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Themenstreusel (2)

Reisen

  • ...hat das Verhältnis von Raum und Zeit, so wie man es beim Reisen erfährt, bis auf den heutigen Tag etwas Illusionistisches und Illusionäres, weshalb wir auch, jedesmal wenn wir von auswärts zurückkehren, nie mit Sicherheit wissen, ob wir wirklich fortgewesen sind. (W. G. Sebald: Austerlitz, S. 18)
  • "Mexiko? Jack, du kennst mich. Ich reise nie weiter als rings um die Kaffeetasse bis zum Henkel." (Annie Proulx: Weit Draußen. Geschichten aus Wyoming, S. 284)
  • Selbst meine meist zu Haus bleibende Mutter, keine Reisende, aber eine Leserin, hatte eine Beziehung zum Bahnhof... (John Updike: Die Tränen meines Vaters)
  • Der wahre Reisende ist derjenige, der nicht sicher ist wiederzukehren. (Paul Bowles)
  • Es ist nicht notwendig, daß du aus dem Haus gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden. (Franz Kafka)
  • Auffallend ist die große Zahl von Reisebüchern mit schönen verlockenden Titeln - lauter Bücher über fremde Länder, die von begabten und entschlossenen Autoren im Auftrag von Zeitungen bereist und eilig beschrieben wurden, oft von großer Schmissigkeit und Frecheit, aber alle ohne eigentlichen Wert, geichgültige Gelegenheitsarbeiten gerissener Literatuen, Augenblicksfutter für ein Modepublikum. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte.1927-1961, S. 40)
  • Dennoch vermeinen wir nur allzu oft, einen Vertrag über vier Wochen garantierte Glückseligkeit zu schließen, wenn wir bei Kuoni oder Hotelplan ein Ticket kaufen. In Wirklichkeit müssen wir uns dann schon selbst um unsre Seelen kümmern. (Urs Widmer: Auf, auf, ihr Hirten. Die Kuh haut ab, S. 246)
  • Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen auf irgendein Thema mehr zuläßt. (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 359)
  • In Übereinstimmung mit der Familientradition war ihm Reisen stets nur ein Anschauen und Zuschauen gewesen, wobei der die Anwesenheit irgendwelcher Mitmenschen stolz zu übersehen pflegte. (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 258)
  • So fängt auch ein Mensch zum ersten Mal an, sich mit seiner Gesundheit zu beschäftigen, wenn sein Körper kaputt ist. Lebenskräftige Organismen reden nicht über ihren Stoffwechsel, sondern über das, was sie vorhaben. Es gibt keinen besseren Beweis dafür, daß ein Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte ist, als wenn er frohen Mutes von einer Reise ans anderen Ende der Welt spricht. (Gilbert Keith Chesterton: Ketzer. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit, S. 16f.)
  • ... rumorenden Magen - das sind die Unwägbarkeiten fremder Küchen. (Terezia Mora: Alle Tage, S. 333)
  • Wenn sich der Tourist ein neues Land aneignet, dann am ehesten über den Komfort-Vergleich: Hier braucht das warme Wasser aber lang, die Möhren schmecken hier aber nach nichts, die Bettdecken knistern, die sind elektrostatisch aufladen. Das mit den Verpackungen, das müssen die hier noch lernen. (Roger Willemsen: Deutschlandreise, S. 60)
  • Es gelingt mir nicht, die Dusche zu betätigen. Eine Hauptstrapaze des Reisens ist es, mit den neumodischen Armaturen zurechtzukommen. (Alberto Manguel: Tagebuch eines Lesers, S. 222)
  • Er war froh, als man Rom verließ. Wobei er ohnehin den Verdacht hegte, daß die Schönheit des Reisens darin bestand, einen Ort zu verlassen und in einem neuen noch nicht angekommen zu sein. (Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle, S. 249)
  • "War es sehr voll in der Bahn? Hast du einen Ecksitz bekommen?" (Er reiste selbst so selten, daß er stets in einen Zustand erregter Besorgnis geriet, wenn er von Reisen anderer hörte.) (Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead, S. 52)
  • Je öfter man auf Reisen geht, desto intensiver schämt man sich seiner lächerlichen Probleme. Wer Hungernde und Leprakranke gesehen hat, sollte bescheiden werden. Die Erkenntnis, überflüssig zu sein, ist nicht tragisch - eher befreiend. (Michael Schulte: Bambus, Coca-Cola, Bambus, S. 18)
  • Hat man sich über die wichtigsten Umgangsformen informiert, sollte man die Märchen seines Ziellandes lesen. Wer Märchen zu lesen versteht, kann aus ihnen mehr über die Mentalität eines Volkes erfahren als aus den schlauesten Reiseführern und soziologischen Untersuchungen. (Michael Schulte: Bambus, Coca-Cola, Bambus, S. 118)

Tod/Sterben

  • Wer lange genug gelebt hat, um das Leben wahrhaft kennenzulernen, weiß, wie sehr wir Adam, dem ersten großen Wohltäter unserer Rasse, zu Dank verpflichtet sind. Er brachte den Tod in die Welt. (Knallkopf Wilsons Kalender)
  • "Was habn die denn alle die Köpf in dieselbe Richtung?" erkundigte sich ein junger Mann. Weil's das Gesetz vom Friedhof iss, du Simpl. Das Gesetz für die Lebendign iss, daß der Mensch sich senkrecht hält, und das Gesetz für die Toten iss waagrecht. Ein jeder Gesellschaftsstand braucht halt seine Gesetze. (Thomas Hardy: Blaue Augen)
  • "Nicht, daß ich das schlimm finde, Witwe zu sein... Nein, ich bin sogar froh. Ich war richtig froh, daß er starb. War ein Hurratoter. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit)
  • "Totentrotzkultur" (Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg)
  • Ihm kam der Freund in den Sinn, dessen Trudeln auf das Ende zu von Verlassenheit zeugte, obwohl er von seiner Frau gewissenhaft umsorgt wurde. Wenn nichts blieb als der Leib und keine Rettung den endlichen Menschen in der hohlen Hand barg, führte der Leib ein schreckliches Theater auf und langte mit Gier nach jedem verbliebenen Lebensfetzen. (Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg, S. 88)
  • Sie war die Totenpflegerin ihrer Sippe. Sie ließ ihre Angehörigen nicht einfach verschwinden. Nach dem Begräbnis wurde die Erde zum Körper, mit der Harke scheitelte sie das Haar, und die Sträucher um die Grabplatten stutzte sie, als schnitte sie die Nägel. Die Eheringe waren von den kalten Fingern an die warmen Finger dessen, der zurückblieb, umgezogen.(Erwin Mortier: Marcel, S. 5)
  • Ein anderes Bild: Sein Krankenzimmer, umhängt mit den Grieshaberschen Darstellungen des Todes. Das war nach einer späteren Operation. Er habe sich gedacht, das werde vielleicht nichts mehr. Da habe er sich den Alten hingehängt, mal so zum Drangewöhnen. (Christa Wolf an Franz Fühmann, 27.6.1979)
  • Unsere Gesellschaft versucht im Gegenteil, die Zeit und den Tod aus dem Gesichtsfeld der Lebenden zu schaffen. Unsre Vorbilder sind die Jungen und Gesunden. Die Alten werden kaserniert, die Toten still beiseites geschafft. (Urs Widmer: Das Normale und die Sehnsucht)
  • "Solange der Tod als Hauptkrankheit aus dem Leben nicht ausgeschaltet werden kann, bleibt es eine Illusion, auf ein rüstiges Alter zuzujoggen." (Gerrit Bartels: Runtergeraucht. Hermann Burgers unvollendet gebliebenes omanwerk 'Brenner')
  • Wenn alle zugleich sterben, ist das eine tröstlich ausgleichende Gerechtigkeit. Angst vor dem Tod hat mit der Kränkung zu tun, aus dem Leben zu scheiden, während andere weiterleben und zu sehen kriegen, was einem selbst auf ewig hinter der letzten Biegung verborgen bleibt. (Michail Schischkin: Venushaar)
  • Die einzige Art, eine Beerdigung abzuhalten, ist die, daß man alle Leute einlädt, die den Menschen je gekannt haben, und darauf wartet, daß es der Zufall so will - daß jemand aus heiterem Himmel auftaucht und die Wahrheit sagt. (Philip Roth: Gegenleben)
  • Da sich bekanntlich alle, aber wirklich alle negativen Prophezeiungen im menschlichen Leben schon insofern erfüllen, als jedes Leben tödlich endet... (Alois Brandstetter: Die Burg, S. 14)
  • ... hatte Kringelein sich auch das Sterben so vorgestellt: als eine Festlichkeit ohne Beispiel, als etwas Vollkommenes, bei dem kein ungelöster Rest zurückblieb. (Vicki Baum: Menschen im Hotel)
  • Im theistischen Pennsylvania, dachte David, entwickelten die Leute Philosophen. Wo er jetzt lebte, ließ ein ungehinderter Atheismus die Menschen leiden, mit dem stummen Stoizismus von Tieren. Je intelligenter sie waren, desto weniger hatten sie zu sagen, wenn es ans Sterben ging. (John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 54)
  • Wenn die Leute nur wüßten, wie glücklich die Toten sind, dann würden sie sich nicht mehr so anstrengen, am Leben zu bleiben. (Isaac Bashevis Singer: Verloren in Amerika, S. 234)
  • In den "unerwarteten" Todesfällen steckt für die Überlebenden stets etwas Beleidigendes. Sie schreien auf, entrüstet, als wollten sie fragen: Was ist das für eine Taktlosigkeit?! (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 15)
  • Tipp für den Bestatter: " Eigentlich wäre es doch praktisch, wenn Sie einen kleinen, aufklappbaren Taschenfriedhof mit sich führen würden, den Sie dem mit der Unterschrift zögernden Kunden unter die Nase halten könnten." (Hermann Burger: Schilten)
  • ... daß just auf dem Lande die künstliche Ware dominiert, daß sich hier die Hinterbliebenen gegenseitig überbieten mit geschuppten, gerömerten Schläuchen, Wachsblumen-Arrangements und goldbedruckten violetten Spruchschleifen, während man vermutlich in den Städten, wo oft kaum mehr ein Tannezweig aufzutreiben ist, aus purem Trauersnobismus wieder vermehrt zu Waldkränzen Zuflucht nimmt. (Hermann Burger: Schilten)
  • Der einzige Trost in allem ist heute der, daß für kranke alte Leute das Verlassen der Welt, so wie sie heute ist oder uns erscheint, mehr eine Freude ist als das Gegenteil. (Hermann Hesse - Hans Sturzenegger: Briefwechsel 1905-1943, S. 94)
  • [Krieg] ... er war ja nicht der 1zige damals, der sowohl um sein Leben als auch obendrein um sein Grab beschissen wurde. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 13)
  • Tod = ungeladener, aber unumgänglicher Gast. (Günter Grass: Grimms Wörter)
  • Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, daß es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen. (Friedrich Dürrenmatt)
  • Weil der Tod die größte Beunruhigung des Lebens ist. Weil der Tod so ungerecht. Weil der Tod, wenn man das Leben einmal gekostet hat, einem alles andere als natürlich vorkommt. (Philip Roth: Jedermann, S. 160)
  • Der Versuch zu sterben ist etwas anderes als ein Versuch, Selbstmord zu begehen - es ist vielleicht sogar schwerer, denn man versucht etwas zu tun, von dem man am wenigsten will, daß es eintritt; man fürchtet sich davor, doch es steht nun einmal an, und es muß getan werden, und von niemand anderem als einem selbst. (Philip Roth: Tatsachen. Autobiografie eines Schriftstellers, S. 26)
  • Der Tod ist nicht gut. Der Tod ist nicht angenehm. Der Tod ist immer gegenwärtig. Die Menschen sind zu Beginn ihres Lebens gesund und in bester Form, aber mit der Zeit verfallen sie. Das ist schlecht. Deshalb ist es gut, das metaphysische Loch, das entstanden war durch materialistische Weltsicht, heute mit der Idee zu füllen, dass die Unsterblichkeit des Körpers biologisch machbar ist. (Michel Houellebecq)
  • So um die dreißig herum, wenn wir zufällig nach vorn schauen, sehen wir plötzlich den Tod am Horiziont lugen. Wir haben ihn vorher noch nie gesehen. Er hat eine Sense im Zielfernrohr. Er legt auf uns an. Er drückt nicht ab, noch nicht, aber er treibt uns zu Handlungen, die Lachstürme in ihm auslösen. (Urs Widmer: Die gelben Männer, S. 60)
  • Die Tränen, die an Gräbern geweint werden, verkündet er, während er sich die seinen aus dem Vollbart wischt, gelten gar nicht den Toten, sondern dem eignen Tod, an den man erinnert wird. (Günter de Bruyn: Neue Herrlichkeit, S. 213)
  • Er denkt an Gäste bei einer Trauerfeier, wie sie über die Speisen und Getränke herfallen. Eine Art Triumph liegt darin, eine Herausforderung, die man dem Tod ins Gesicht schleudert. Uns hast du noch nicht! (J.M.Coetzee: Der Meister von Petersburg, 15)
  • ... der Egoismus der Natur: das Tote zu verscharren und über ihm neues Leben zu erschaffen ... (Aleksandar Tisma: Die Schule der Gottlosigkeit, 85)
  • Die Geburt eines Menschen ist etwas Ungeheures, kaum Faßbares, aber vollzieht sich über alle Zeiten und Kontinente im Grunde immer gleich, während das Sterben seit Jahrtausenden bei Milliarden von Menschen jedesmal ein eigenes, einmaliges Drama ist. (Michael Schulte: Bambus, Coca-Cola, Bambus, S. 8)
  • Die Verzweiflung beim Tode eines geliebten Menschen ist die Verzweiflung über sich selbst, über die wissende Ahnung, daß man ihn im Herzen vergessen und ersetzen wird und dadurch auf ewig verlieren. (Irmgard Keun: Nach Mitternacht, S. 133)
  • Sie war alt und verbraucht gewesen, hatte Schmerzen gehabt. Im letzten halben Jahr war sie zu schwach gewesen, um zum Briefkasten zu gehen oder einen Karton Katzenfutter hochzuheben oder ein Klettenbüschel auszureißen. Es war an der Zeit; Sterben ist der letzte Gefallen, den wir der Welt erweisen, die letzte Steuer, die wir zahlen. (John Updike: Der Mann, der ins Sopranfach wechselte, S. 159)
  • Früher einmal hatte ich angenommen, daß Fotos im Augenblick ihrer Entstehung unseren Tod fixieren, weil sie uns daran erinnern, daß es uns als Lebende eines Tages nicht mehr geben wird. (Wilhelm Genazino: Die Kassiererinnen, S. 69)
  • Zuletzt haben wir nicht einmal mehr Appetit, so daß es uns, wie ein Philosoph erklärte, schließlich ganz leichtfällt, von diesem Leben hier Abschied zu nehmen. - Dazu kommen diese und jene Schmerzen, derart weise hat es die Natur mit uns eingerichtet. Sodaß wir zuletzt Ja sagen. Das heißt Nein zu diesem Leben hier. (Arnold Stadler: Sehnsucht, S. 234)
  • "Der Tod", hatte er bei anderer Gelegenheit gesagt, "scheint nur eine schlechte Angewohnheit zu sein, die die Natur zur Zeit noch nicht ablegen kann. (Vladimir Nabokov: Gelächter im Dunkel, S. 124)
  • "Auch wenn sie sich nicht gut vertrugen. Sobald der Tod im Spiel ist, erwacht bei allen die Gefühlsduselei. Angesichts eines Sarges sehen wir nur noch das Gute oder das, was wir sehen wollen." (Hartmut Lange: Tagebuch eines Melancholikers, S. 348)
  • Aber Lichfield blieb konsequent und meinte, daß ein Denkmal nun mal eher denen zu entsprechen habe, die da ihr Andenken pflegen, als jenen, denen dieses Andenken gelte. Wie ja auch ein Grabstein in der Regel die Bedürfnisse der Hinterbliebenen ausdrücke und selten den Geschmack des Toten treffe. (Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle, S. 285)
  • Sie will den Tod nicht akzeptieren. Aber auch das ist normal, denke ich, es gibt nur verschiedene Grade der Distanz dazu. (Uwe Timm: Rot, S. 121)
  • Er selbst, Eckhardt, fühlte die ganze Zeit, daß er jedenfalls nicht trauerte. Schließlich hatte der Vater lange genug gelebt, und über die Tatsache eines Todes im hohen Alter konnte er sich nicht mehr wundern. Und der Vorgang des Sterbens selbst war schließlich der einzige, der bisher noch jedem Menschen gelungen war; allzu schwer konnte der Tod also auch nicht sein. (Wilhelm Genazino: Die Ausschweifung, S. 278)
  • Wahrscheinlich war sowieso jede Bewegung, die Lebende vor den Augen eines Todkranken ausführten, eine Art Delikt. (Wilhelm Genazino: Die Ausschweifung, S. 137)
  • Das eigentliche Entsetzen des erwachenden Bewußtseins ist nicht irgendein "Generationsproblem", der Ur-Schock besteht darin, von diesen infekten, verwurmten, alternden, sterbenden, elterlichen Körpern herzukommen. Deswegen ist die Beerdigung der Eltern auch das schlimmste wie das befreiendste Ereignis im Leben eines Erwachsenen. (Walter Vogt: Altern, S. 259)
  • ... das Erschrecken über einen Jahrgangstoten. (Monika Maron: Endmoränen, S. 6)
  • Ich weiß nicht, wie viele Bilder von Halbtoten, Siechen, an Aids oder Krebs Sterbenden ich in meinem Leben schon gesehen habe; Hunderte, Tausende, die alle zu der einen prophetischen Metapher von unserer, meiner, gesichtslosen Sterblichkeit verschmolzen sind. (Monika Maron: Endmoränen, S. 14)
  • Über den Weltuntergang oder den Tod nachzudenken lohnt doch erst, wenn sie da steht und sagen, hey, ich bin der Tod, und das ist mein Kumpel Weltuntergang, nun denk mal nach, wie du dich verhalten möchtest. (Sibylle Berg: Amerika, S. 157)
  • Das Leben war ein Witz; der Tod der Schlußgag. (John Irving: Die vierte Hand, S. 395)
  • Die übertriebene Aufmerksamkeit für den Tod war beim Fernsehen so alltäglich geworden wie die Berichterstattung über schlechtes Wetter; Tod und schlechtes Wetter waren das, was das Fernsehen am besten konnte. (John Irving: Die vierte Hand, S. 243)
  • Absurd der Tod; und wie für ihn erst, der etwa in der Zeit starb, als sterben in den Todesanzeigen durch gehen ersetzt wurde. (Arnold Stadler: Sehnsucht. Versuch über das erste Mal, S. 77)
  • "Wie lange wird es dauern?" "Lady Cordelia, es gibt Männer, die gesund und vergnügt uralt werden, nachdem ihre Ärzte ihnen nur noch eine Woche zum Leben gegeben haben. Eines habe ich in der Medizin gelernt, man soll nie prophezeien." (Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead, S. 290)
  • Der brasilianische Schriftsteller Joaquim Maria Machado de Assis widmete seinen Roman Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas "Dem Wurm, der zuerst an meinem kalten Leichnam nagt."
  • Der Glaube an Gott läßt den Tod als höchsten Bescheid und letzte Weisheit erscheinen, angesichts deren die Menschen nur Ratlosigkeit empfinden können. Dabei ist auch der Tod in Wirklichkeit nichts anderes als eine Art grausamen Spiels. "Es ist das Entsetzlichste, was ich je gehört habe." Nagib Machfus: Palast der Sehnsucht)
  • Der Todkranke stirbt, wie es sich gehört: gesalbt mit heiliggesprochenem Öl, mit Weizenähren in den Händen und bleiernen Küssen auf der Stirn. (Josef Winkler: Menschenkind, S. 112)
  • Der Tod ist unhöflich. Er hält sich nicht an die Reihenfolge. (Arnold Stadler)
  • Beerdigungen sind der beständige Kitt der Familie. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 49)
  • "Du glaubst nicht", sagte der Kranke, zu Alfred gewendet, "daß es noch eine Rettung für mich gibt? Du hast mich in der Heimat sterben lassen wollen? - Das ist eine falsche Humanität! Wenn man am Sterben ist, gibt's keine Heimat mehr. Das Leben-Können, das ist die Heimat." (Arthur Schnitzler: Sterben. Erzählungen 1880-1892, S. 200)
  • Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod...; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. (Monika Maron: Die Überläuferin, S. 68)
  • Die Trauerfeier war ein voller Erfolg - das klingt ein wenig flapsig, aber eine Beerdigung ist wie ein Theaterstück, sie kann ein Flop oder ein Hit sein, und offen gesagt ist es von Vorteil, wenn ein Geistlicher Regie führt. (David Lodge: Wie bitte? S. 345)
  • Er will, daß wir uns keine Sorgen machen müssen, was nach dem Tod mit uns passiert. Ich mach mir Sorgen, was vor dem Tod mit mir passiert." (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 82)
  • 'Das Vergessen ist der beste Gehilfe des Henkers.' 'Man lebt nicht einmal einmal.' 'Das Leben besteht aus vielen Tagen. Dieser wird enden.' Im Konversationslexikon der Madame de Genlis, in einer Ausgabe aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, behandelt das einundfünfzigste und letzte Kapitel Gesprächsschablonen, die der Reisende auf dem Totenbett mit seinem Arzt wechseln soll. (Arno Geiger: Es geht uns gut, S. 371)
  • ... haben die Nelken und Rosen angeschaut, um nicht die Rollstühle und die Tragen, die zerstörten Gestalten zu sehen, die unglaubliche Fähigkeit des Körpers, zusammenzufallen, ehe er ganz aufgibt. (Veronique Olmi: ie Promenade, S. 215)
  • 31. März 1984. Heute früh der Anruf aus Innsbruck: Karl Rahner ist tot. Gestorben um Mitternacht. Eingeschlafen. Meine erste Reaktion: Tränen. Dann aber eine Art von Freude. Den ganzen Tag über in Fest- Stimmung. Vor zehn Jahren sagte er: Ich möchte sterben. Ich, erschrocken damals: Aber red doch nicht so lebensmüde! Er: Daß du nicht verstehst: Ich will endlich WISSEN. Jetzt WEISS er. (Luise Rinser: Im Dunkeln singen. Tagebuch 1982-1985)
  • Verglichen mit den jetzt geläufigen Umschreibungen und Sprachregelungen sprechen ja die alten Grabsteine eine starke und deutliche Sprache! (Alois Brandstetter: Altenehrung, S. 119)
  • Ich begann mich darüber zu wundern, daß Lebensgefahr und Todesgefahr dasselbe war. (Walter Vogt: Altern, S. 50)
  • Meine Beziehung zum Tod hat sich über die Jahre nicht verändert. Ich bin total dagegen. (Woody Allen)
  • "Es gibt ernstere Dinge als den Tod, traurigere gewiß, weil eben diesen andern Dingen das Endgültige fehlt, das im höhern Sinn das Traurige des Todes wieder aufhebt. Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster, die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme reden, die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus. (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
  • "Ich komme nicht zum Bahnhof", hatte Honora im gleichen Ton gesagt, wie wenn die Beerdigung eines Angehörigen bevorstand. (...) Sie war in einem Alter, in dem sie Züge nur noch als Maschinen für Trennung und Tod betrachtete. (John Cheever: Die Geschichte der Wapshots, S. 115)
  • Auf dem Weg zum Friedhof (...) kommen mir groteske Situationen in den Sinn: Alle fangen plötzlich an zu stolpern, der Pfarrer verspricht sich ständig, die Liturgie endet in schallendem Gelächter. Ich muß mich zwingen, nicht zu grinsen. Während tiefernster Momente scheint die Seele dafür zu sorgen, nicht in Würde zu ertrinken. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 125)
  • Ihn hat, wie es von denen heißt, die im Herbst sterben, das Laub mitgenommen. (Karl-Heinz Ott: Ins Offene, S. 20)
  • "Wann ist er gestorben?", fragte Patrick. "Letztes Jahr, an Krebs", erwiderte Ballantine. "Wenn jemand, der so reich ist, wie mein Vater, an Krebsn stirbt, weiß man, daß es noch kein Mittel dagegen gibt." (Edward St. Aubyn: Nette Aussichten, S. 154)
  • "In der kurzen Zeit, die ich praktiziert habe", sagte David bescheiden, "habe ich festgestellt, daß die Menschen sich ihr ganzes Leben lang vorstellen, sie müßten bald sterben. Ihr einziger Trost ist, daß sie eines Tages Recht bekommen." (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 169)
  • Der Vater macht nun schon seit neununddreißig Jahren Gebrauch von der Ewigkeit. Wenn wir ihn hätten rächen sollen, hätte er uns Bescheid gesagt. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 102)
  • Wie schnell sich die Welt nach dem Tod eines Menschen schließt. Wie eine Schnittwunde im Finger eines sehr gesunden Kindes. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 283)
  • Das konnte mir noch nie einer erklären, wie man leben kann mit dem Wissen, daß man bald Insektenfutter wird. Dieses Geliege unter der Erde, das konnte mir keiner erklären. (Sibylle Berg: Der Mann schläft, S. 93)
  • "Ich ziehe es dennoch vor, begraben zu werden", sagte Ginus' Frau. "Einäschern ist schöner", entgegnete mein Vater. "Wieso?", wollte sie wissen. "Dann hat man noch einen warmen Tag vor sich." (Maarten 'tHart: Der Flieger, S. 74)

Freitod

  • Wenn ich auch zuweylen schwermüthig werde, und, mit dem Strumpfband in der Hand, mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird. (Christoph Martin Wieland)
  • Daß also der Selbstmord als Abschluß einer Krankheitskarriere gar ein opus magnum sei? (Gerrit Bartels: Runtergeraucht. Hermann Burgers unvollendet gebliebenes Romanwerk 'Brenner')
  • Selbstmord ist die schlimmste Form des Sichgehenslassens. Das einzige, was man tun kann, ist, sich der Marotte des Märtyrers zu fügen und ihm die Sache ein wenig heiterer zu gestalten, indem man ihm die Gewißheit vergönnt, daß er durch seinen Tod eine gute, nützliche Tat vollbringt - vielleicht von grob materieller Natur, aber doch nützlich." (Vladimir Nabokov: Verzweiflung)
  • Manchmal ist es wirklich besser, daß er Mensch um seinen Tod weiß, denn diesen Mist ohne Ende vor sich zu haben, wäre ein Grund zum Selbstmord. (Sibylle Berg: Amerika)
  • Eigentlich kann man das, was einem hier auf der Welt zugemutet wird, doch nur aushalten, wenn man weiß, daß man in jedem Augenblick Schluß machen kann, wie? Das Leben ist eine miserable Sorte von Dasein. (Vicki Baum: Menschen im Hotel)
  • Wenn alle irdischen Güter, für die wir leben, wenn alle Freuden, die uns das Leben gewährt, Reichtum, Ruhm, Ehren, Macht, uns durch den Tod geraubt werden, haben diese Güter keinerlei Sinn. Wenn das Leben nicht unendlich ist, dann ist es ganz einfach absurd, ist es nicht wert, gelebt zu werden, und man muß sich seiner so schnell wie möglich durch Selbstmord entledigen. (Lew Tolstoj)
  • Die Unlust weiterzuleben reicht zum Sterbenwollen nicht aus. (Heinz Strunk: Fleckenteufel, S. 212)
  • ... daß in der Morgenzeitung drei Selbstmorde gemeldet worden sind - alle von ehemaligen kleinen Rentnern; alle auf die Lieblingsart der Armen begangen: mit dem offenen Gashahn. (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 81)
  • Dann löste sich ja eine Stadtbekanntheit seinetwegen in Nichts auf, indem sie den Gashahn wie unabsichtlich, wie aus Zerstreutheit öffnete, wonach sie umfiel und den Tod fand. (Robert Walser: Die Räuber, S. 37)
  • Schon ein bißchen makaber, das Thema Sterbehilfe auf dem Portal Kurkliniken.deangezeigt zu bekommen. Andererseits geht doch nichts über eine erfrischende Offenheit.

Familienbande

  • Es ging uns so gut, daß Papa in jedem Jahr Familienfotos knipsen ließ und diese, wie Kunstwerke gerahmt, an die Wendeltreppe zum ersten Stock nageln ieß. Wir waren, glaube ich, tatsächlich eine Art symbolbefrachtetes Kunstwerk für ihn, und wenn eines von uns Kindern sich nicht kunstgerecht gebärden wollte, tadelte er es mehr aus ästhetischen denn aus pädagogischen Motiven. (Helmut Krausser: Eros, S. 17)
  • Meine Mum gehörte zu den Müttern, bei denen man sich freut, daß sie so nahe wohnen. Vor allem deshalb, weil sie dann nie über Nacht bleiben. Ich liebe sie innig, aber nur fein dosiert. Eine Tasse Tee hier, ein Abendessen dort - und natürlich so viele Babysitten, wie ich aus ihr herausquetschen konnte. (Jasper Fforde: Irgendwo ganz anders, S. 24)
  • Wo andere sich vor lauter Großeltern nicht retten können, da riß in meinem Falle der genealogische Faden schon nach der Elterngeneration. (Hans-Ulrich Treichel: Anatolin)
  • "Die meisten Leute warten mit einer Mischung aus überwältigender Traurigkeit und Plänen für einen neuen Swimmingpool darauf, daß ihre Eltern sterben". (Edward St. Aubyn: Muttermilch, S. 41)
  • Mein Vater in seiner Eigenschaft als Erzieher und Spielverderber. (A.F.Th. van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit)
  • Wir glauben, der Zweck eines Kindes sei es, groß zu werden, denn schließlich wird es ja groß. Dabei ist der Zweck eines Kindes zu spielen, sich zu freuen, ein Kind zu sein. Wenn wir uns nur auf das Ende des Prozesses konzentrieren, dann ist der Zweck des Lebens der Tod. (Alexander Herzen)
  • Als wir Kinder waren, bekam er gelegentlich einen väterlichen Anfall, weil meine Mutter beim Arzt im Wartezimmer Zeitschriften las, in denen stand, daß Väter gelegentlich etwas mit ihren Kindern unternehmen sollten. (Birgit Vanderbeke: Das läßt sich ändern,S. 8)
  • Meine Eltern? Sie waren eben Eltern. (Philip Roth: Das sterbende Tier, S. 75)
  • Offenbar war keineswegs allgemein bekannt, daß Kinder am liebsten in Ruhe gelassen wurden. (Ian McEwan: Abbitte)
  • Ein Kind - das ist, als hättest du dein Herz nach draußen verlegt. Du bist hier, und dein Herz schlägt dort. (Michail Schischkin: Venushaar)
  • ... ist mir wieder einmal aufgegangen, wie leicht man Kinder unterschätzt. (Alois Brandstetter: Die Burg)
  • Ich bin natürlich ein ganz inkonsequenter Vater. Wer wie ich seine Kinder liebt, ist dies notwendigerweise. (Alois Brandstetter: Die Burg)
  • Sie sei ein "Qualitäts"-Kind gewesen, hatten er und Maureen gescherzt, selten krank, nie verletzt, das perfekte Kind zum Üben. Sie hatten die Absicht gehabt, mehr Kinder in die Welt zu setzen, aber der Konsens der Fünfziger ging rings um sie in die Brüche, als mühelose Verhütung und ein neuer Hedonismus Einzug hielten.(John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 326)
  • Emily und Victoria, seine Nachkommen, seine Billets zu genetischem Fortbestehen... (John Updike: Die Tränen meines Vaters)
  • Überdies hätte er Alice schon ganz gerne durch den Zoo geführt; es war ein Ort, wo selbst dem linkischsten Elternteil nichts danebengehen konnte. (Julian Barnes: Als sie mich noch nicht kannte, S. 157)
  • "Meine alte Ma ist eine Despotin - der reinste Mühlstein in meinem Dasein!" (Muriel Spark: Die Junggesellen, S. 127)
  • Er hieß Cäsar, nach dem früh verstorbenen Bruder seiner Mutter. Es schien, daß dieser Name den Knaben beschwerte, ihm Aufgaben stellte, für die er nicht geboren war. Er mußte entweder ein Genie sein oder ein Hund. Wer war imstande, mit solch einem Namen seinen Eltern Freude zu bereiten? (Joseph Roth: Zipper und sein Vater, S. 436)
  • Schade, daß man seine Eltern erst kennt, wenn sie zu altern beginnen, und so nie erfährt, was sie zu Menschen gemacht hat. (Julien Green: Der andere Schlaf, S. 43)
  • Allem Familiärem eignet Dämonie und nirgends schlottern die Lemuren offenkundiger als im liebtrauten Heime. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
  • Ein an Widerwillen grenzendes Gefühl der Abneigung gegen kompliziertere Lebensverhältnisse, wie sie eben durch Ehe und Kinderaufzucht mit dem ganzen Drum und Dran eines familiären Haushaltes und mit all seinen Vesorgungen und Angelegenheiten entstehen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
  • Wenn sich, wie eine Unesco-Untersuchung belegt, in den entwickelten Ländern der Durchschnittsvater täglich nur acht Minuten Zeit für seine Kinder nimmt, dann kann man nur mit schlechtem Gewissen von einer hochentwickelten Gesellschaft sprechen. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit)
  • Sind sie sich eigentlich bewußt, die, die wirklich Kinder haben, daß da dieses banale Wunder von der Erneuerung der Welt geschieht? (Pierre Péju: Die kleine Kartäuserin, S. 163)
  • ...im-Fernsehn Pollietiker faseln hört vom an-Reiz zur Kindermacherei durch Rammelprämje: 150-Euro=Wunsch Kind - stelldirmalvor, !was das fürne Baggasche sein muß, die wegen 150 Euro tat=sächlich Kinder ..... macht : Gewiß !nicht der-Menschheit bester Teil. Früher Kanonenfutter, heute Kassenfutter. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
  • Dieses Album nurmehr ansehen wie 1 aus Kinderzeiten übriggebliebenes Kleidungsstück, mit dessen Aufbewahren ältere Verwandte die in-die-Jahre geschossenen Kinder verbissen an deren einstiges Kindsein unentrinnbar fesseln wollen. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 17)
  • ... habe mich flüchtig gefragt, wann eigentlich das Zentrum der Schonung sich von den Kindern auf die Eltern verlagert. (Christa Wolf: Störfall, S. 105)
  • Albert wunderte sich über die Feigheit seines Vaters, die derart subtil war, daß das poröse Gemüt des Jungen sie unbemerkt aufsaugen und als Baustoff für sein eigenes Leben einlagern konnte. (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 152)
  • Eltern sind den Kindern näher als Kinder den Eltern. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz, S. 609)
  • Kinderaufzucht verlangt strenge, Erwachsenennaturen normalerweise zuwiderlaufende Ordnung. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz)
  • Er sprach über das merkwürdige Verhältnis von Distanz und Nähe zwischen Eltern und Kindern. Daß Erwachsenwerden von den Eltern, aus deren Obhut, aus deren Fürsorge, aus deren Wohnung, aus deren finanzieler Unterstützung. Sich immer weiter entfernen, das ist Erwachsensein. (Anonymus: Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem, S. 116)
  • Seine Familie erinnerte ihn an etwas, das er selber war, ohne es sein zu wollen. (John von Düffel: Houwelandt, S. 253)
  • Thomas hielt sich selbst für keinen sonderlich guten Vater. Wenn Kinder - wie Beate ihm ständig vorgehalten hatte - vor allem Ordnung und Verläßlichkeit brauchten, dann war er der falsche Mann, obwohl er nicht einsah, wie eine von Stabilität geprägte Erziehung die Kinder aufs wirkliche Leben vorbereiten sollte, das nach seinen einschlägigen Erfahrungen höchst instabil war. (John von Düffel: Houwelandt, S. 107)
  • Immer, wenn Beate ihren Erziehungskoller bekam und andere Saiten aufziehen wollte, hatte er den Jungen bei der Hand genommen und war mit ihm durch den Park gelaufen. (John von Düffel: Houwelandt, S. 13)
  • Er sieht auch ein, daß zutrifft, womit ein Arbeitskollege ihn unlängst trösten wollte, nämlich daß es nicht ganz einfach ist, ein siebzehnjähriges Mädchen für sich zu gewinnen, wenn man das Unglück hat, ihr Vater zu sein. (Arno Geiger: Es geht uns gut, S. 290)
  • Daß Kinder um sieben ins Bett gehören, ist eine Erfindung des Biedermeier. (Arno Geiger: Es geht uns gut, S. 223)
  • Konzentration, Koordination, Kooperation, die drei Geheimnisse der Hausfrau und Mutter. (Walter Vogt: Altern, S. 50)
  • "Kinder haben ist ein Glück", sagte er, "für das man in Raten bezahlt.. und man weiß bei keiner, ob der da droben schon zufrieden gestellt ist." (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
  • ... daß es um die Welt vielleicht besser stünde, wenn die Eltern öfter von den Erfahrungen ihrer Kinder lernten, statt zu verlangen, daß diese sich ihrer Altersweisheit anbequemten. (Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie)
  • Von seiner Erziehung sollte ein Kind später sagen können: Wenn ich das überlebt habe, kann ich alles überstehen. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 169)
  • Meine Mutter ist übrigens eine ziemlich blöde Kuh, Herr Dr. Buddenberg, das habe ich erst spät bemerkt. Sie gehört zu den Millionen Frauen, die zum Leben nicht viel mehr beitragen als die unablässige stumme Aufforderung, daß für sie gesorgt werden muß. (Wilhelm Genazino: Falsche Jahre)
  • Wer in die Geheimnisse, die sich zwischen Eltern und Kindern ereignen, hineinsieht, der muß sich entsetzen, schwindeln und zurückfallen; denn es sind Geheimnisse schwärzester Bosheit, welche die Kinder begehen und so im Finstern, in die Pest hineinschleichen. (Johann Friedrich Mayer)
  • Meine Eltern sind gestorben. Jetzt muß ich keine Angst mehr haben, daß meine Eltern sterben. (Michael Schulte: Zitroneneis, S. 215)
  • Wenn wir es den Eltern schwer machen, wird etwas aus uns, sagte er. Gerade diese sogenannten schwierigen Kinder werden etwas. Und gerade sie lieben ihre Eltern über alles, mehr als alle anderen. Aber das verstehen die Eltern nicht. (Thomas Bernhard: Ein Kind, S. 54)
  • Im Grunde genommen, welch ein Segen, zu sterben und seine Kinder nicht länger mit der Vatergestalt zu quälen. (John Updike: Ehepaar, S. 270)
  • "Haben Sie keine Kinder, Mrs. Green?" "Nein, leider nicht." "Dann ist das Leben in dieser Hinsicht an Ihnen vorbeigegangen." (Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung, S. 67)
  • Er sah ihre Gesichter, faltige Mienen der Zärtlichkeit und Sorge. Es war das Altern; ihr Wesen blieb, während die Körper dahinwelkten. Er fühlte das Drängen schwindender Zeit, unerledigter Dinge. Es gab Gespräche, die er noch nicht mit ihnen geführt hatte, von denen er immer glaubte, es sei noch Zeit dafür. (Ian McEwan: Ein Kind unserer Zeit, S. 70)
  • Für die reichen Leute wären die Kinder, von denen sie nie mehr als eins oder zwei hätten, ein hübsches Spielzeug, für die Armen aber, die wie Sand am Meere davon hätten, wären sie wie ein Schwarm Mücken, die den Eltern das Blut austränken. (Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse, S. 53)
  • Je länger ich lebe, desto mehr fühle ich mich zu der Annahme berechtigt, daß aus der Erziehung stammende Vorurteile niemals ganz beseitigt werden können, mögen sie auch als noch so irrsinnig und absurd erfunden werden. (Tobias G. Smollet: Humphry Clinkers denkwürdige Reise, S. 397)
  • Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß. Es ist unmöglich, sie verlangen immer das Unmögliche. (Friedrich Christian Delius: Adenauerplatz, S. 83)
  • Später, als ich heranwuchs, bekam ich, was die Erwachsenen einen 'praktischen Sinn fürs Leben' nannten, was aber im Grunde der Automatismus der Nutzlosigkeit ist, und ich verlor die Gabe der liebevollen, angstvollen Aufmerksamkeit von Kindern. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 48)
  • "Oh, du siehst prima aus", sagte meine Mutter. Sie wollte mein Selbstvertrauen stärken, aber für die Mutter gut auszusehen hieß, daß ganz bestimmt etwas faul war. (David Sedaris: Nachtprogramm, S. 85)
  • Er war seiner Natur nach Junggeselle und hatte zu Unrecht einen Sohn. Auch ich bin der Natur nach Junggeselle und würde ebensowenig ein Kind lieben, wie mein Vater mich geliebt hat. (Franz Werfel: Der Abituriententag, S. 65)

DDR

  • Wenn zwei DDR-Schriftsteller zusammenstehn, denke ich unbehaglich, reden sie zuerst über Westreisen. (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000, S. 321)
  • "Wissense, was Wirdschaft is'?" Helmut Hoppe kippte einen Schnaps. "Ich will een Staubsauger - und kann mir aus fümf'n een aussuchen, ooch wenn er aussieht wie meine Frau. Und wissense, was Blanwirdschafd is? WennÄs nischema Staub gibt." (Uwe Tellkamp: Der Turm)
  • Die westliche Ideologie des Kapitalismus, die jeden anderen Ismus ersatzlos gestrichen sehen will, spricht sich wie hinter vorgehaltener Pistole aus: entweder Martkwirtschaft oder... Wer hebt da nicht die Hände und ergibt sich den Segnungen des Stärkeren, dessen Unanständigkeit so sichtbar durch Erfolg relativiert wird. Doch auf Mark und Pfennig berechnet, wird die deutsche Frage nicht zu beantworten sein. (Günter Grass: Grimms Wörter, S. 181)
  • Im besseren Deutschland ist eine Wand umgefallen und ab jetzt gibt es nur noch das schlechtere Deutschland. Der Wand mußte das früher oder später passieren. (Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert, S. 174)
  • Ich haßte nicht die Mauer, ich haßte nicht die DDR. Ich haßte nicht den Kalten Krieg, nicht die Nazis, die letzten Endes die Schuld der deutschen Teilung trugen. Ich haßte nicht die Deutschen, die zu doof waren, ein ganz normales 01815-Volk zu sein. Ich haßte gar nichts. Ich war nur tot, eine Zeitlang jedenfalls. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 61)
  • Öffentlichkeit (...) begann für die Stasi knapp unterhalb einer Skatrunde - bei zwei Personen. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 29)
  • ... klappte die DDR wie ein falsch montiertes Chemieklo aus Versehen zusammen und kam zu den Akten. (Rayk Wieland: Ich schlage vor, daß wir uns küssen, S. 12)
  • Die Besonderheit der DDR-Gesellschaft bestand darin, daß es trotz aller bedrohlichen Zeichen immer irgendwie weiter ging, und sei es auch um den Preis von wirtschaftlichem Ausverkauf und internationaler Verschuldung. Der Kollaps wurde kaschiert, bis er eintrat. (Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen, S. 298)
  • Es gibt zu denken, daß gerade diejenigen, die ihr Leben den Stasiakten und der Spitzeljagd geweiht haben, sich zunehmend dem Gegenstand ihrer Forschung anzuverwandeln scheinen. (Monika Maron: quer über die gleise. Essays, Artikel, Zwischenrufe, S. 39)
  • ... der Gegner, dem Johanna seinen Widerstand zugeordnet hatte, war über Nacht in die Äonen der Geschichte eingegangen; der Staat, als dessen Feind sie sich beide verstanden hatten, als lächerliche Mißgestalt von der Weltbühne gejagt worden. (Monika Maron: Ach Glück, S. 95)
  • Die DDR war so sagenhaft verfehlt. Sie verkaufte Bürger in den Westen und stellte sich dennoch als Paradies dar. Wo gab es dergleichen schwerwiegenden Staats-Kuddelmuddel noch? (Hans Pleschinski: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland, S. 97)

Wetter/Klima

  • Am Spätnachmittag eines wiederum stürmischen Tages traf Rivers in Craiglockhart ein. Dieser Herbst schien einen größeren Vorrat an solchen Tagen zu haben, die er gnadenlos austeilte, einen nach dem anderen, wie eine Wahrsagerin mit einem tödlichen Kartenspiel. (Pat Barker: Niemandsland)
  • ... fiel Albert erst richtig auf, was für ein herrlicher Oktobertag es war, so einer, bei dem seine Mutter immer ausrief: "Das ist meine Jahreszeit!" (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der armherzigkeit, S. 265)
  • "Der Gang durch die Vorstadt war wieder qualvoll. Wie einlich ist der Winter, der die Menschen in ihre äuser treibt." (Eduard Graf von Keyserling: Seine iebeserfahrung)
  • Jeder Wechsel der Jahreszeit kam für ihn überraschend, er konnte zwar Schnee von Sonnenschein unterscheiden, aber ansonsten hatte er keine Nase fürs Wetter. (Annie Proulx: Weit Draußen. Geschichten aus Wyoming, S. 95)
  • "das weiße Gefängnis des Winters" (John Fante: Warte bis zum Frühling, Bandini; S. 21)
  • Der eisige Wind hobelte über sein Gesicht. (Heinrich Steinfest: Tortengräber, S. 57)
  • Die Tage wurden immer eifriger kürzer. (Jean Echenoz: Ich gehe jetzt, S. 271)
  • ... wo der Frühling seine Blütenfallschirme präsentierte. (Pacal Mortier: Macel)
  • Das Wetter? Psychologen wissen es, seriöse Meinungsforscher auch: Umfragen bei Sonnenschein ergeben mehr positive Gesamturteile über die eigene Zufriedenheit als solche bei Regen. (Wolf Schneider: Glück. Eine etwas andere Gebrauchsanweisung)
  • An dem Tag, als er zur Vertragsunterzeichnung bestellt war, setzte heftiger Frost ein, alles war erstarrt und vereist: die Straße, der Fahrdamm, die Straßenbahn. Den Menschen wuchs Grau an die Schläfen, Bärte wurden versilbert, jeder trug seinen Atem wie Zuckerwatte am Stiel vor sich her. (Michail Schischkin: Venushaar)
  • Es war die Zeit, in der die Hitze einem wie eine Ohrfeige ins Gesicht schlägt. (Lars Gustafsson: Der Dekan)
  • In mir die verschleppte Müdigkeit des grauen, nassen Dezembers. (F.C. Delius: Mein Jahr als Mörder, S. 8)
  • Die Wintersonne durchfingerte den Raum. (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder)
  • Die anachronistische Sonne dieses Dezembertags... (Franz Werfel: Cella oder Die Überwinder, S. 32)
  • Der Himmel strahlte blau, die Sonne glühte. Kein Vogel riskierte einen Flug, er wäre geröstet vom Himmel gestürzt. (Urs Widmer: Herr Adamson)
  • Der Frühling nahte, der Wiener Frühling, dem keines der weinerlichen Chansons jemals etwas anhaben konnte. (Joseph Roth: Die Kapuzinergruft, S. 144)
  • Die ersten Tage des Sommers waren nicht mehr fern; gegen Abend packten mich Anfälle von Schwermut, wenn ich den Himmel hinter den Knospen der Bäume sich röten sah; ich empfand die Süße der Luft und jenes Zarte, Sehnsüchtige, das der Frühling mit sich bringt. (Julien Green: Der andere Schlaf, S. 78)
  • Eigentlich ist immer Winter, nur mit Sommerpausen. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
  • Vielleicht lag dieser Frühjahrstag schon in vorauseilender Sommerahnung windstill. (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 140)
  • Es war warm, der April schien Kredit beim Mai aufgenommen zu haben. (Reinhard Jirgl: Die Stille)
  • Frühling = Frostableiter (Jean Paul)
  • Die Sonne schien ein wenig zwischen den Wolken durch - hier im Norden nennt man das schon schönes Wetter. (Hermann Hesse: Sämtliche Werke, Bd. 14: Betrachtungen und Berichte. 1927-1961, S. 14)
  • ... einmal schielte sogar die Sonne durch die Wolkendecke, um daran zu erinnern, daß fortgeschrittener Mai war. (Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten)
  • Spätherbst mit einer kalten und frechen Sonne... (Arthur Schnitzler: Sterben. Erzählungen 1880-1892, S. 58)
  • Der Frühling (...) blüht einem zudringlich ins Gesicht... (Arthur Schnitzler: Sterben. Erzählungen 1880-1892, S. 59)
  • Der Wind, der ihm entgegenprallte, wollte ihm mehr zum Einatmen geben, als er ausatmen konnte. (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 89)
  • Natürlich Tiefdruckwetter. Diese abenteuerhindernde Gräue. Schon normalerweise fiel es Valeska vor Wintersonnenwend schwer, hoffnungsverbrauchende Tätigkeiten zu beginnen. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz, S. 675)
  • Die Sonne war der Gewalttätigkeit bereits abgeneigt, dem Horizont zu. (Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura, S. 21)
  • Für dieses weite Herz war der Frühling kaum zu ertragen. Er trieb nicht nur die Schöpfung zum Äußersten, nein, er blies auch mit würzigen Winden in unschuldige Nasenlöcher. (Knut Hamsun: Schwärmer; Vagabundentage, S. 19)
  • Peter sagt: Ich verspreche euch vierzehn Tage schönes Wetter. Ich habe meinem Namenspatron einen Schnaps bezahlt, da wird er uns nicht im Stich lassen. (Arno Geiger: Es geht uns gut, S. 19)
  • Leichter Dunst in der Ferne. Die Nähe übermäßig klar. Noch liegt erst ein zögerndes Gelb über den Laubbäumen, die nach einem nassen Sommer aquariumblau geworden sind. Erstes Rot im Kirschenlaub. Schilfblätter verdorren - sieht allerdings in der Bucht, merkwürdig umschrieben, wie eine chemische Einwirkung aus. Wäre nicht das erstemal, daß Herbezid verwendet wird. Kleine Vögel wispern im Gezweig. Die Landschaft rüstet sich zum Herbst. (Walter Vogt: Altern, S. 70)
  • ... eine Flut, vor der ein Noah erschrocken wäre... (Annie Proulx: Das grüne Akkordeon, S. 95)
  • Herbst hat etwas Memoirenhaftes. (Walter Vogt: Altern, S. 75)
  • Wenn jetzt Regen fällt, wird der Sommer abgetötet, wie beim Zahnarzt durch Vereisung ein Nerv. (Walter Vogt: Altern, S. 74)
  • Draußen sammelte sich eine letzte Brüllhitze, als würde der scheidende Sommer mit hochrotem Kopf noch einmal das Maul aufreißen und einen (…) heißt und verächtlich anhauchen. (Terezia Mora: Alle Tage, S. 11)
  • In unserem Lande ist es sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter, sogar die Sonne muss bei uns eine Jacke aus Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkälten will; bei diesem gelben Flanellsonnenschein können unsere Früchte nimmermehr gedeihen, sie sehen verdrießlich und grün aus und, unter uns gesagt, das einzige reife Obst das wir haben, sind gebratene Äpfel. (Heinrich Heine)
  • Die Nässe des Sommers, die jegliche Art von Korrosion begünstigt und den Garten in eintönigem Grün erstickt hatte, trocknete langsam aus. Die Blätter wurden farbiger, die Stengel filigraner. Fäden des Altweibersommers strichen um die Stirn. Stechmücken starben in der Nachtkälte oder flüchteten sich ins Haus, wo sie ohnmächtig an den Wänden dösten. Auch Heuschrecken kamen herein, und Grillen zirpten nachts in den Zimmern. (Gerhard Amanshauser: Schloß mit späten Gästen, S.89)
  • Die Sonne flutet in die Wohnung und zeigt mir mein verflustes Leben. Im Sommer fühle ich eine zusätzliche Schuld. Um zehn Uhr abends ist es immer noch hell und morgens um fünf schon wieder. Die Tage dehnen sich unverschämt und machen mir klar, wie sehr ich sie verstreichen lasse. (Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag, S. 45)
  • Der Morgen kündigte einen jener heißen Septembertage an, die einen glauben lassen, der Sommer wolle ein letztes Mal mit allen seinen Flammen auflodern. (Julien Green: Dixie, S. 354)
  • “Der Mond benimmt sich heute empörend auffällig”, stellte er mit einem melancholischen Blick auf den fahlen Nachthimmel fest. Äcker und Sträucher lagen weißbestaubt von Licht. Es war eine Lichtstimmung wie an schwülen Sommertagen kurz vor Sonnenaufgang. (Klabund: Das Mädel)
  • Nach dem Mahle gingen alle auf die Terasse, um Kaffee zu trinken. Es herrschte prächtiges Wetter; vom Garten wogte der süße Duft der eben jetzt voll erblühten Linden heran; die Sommerluft, ein wenig erfrischt vom dichten Schatten der Bäume und von der Feuchte des nahen Teiches, atmete schmeichelnde Wärme. (Iwan Turgenjew: Drei Begegnungen, Erzählungen, S. 285)
  • … lagen sie ganze Sommer auf ihrem Platz in der hintersten Ecke des Schwimmbades mit ersten heimatlosen Erektionen. (Arnold Stadler: Eines Tages, vielleicht auch nachts, S. 28)
  • [Sommer 1945] Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, der Himmel wollte wohl, daß ihm verziehen wurde, das Barometer stand immer auf Schön. (Erik Orsenna: Inselsommer, S. 53)
  • Man muß die Fenster schließen, wenn man nicht in Bratwurstgeruch eingehüllt werden möchte. Im Sommer wird man viel stärker vergesellschaftet als im Winter. (Wilhelm Genazino: Die Liebesblödigkeit, S. 126)
  • Ich zog die Rolläden hoch und öffnete die Fenster, um den schüchternen Frühling einzulassen, er zögerte, kam aber schließlich doch herein und verteilte sich mit leichten tänzelnden Schritten in den Zimmern. (Zeruya Shalev: Liebesleben, S. 358f.)
  • Auf einmal kam in diesem Jahre der Frühling. In den Zimmern lagen noch die Kälte und die feuchte Dämmernis der Wintertage. Man öffnete die Fenster. Die Häuser erinnerten an gelüftete Grüfte und die Menschen, die ans Fenster kamen, an gelbe, freundliche Leichen. Der Klang der auferstandenen Leierkästen, die auf einem in Scharen durch die Höfe zogen, als wären sie mit den Zugvögeln aus dem Süden gekommen, erhöte den Lebensmut auch der Skeptiker. (Joseph Roth: Rechts und Links, S. 78)
  • Ein trüber Anblick bot sich ihm. Wie jeder englische Frühling schien auch der, der soeben in London eingekehrt war, in sturer Verbissenheit unfähig zu der Entscheidung zu sein, ob er nun von der ätherischen Milde sein sollte, die die Dichter besingen, oder für die Skifahrer passend, die der Winter übriggelassen hatte. Vor einem Moment hatte die Sonne noch mit außerordentlicher Kraft gestrahlt, jetzt aber wütete eine Art jugendfrischer Schneesturm. (Pelham Grenville Wodehouse: Schloß Blandings im Sturm der Gefühle, S. 6)
  • Der leichte Dunst auf der sonnigen Ferne deutete tausendmal eher auf einen neuen Frühling als auf den nahen Winter hin. (Wilhelm Raabe: Pfisters Mühle, S. 178)
  • Der Januar bescherte wie immer den einen Tag, an dem die Leute sagten, die Luft rieche nach Frühling. (Penelope Fitzgerald: Die Buchhandlung, S. 114)
  • Er und Berenice hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, wenn der Frühling naht, für einige Wochen auf eine warme Insel zu fliegen, um sich dafür zu belohnen, daß sie wieder einen New-England-Winter durchgestanden hatten. (John Updike: Der Mann, der ins Sopranfach wechselte, S. 71)
  • An diesem Freitag, ein paar Tage nach dem rechnerischen Antritt des Frühlings, überantwortete sich auch die Wetterwirklichkeit der neuen Jahreszeit, und zwar mit der Wucht einer überpersönlichen Blähung. (Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle, S. 67)
  • … frühlingsbesoffene Jugend. (Monika Maron: Ach Glück, S. 88)
  • Der Frühling war ihm zuwider, da in diesen Wochen die Natur es an Rücksicht mangeln ließ und sich mit ihrem Blühen, Sprießen und Gedeihen in kaum schicklichem Maße dem Gemüt aufnötigte. (Michael Schulte: Das Angebot der Woche. Katzengeschichten, S. 99)
  • Der Kalender bestand darauf, daß der Frühling bereits vor einer Woche begonnen hatte, aber irgendjemand hatte vergessen, das Wetter davon in Kenntnis zu setzen. (Marianne Macdonald: Das Manuskript, S. 24)

Mimik & Gestik

  • Das Lächeln lag wie angeschraubt auf seinem Gesicht. (Annie Proulx: Weit Draußen. Geschichten aus Wyoming)
  • ... die Dame, die er soeben gönnerhaft niedergelächelt hatte. (Heinrich Steinfest: Tortengräber, S. 269)
  • ... furchte sich seine Stirn, seine Augen traten vor, und jedes seiner drei Kinne versuchte die anderen an Agilität zu übertrumpfen. (P.G. Wodehouse: Monty im Glück)
  • Sein erschöpftes Gesicht zeigte den halb stumpfsinnigen Ausdruck, den starkes inneres Beschäftigtsein verleiht. Wie bei allen, die stark arbeiten, war sein Mund zusammengepreßt wie eine Geldtasche mit angezogenen Schnüren. (Honore de Balzac: Die Entmündigung)
  • ... ein Gesicht, dessen strahlende Glückseligkeit nicht einmal von der Unfähigkeit eines fünftrangigen Malers hatte verdunkelt werden können. (Aldous Huxley: Genie und Göttin)
  • Es war großartig, Mrs. Towers Gesicht zu beobachten. Ich konnte mich meiner Bewunderung nicht erwehren: wie sehr doch gute Erziehung und gesellschaftlicher Schliff imstande sind, die natürlichen Instinkte des Weibes zu bekämpfen! Denn das Erstaunen und gleich nachher die Bestürzung, die Mrs. Tower einen Augenblick lang nicht hatte verbergen können, waren schnell überwunden, und ihr Gesicht nahm den Ausdruck liebenswürdiger Begrüßung an. (W. Somerset Maugham: Fußspuren im Dschungel. Erzählungen, S. 54)
  • ... die vom Blinzeln herrührenden Linien in ihrem Gesicht wurden tiefer und betonten den immer häufiger sich zeigenden Ausdruck einer ein wenig schwerhörigen Person, die den anderen vorwirft, nicht lauter zu sprechen. (John Updike: Die Tränen meines Vaters, S. 146)
  • Ein Mann, dem drei Ehen um die Augen eingraviert waren, dessen Mundwinkel von lebenslangem Telefonieren schlaff herunterhing. (Ian McEwan: Zwischen den Laken. Erzählungen, S. 120)
  • ... sie behielt dieses Lächeln angeschaltet und hatte die Brauen hoch in die Stirn gezogen. (Helen Garner: Das Zimmer, S. 53)
  • Sein Gesicht, das zeigte, daß er auf seinem Selbstwertgefühl nur so dahinsegelte, wirkte eigentümlich entwaffnend. (Helen Garner: Das Zimmer, S. 34)
  • Ihr Haar war elastisch wie ein Topfkratzer, und ihr Gesicht wurde von einem halben Lächeln grimmiger Ironie aufgehellt. (David Wagner: Vier Äpfel, S. 67)
  • Ich rannte zum Arzt. Er war ein viereckiger, mürrischer Kauz, dem man die Hämorrhoiden vom Gesicht herunterlesen konnte. (Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, S. 229)
  • ... trug ein merkwürdig unerlöstes Hundegesicht zur Schau. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
  • ... endloser Tratsch, Geschwätz von alleräußerster Überflüssigkeit, Freundlichkeit vom allergeringsten Echtheitsgrade - so daß ein Lächeln nur mehr als Feixen auf dem Gesichte und auch als solches sozusagen bloß in der obersten Epidermis stand. (Heimito von Doderer: Die Dämonen)
  • Christian hatte das Gefühl, als hätte sich Falk in seinen Körper nur hineingeborgt, so schlotterig waren seine Bewegungen. (Uwe Tellkamp: Der Turm, S. 323)
  • Von weitem schickte ihnen Nelia die obszönste Geste aus ihrem elementaren Repertoire einer Nonnenschule herüber. (Antonio Lobo Antunes: Elefantengedächtnis, S. 32)
  • Er zuckte mit den Achseln, schmollte noch ein bißchen und gähnte dann gespielt. Dieses Gähnen kannte Albert nur zu gut an ihm: Gemeint als Zeichen seiner Gleichgültigkeit, gähnte der Mann damit seine ganze Erleicherung heraus. (A.F.Th. van der Heijden: Das Gefahrendreieck, S. 299)
  • Mein pflichtschuldiges Lachen verdorrt mir steif auf dem Gesicht... (John Updike: Der Zentaur, S. 132)
  • Hatte der nicht auch zuletzt all seine Heiterkeit verloren und machte solch ein verdammtes Arzeneigesicht, auf dem man hätte lesen mögen: 'Alle Stunde einen Eßlöffel voll?' (E.T.A Hoffmann: Die Serapionsbrüder, S. 157)
  • Er konnte sich vorstellen, wie sich die Festigkeit und Ruhe ihrer Gesichtszüge, die in lebenslanger Herrschaft über die kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens den trügerischen Schein von Autorität angenommen hatten, plötzlich auflösen würden. (Edith Wharton: Zeit der Unschuld, S. 193)
  • Ich wartete und setzte währenddessen den zerstreuten, sanften Blick auf, den das Warten vor Türen stets verlangt... (John Banville: Athena, S. 16)
  • ... vertraute Maske des Miesepeters... (David Lodge: Wie bitte? S. 207)
  • Ihr Mienenspiel hat jene jüdische Fähigkeit, abrupt eine transzendente Wärme auszustrahlen, einen vertrauenerweckenden Zauber wie die Wasserfontäne, die Moses aus dem Felsen am Berg Horeb schlug. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 255)
  • Die Art, wie ihre Frisur sich auflöste, Harrsträhnen sich seitlich lockerten, bezeugte ihre Bereitschaft zu einem Streit. (John Updike: Das Gottesprogramm. Rogers Version, S. 58)
  • Wenn er zu lächeln versuchte, konnten sich seine violetten Lippen nur kräuseln und krümmen wie ein modriges Blatt, das ins Feuer geworfen wird. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 46)
  • Wolfi grinste, was den kläglichen Eindruck erweckte, er tue es unter der Zuchtrute einer Gesichtsrose. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 112)
  • Was immer uns Rumen zeigt, meine Schwester quittiert es mit einem lieblichen Lächeln. Ich kenne dieses Lächeln genau. Meine Schwester setzt es auf, wenn sie im tiefsten Inneren angeödet ist. Es ist ein die Welt ihrer Lieblichkeit versicherndes Lächeln, das kommentarlos bleibt und keinerlei Anteil nimmt. Die trockene, in Zucker erstarrte Version ihres Lächeln. (Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff, S. 14)
  • Ihre Gesichtsausdrücke, in Beton übersetzt, hätten zwei perfekte Brückenpfeiler ergeben. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 68)
  • Der Mann zog grübelnd die Brauen zusammen. Hätte sein Nachdenken ein Geräusch gemacht, wäre jetzt das Rappeln leerer Flaschen im Kasten zu hören gewesen. (Ralf Rothmann: Milch und Kohle, S. 41)
  • Er machte den mürrischen Eindruck eines Mannes, der sich darauf freut, Geflügel den Hals umzudrehen. (Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse, S. 51)
  • Sein Gesicht nahm einen niedergeschlagenen und enttäuschten Ausdruck an, so als habe er beschlossen, für die grausame und schlecht organisierte Menschheit zum lebenden Vorwurf zu werden. (Georges Simenon: Maigret und die junge Tote)
  • Sie lispelte ein wenig, gerade so viel, wie nötig war, um ihrem gefährlichen Charme etwas beruhigend Naives hinzuzufügen. Ihre Augen, deren seegrüner Ton in diesem brünetten Gesicht befremdend wirkte... (Roger Martin DuGard: Die Thibaults, S. 428)
  • Er grinste wie ein Yogaschüler, der die große Anstrengung der Leibestötung lieber den Meistern überläßt. (Feridun Zaimoglu: Liebesbrand, S. 351)
  • Bill Oakshotts Verstand war neuen Ideen gegenüber nicht besonders aufgeschlossen. Als er Lord Ickenham anstarrte, was seine Ähnlichkeit mit einem Fisch auf einem Serviertablett markanter denn je. (P.G. Wodehouse: Onkel Dynamit, S. 109)
  • Hans Hubermann hatte ein Gesicht aufgelegt, in dem alle Vorhänge zugezogen waren. (Markus Zusak: Die Bücherdiebin)
  • Er verbindlichte sein Gesicht... (Arno Schmidt: Brand's Haide)
  • So läppisch der Grund auch ist, sein Stirnrunzeln sieht immer nach Weltende aus. (Ralf Rothmann: Wäldernacht, S. 120)
  • Wir betreten den großen Speisesaal des Hotels "Walhalla". Eduard Knobloch, der Besitzer, ein fetter Riese mit einer braunen Perücke und einem whenden Bratenrock, verzieht bei unserem Anblick das gesicht, als hätte er bei einem Rehrücken auf eine Schrotkugel gebissen. (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 18)
  • Er hat so eine Art, mit den Mundwinkeln zu zucken, wie um auszudrücken, daß ihn die Dummheit seines Gesprächspartners sehr belustigt, ja daß er sich ein Lachen kaum verbeißen kann, sich aber tapfer und höflich um Zurückhaltung bemüht. (Alan Isler: Klerikale Irrtümer, S. 42)
  • Ritas Grinsen saß auf einmal so stramm, als sei ihr Gesicht beim Waschen eingelaufen. (Katja Lange- Müller: Die Letzten. Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei, S. 68)
  • In seiner Geste lag noch immer etwas von der weiblichen, zärtlichen Hingabe der Besuche meiner Kindheit, bei denen alte Damen unter Schleierhüten in einer warmen, von Porzellan und Spitzendeckchen gesättigten Atmossphäre, in deren Halbdunkel riesige Uhrenpendel schaukelten, Tee tranken und Kekse aßen. (Antonio Lobo Antunes: Einblick in die Hölle, S. 191)
  • Fellworthy trat seine unbefleckten Schuhe in einem komplizierten Ballett auf der Fußmatte ab. (Kyril Bonfiglioli: Charlie Mortdecai in Das große Schnurrbart-Geheimnis, S. 262)
  • Beim perfekten Raucher ist das Rauchen so sehr zum Bestandteil seiner Gestik geworden, daß es sich mit der Zeit der Wahrnehmung entzieht. Irgendein beliebiger Zuschauer wird hinterher sogar abstreiten, daß überhaupt geraucht wurde. (A.F.Th. van der Heijden: Die Drehtür, S. 13)
  • Er hebt eine Augenbraue, normalerweise ein sicheres Zeichen, daß er gleich aus einem Buch zitiert, das ich nicht kenne, oder mir einen Vortrag hält. (Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden, S. 96)
  • Ein Lächeln auf halbmast, nervös, flüchtig. (Carlos Ruiz Zafon: Der Schatten des Windes, S. 272)
  • Ihr Gesicht zeigt den ernsten Ausdruck, der Ende der dreißiger Jahre noch in Mode war, wenn man fotografiert werden sollte. (Marcel Möring: In Babylon, S. 155)
  • "Bitte setzen Sie sich doch. Also, wie kann ich Ihnen helfen?" Gummer hatte nun zum erstenmal Gelegenheit, dieses Sie können mir alles anvertrauen, außer Ihrer Frau-Lächeln aufzusetzen. (Norbert Zähringer: So, S. 79)
  • Seine fahle Miene mit der Hornbrille zeigte jene steinerne Ruhe, zu der sich sehr nervöse und sehr eitle Menschen zwingen können, wenn sie sich von vielen Leuten beobachtet wissen. (Klaus Mann: Mephisto)
  • Barry steht anzüglich grinsend neben dem Telefon und kneift seine Augen zu Ziegenmösen zusammen. Eileenas Augenbrauen scheinen heute mittag ebenfalls hoch zu Roß zu sitzen, soweit ihre Holzschnitzfrisur das zuläßt. Ich weiß ja nicht, wie's woanders ist, aber hier bei uns signalisiert man moralische Überlegenheit mit den Augenbrauen. (DBC Pierre: Jesus, von Texas, S. 98)

Zeit

  • ... wie schrecklich uns jedesmal, trotzdem wir es doch erwarteten, das Vorrücken dieses, einem Richtschwert gleichenden Zeigers schien, wenn er das nächste Sechzigstel einer Stunde von der Zukunft abtrennte mit einem derart bedrohlichen Nachzittern, daß einem das Herz aussetzte dabei. (W. G. Sebald: Austerlitz, S. 13)
  • Denken Sie an den Zeithaushalt des Menschen, die verwundbarste Stelle seiner Existenz. (Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg, S. 26)
  • Auf dem Nachttisch verarbeitete der Wecker knirschend die Sekunden. (Erwin Mortier: Marcel, S. 5)
  • Vor dem Einschlafen denke ich, daß aus Tagen wie diesem das Leben besteht. Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Daß sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, daß nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt... (Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000, S. 23)
  • "Morgens fühle ich mich oft wie eine fluglahme Rohrdommel, die nur mit Mühe etwas krächzen kann. Dafür komme ich mir an sehr gelungenen Abenden wie eine unvergleichlich schöne Raubkatze vor. An den Tagen dazwischen fühle ich mich am ehesten wie irgendein Nutztier." (Jakob Hein: Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, S. 38)
  • Der Preis für selbstvergessene Tagträumerei war immer aufs neue dieser Augenblick der Rückkehr, dieses erneute Sich-Wiedereinfinden in das, was zuvor gewesen war und nun noch ein wenig schlimmer schien. (Ian McEwan: Abbitte)
  • Die ganze moderne bekackte Welt der Hetze und Tempobolzerei. (Alois Brandstetter: Die Burg)
  • ... daß in spätestens fünf Jahren, als in der Zeitspanne einer wissenschaftlichen Generation... (Alois Brandstetter: Die Burg, S. 14)
  • Der Zug sollte um 10 Uhr 10 abfahren. Der große Zeiger der Uhr verharrte wie ein Vorstehhund, stürzte sich dann auf die begehrte Minute und hechelte unverzüglich nach der nächsten. (Vladimir Nabokov: Verzweiflung)
  • "Ah, November, November! Vom Moment des Aufstehens an merkt man im Grunde schon, daß es Abend wird." (Margriet de Moor: Der Jongleur)
  • Der Wecker ist der unerbittliche Funktionär der wachsamen Zeitjustiz, den wir selbst eingesetzt haben, um über uns zu herrschen. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 219)
  • Die Ferien und deren Ausgestaltung sind heutzutage das permanente Dementi der an sie geknüpften Hoffnung auf das befriedigende Leben. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch)
  • "Sie waren besorgt, daß sie nicht für alles Zeit hätten, und erkannten nicht, daß "Zeit haben" eben bedeutet, daß man nicht für alles Zeit hat." (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 65)
  • Im genauen Verhältnis zur sozialen Hierarchie steht das Wartenmüssen. Je weiter oben einer ist, um so weniger muß er warten. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 31)
  • Kennzeichen der evolutionären Dynamik, also des natürlichen Fortschritts, ist auch die Langsamkeit, die Gemächlichkeit. Wir können es an uns selbst überprüfen: Wenn wir so schnell verdauen würden, wie wir heute üblicherweise essen, hätten wir alle immerzu Durchfall. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 159)
  • "Alles ... ist jetzt ultra (...) Alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt... Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen."(Goethe an Zelter)
  • Zeitmanagment ist eine modernisierte Form der Heilswerwartung und daher für die Vertreter der Schnellbeglückungspsychologie ein äußerst attraktives Feld. (Karlheinz Geißler: Zeit - verweile doch. Lebensformen gegen die Hast, S. 62)
  • Macht den eiligen Geist nicht zum Heiligen Geist. (Karlheinz Geißler)
  • Seit drei Wochen Tag und Nacht Krankenpflege. Im Krankenzimmer gibt es, wie im Gefängnis, keine Zeit. Tage und Nächte, Stunden und Minuten verwischen sich. ie Krankheit ist Volumen, wie die Zeit. (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 68)
  • ... chronologische Zurichtung des Alltags. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 159)
  • Es war irgendwann am Ende des Mittelalters, als einflußreiche Personen meinten, die Bevölkerung sollte wissen, wie spät es ist. Kurze Zeit danach wollten sie es von sich aus wissen, und heute müssen sie es wissen. Damit war die Zeit im ganzen Land hörbar und sichtbar als wichtiges Thema entdeckt. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 58)
  • Die tausendfach zu hörenden Klage über das Diktat der Uhrzeit: Tut mir leid, keine Zeit" ist unehrlich. Hätten wir nämlich wirklich keine Zeit mehr, dann wären wir tot und könnten uns nicht über unsere Zeitlosigkeit beklagen. (Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, S. 14)
  • Zukunftsträume können nur Alpträume sein, zumindest für jene, denen schon vor der Gegenwart graut. (Markus Werner: Am Hang)
  • Doch ist jede Flucht aus der Zeit illusorisch: die Zeit hat uns, nicht wir haben die Zeit. Was wir auch unternehmen, die Zeit handelt durch uns, drückt sich durch uns aus. (Friedrich Dürrenmatt: Literatur und Kunst, Essay und Reden, S. 161)
  • !Was ist Zeit: Illusion, die hartnäckigste.... (Reinhard Jirgl: Die Stille, S. 142)
  • Am nächsten Morgen läutet der Wecker um fünf. Das ist nicht die richtige Tageszeit für einen Gefühlsüberschwang. (Benoite Groult: Salz auf unserer Haut, S. 217)
  • Die Sonne sank rasch am Horizont, und es kam der kurze Augenblick, wo seit urewigen Zeiten der Mensch einen Schauer in seinem Rücken fühlt, weil er ahnt, daß diese Alltäglichkeit ein Wunder ist. (Benoite Groult: Salz auf unserer Haut, S. 92)
  • Die Erfahrung, die wir heutzutage bei jedem Computerwechsel machen, kennt analog auch Fontane: ..."ich weiß nicht, seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter. Oder es kommt einem auch bloß so vor." (Theodor Fontane: Der Stechlin, S. 236)
  • Abendweg an der Ilm entlang zu Goethes Gartenhaus. Langes Sitzen auf einer Bank vor der weiten Wiese, die unverbaut ist, unverändert seit Goethe sie sah. Herrliche alte Laubbäume. Als Goethes Blick auf sie fiel, waren sie um hundertfünfzig Jahre jünger. Merkwürdiges, herz-angreifendes Gefühl für das, was man "Zeit" nennt. (Luise Rinser: Im Dunkeln singen. Tagebuch 1982-1985, S. 124)
  • Mit sechszehn Jahren ahnt man ja noch nicht, daß eine unerforschliche Weltordnung dem Ungeduldigen, den die Leidenschaft zu hastig durchs Leben und zum Tode zu treiben droht, schöne Sendbotinnen in den Weg stellt, damit sie mit der Pracht und der Last ihres Fleisches die fliehende Zeit aufhalten, den Geist des Ungestümen befriedigen und einschläfern und seinen Körper lehren, gelassen im Schatten des Geistes heranzureifen. (Colette: Erwachende Herzen)
  • Statt im Rausch der Beschleunigung die Drehzahl ihres Unternehmens zu erhöhen, wären somit viele Unternehmer besser beraten, sich in nüchternen Momenten zu fragen, wie es in der "Post-Beschleunigungswelt" ausehen könnte. Doch solange Gewinne geschrieben werden, interessieren sich die meisten Manager nicht für solche Fragen. Und wenn keine mehr geschrieben werden, plagen sie ganz andere Sorgen. (Michael Baeriswyl: Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, S. 75)
  • Im Grunde war überhaupt jeder Urlaub eine Gemeinheit, begangen von zu rasch verstreichenden Tagen und Abenden. (Wilhelm Genazino: Die Ausschweifung, S. 137)
  • Kaum lassen wir uns auf einen vermeintlichen Status quo ein, macht die Zeit einen Ruck, und alles ist anders. (Urs Widmer: Das Verschwinden der Chinesen im neuen Jahr, S. 179)
  • Hektisch heute, was? zeigt, wie relativ alle Zeit ist.Was dem einen zu langsam vergeht, zerrinnt dem anderen nur so zwischen den Händen.
  • Die Zukunft war damals meine Sehnsucht, so wie heute die Vergangenheit mein Heimweh ist. (Arnold Stadler: Sehnsucht. Versuch über das erste Mal, S. 11)
  • Der Uhrzeiger muß wie ein Tier geschlichen sein, da mich rücklings die nächste Stunde überfiel. (Josef Winkler: Menschenkind, S. 109)
  • Bücherleser erleben Gegenwart und vergehende Zeit auf eine ganz bestimmte Weise, die ihnen erlaubt, etwas vom eigenartigen Wesen vergehender Zeit zu erfassen. (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 83)
  • Seit die westliche Moderne neben den anderen Ressourcen ihrer Produktivität auch die Zeit immer rationeller bewirtschaftet, sind brachliegende Zeiträume zum teuren Luxus geworden. Die Strände der Zeit von einst sind vermessen, begradigt, eingezäunt und zubetoniert. Was dort angeschwemmt wird, kann nicht lange liegenbleiben und womöglich Wurzeln schlagen. (Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung, S. 110)

Beleidigungen

  • "Sag mal, hast du dich bei der Aufteilung von Gehirnmasse abseits gehalten?" (Burkhard Spinnen: Müller hoch Drei, S. 91)"Sag mal, hast du dich bei der Aufteilung von Gehirnmasse abseits gehalten?" (Burkhard Spinnen: Müller hoch Drei, S. 91)
  • ... welchen Zusammenhang es zwischen einer Kultur und ihren vorherrschenden Schimpfwörtern gibt. In den Kalvinistischen Ländern ist der Teufel ein schlimmes Schimpfwort, in Amerika geht es um Geschlechtsverkehr, in Deutschland vor allem um Anales. Die Katholiken verfluchen sich meist mit dem Herrn, die Russen und die Araber beleidigen ihre Familien. (Jakob Hein: Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, S. 26)
  • Könnte es dir nicht irgendwie von Vorteil sein, wenn du von Erdboden verschwändest? (Vladimir Nabokov: Verzweiflung)
  • Retweet: RT: "Hast du ne Idee, was ich meiner Mutter zum Muttertag schenken kann?" - "Schenk ihr bitte Kondome. Sowas darf nicht nochmal passieren!"
  • "Mögen Dich die Götter von ihrem Erdkreis vertilgen, Du Schandfleck unseres Jahrhunderts!" (Ovid)
  • "Wenn du's verbockst, gerb ich mir aus deinem Skrotum einen Tabakbeutel, verstanden?" (Verena Rossbacher: Verlangen nach Drachen)
  • "Du jämmerlicher Anfänger, du bescheuerter Trottel, du bist ja feuergefährlich blöd. Eine Affenschande. Du Blödian. Du erbärmlicher Piesepampel" (Die Olsenbande läuft Amok)
  • "Sie besserwisserischer, neunmalkluger Einsteinverschnitt!" (Die Simpsons S03E09)
  • ... in der Turnhalle probten die Volkstanzwachteln. (Irmtraud Morgner: Trobadora Beatriz, S. 455)
  • "Die für dich passende Umgebung nennt man psychiatrische Anstalt", sagte mein Vater. (David Sedaris: Schöner wird's nicht)
  • "Wenn es je eine fettbäuchige, kleine menschliche Laus gegeben hat, der man die Eingeweide rausreißen sollte und auf deren Überresten starke Männer in genagelten Stiefeln rumtrampeln müßten, so sind Sie es, Mr. Pott." (Pelham G. Wodehouse: Schloß Blandings im Sturm der Gefühle, S. 164)
  • "Ist sie nicht häßlich genug, um den Messias vom Kommen abzuhalten?" (Israel Zangwill: Der König der Schnorrer, S. 76)
  • Ein Glücksfall wäre es gewesen, wenn sein Vater ihn ins Gebüsch gespritzt hätte! (Sven Regener: Der kleine Bruder)


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