des sozialen Lebens mitzureißen. (Emile Durkheim)


Sonntägliches Bild

Aus dem Mond fiel man also nicht, als im Herbst 1989 die Wende erfolgte; es zeigte sich aber, daß das Bild, das man vom Westen gehabt hatte, zwar kein ganz falsches, aber ein ausschnitthaftes, aufs Sonntägliche reduziertes gewesen war. Die durch die Diktatur veranlaßte seelische Dauerbelastung fiel plötzlich ab, und es entstand eine gefährliche Leere, in die nun Sorgen und Ängste strömten, deren Ursache die schnelle Veränderung in allen Lebensbereichen war. Von einem Tag auf den anderen war die vertraute Umgebung zu einer fremden geworden. Wie bei einem entlassenen Gefangenen wurden Freiheit und Selbstverantwortung zu Bedrohung und Last. (Günter de Bruyn: Jubelschreie, Trauergesänge. Frankfurt/M.: 1994. S. 34)


Kleinbürgerlichkeit

Die materielle Kärglichkeit der DDR wäre zumutbar gewesen, hätte sie die Freiheit der Wahl gelassen, statt ein kleinbürgerliches Lebensideal zum Maß für alle zu erheben, und wäre nicht jedes Ding vom Wohnhaus bis zum Wasserglas dem Diktat des schlechten Geschmacks unterworfen gewesen. Wem die Kleinbürgerlichkeit angemessen war und der schlechte Geschmack zu eigen, konnte sich als wohlhabend empfinden, vorausgesetzt, er hatte seinen Platz in der Diktatur gefunden, ohne sich täglich an ihr zu stoßen. (Maron, Monika: Pawels Briefe, S. 38)


Unterbelichtet

Die Fähigkeit der öffentlichen freien Rede war und ist bei fast allen Menschen, die mehr als nur ihre frühe Jugend in der DDR verbracht haben, auffällig unterentwickelt. Die wenigen Ausnahmen sind in der Regel Pfarrer und Wissenschaftler, die in Predigten oder Seminaren und Vorträgen eine gewisse Übung und Routine erworben haben. Vielleicht waren schon darum kurz nach dem Mauerfall die Pfarrer in der Politik so auffällig überrepräsentiert. (Monika Maron)


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