Jasper-Fforde-SplitterFundstücke aus "Wo ist Thursday Next?"EinleitungDie BuchWelt ist quasi die Welt hinter dem, was der gemeine Leser eines Buches wahrnimmt, eine Parallelwelt zu unserer RealWelt. Die Figuren eines Buches führen ein Eigenleben. Es gibt unzählige Organisationen, die für Ordnung sorgen, damit des Leser der RealWelt in Ruhe lesen kann bzw. nichts von den Störungen der BuchWelt mitbekommt. Beispielsweise beginnt Wo ist Thursday Next? (Band 6) im Haushalt der geschriebenen Hauptheldin Thursday Next. Damit sie andere Aufgaben wahrnehmen kann, braucht sie eine Vertreterin, die anwesend ist, falls ein Leser auf den Gedanken kommen sollte, "ihr" Buch zu lesen. Die neue Vertreterin der Gattung A4 (schon ein besseres Modell) stammt aus einem Originalmanuskript, das in einer Schublade vor sich hin rottet, und hatte bislang logischerweise nur 1 Leser, nämlich dessen Autor. Das Read-O-Meter zeigt den Akteuren eines Buches übrigens gerade an, wieviele Leser sie im Aigenblick haben: "Das Read-O-Meter zeigte beharrlich auf 0, obwohl sich immerhin zweiunddreißig Exemplare meiner Bücher in Umlauf befanden. Achtzehn davon waren gerade in einer Lesepause, der Rest lag wahrscheinlich irgendwo unter einem Haufen anderer nicht zu Ende gelesener Bücher." Malapropismus und LeserstatusVielleicht wird infolge meiner Einführung diese Passage schon verständlich. Vorausgeschickt sei noch, daß Mrs Malaprop, die Haushälterin, redegeschädigt (Malapropismus) ist, quasi durch zu viele Einsätze als handelnde Figur: Bei allen textbasierten Lebensformen sind Sprachstörungen eine Ursache großer Beunruhigung. Schlecht sitzende Grammatik ist schlimmer als ein drückender Schuh. (...) Schlechte Syntax ist noch schlimmer. Wenn man die Wortstellung vermurkst, versteht keiner Yoda außer die Sätze man hat. Nun redet Thursday Next also weiter mit der sprachverwirrten Mrs Malaprop: "'Wie ist denn der Status?' Sie starrte auf ihr Klemmbrett. 'Propp lähme. Sechsundzwanzig Figuren sind auf Uhr Laub oder bei Fortbildungsküssen; die können aber alle durch andere Katarakte ersetzt werden. Von den Schauplätzchen ist nur Hayworth House geschlossen wegen einer Grammasiten-Plage.' 'Ist Jurisfiktion informiert worden?' 'Wir haben eine niedrige Pietät, deshalb kommen sie erst in acht Stunden.' 'Wie weit weg ist denn unser nächster Leser?' 'Siebenundneunzig Minuten Leser Zeit.' Das war kein Problem. Unser nächster Leser würde das Buch wahrscheinlich erst heute Abend wieder zur Hand nehmen, und bis dahin wären die Grammasiten erledigt. 'Wenn er aus irgendeinem Grund vorzeitig anfängt zu lesen, müssen wir auf das Wohnzimmer in Thornfield Hall ausweichen." EinstellungsgesprächWeswegen ich die vorangegangene Einleitung schrieb, ist folgende witzige Stelle aus dem Einstellungsgespräch zwischen der geschriebenen Thursday Next und ihrer potenziellen Stellvertreterin: "Sie biss sich auf die Lippen und starrte mich an. 'Bisher bin ich immer nur von einer Person gleichzeitig gelesen worden', gestand sie. 'Ich war ja in einem Originalmanuskript. Aber neulich hatte ich einen kurzen Auftritt als Dulcinea-Stellvertreterin in einer Reader’s-Digest-Ausgabe des Don Quijote, und als die Leserzahl über sechsundzwanzig ging, hatte ich eine Panikattacke und musste auf den Snooze-Knopf drücken.'" (...) 'Und wie viel Lesezeit haben Sie bisher?' 'Also, außerhalb meines eigenen... Buches insgesamt siebenundachtzig Seiten.' Das war ein erschreckend niedriger Wert. Ein einziger neugieriger Leser, der ein bisschen mehr wissen wollte und nach verborgenen Bedeutungen suchte, würde sie innerhalb von zwei Sekunden zum Stottern bringen." Tourismus ins AußenLandAus 'Bradshaws Führer zur BuchWelt': Der Tourismus ins AußenLand war schon seit langem verboten, und sogar Jurisfiktion-Mitglieder, die zur Elite der BuchWelt-Sicherheitskräfte gehörten, durften die Grenze zur RealWelt nicht mehr überschreiten. Die Gründe dafür waren zahlreich und äußerst umstritten, aber in einem war man sich einig: Die Wirklichkeit war eine Schlangengrube und steckte voller Gefahren für Unvorsichtige. Wenn man zu atmen vergaß, die Schwerkraft nicht richtig berechnete, den falschen Gott oder das falsche Fußballteam unterstützte, wurde man ratzfatz in einem Zinksarg nach Hause geschickt." (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) Strukturen der BuchWeltIn diesem 6. Band ist die Buchwelt gänzlich in ein geographisches Format umstrukturiert worden. Die Bücher sind räumlich zu Gattungen oder Genres geordnet. "Es gibt praktisch keinen Dunst in der BuchWelt, und da unsere Insel ebenso wie alle anderen leicht nach innen gekrümmt ist, konnten wir bis weit nach Norden hinaufsehen, wo die umstrittene Grenze zwischen den Scharfen Romanen und der FemLit lag. (...) 'Östlich von den Scharfen Romanen liegt übrigens das Gebiet der Überholten Religiösen Lehren, kurz Dogma.' 'Warum sind die denn nicht in der Non-Fiktion?', fragte Carmine. 'Das ist eine der großen Fragen', sagte ich. 'Man hat sie aus der Theologie rausgenommen, weil sie ›in einem modernen Zusammenhang nicht mehr vermittelbar‹ waren, heißt es. Sie hätten die Kirche ›mittelalterlich‹ aussehen lassen.'" Leserfeedback (1)"Jeder Roman", sagte ich, "hat aus ökonomischen Gründen nur so viel Beschreibung wie unbedingt nötig. Früher wurden Bücher oft bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, aber das war noch in den Zeiten von BLB." "BLB?" "Begrenzte LeserBildung. Heute werden die Leute von den Medien mit solchen Massen an Informationen gefüttert, dass sie die weniger ausgearbeiteten Details eines Textes mühelos selbst ergänzen." "Das Feedback?" "Genau. Sobald der Leser anfängt zu lesen, spült ihm das Feedback seine eigene Interpretation der Geschichte ins Buch. Bis vor einigen Jahrzehnten wurden manche Bücher fast ausgelesen, das heißt, die Leser nahmen so viel daraus mit, dass die Bücher durch Überlesen völlig ausgeräumt wurden. Am Schluss waren sie nur noch öde und kahl. Aber seit Erfindung der Feedback-Schleife bleiben die Bücher beim Lesen fast unversehrt, es gibt praktisch keine Abnutzung mehr, und viele Leser bringen sogar noch eigenes Material mit, um die Bücher mit ihrer Interpretation auszuschmücken. (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) Buch-HavarieEs kam durchaus vor, dass ein Buch sich spontan zerlegte. Ein solcher Unfall war nicht allzu häufig, aber gerade deshalb musste jeder einzelne vom JVUD sorgfältig untersucht werden, damit nicht andere Bücher das gleiche Schicksal erlitten. Ein Ensemble von tausend Mann zu verlieren war nicht nur eine Tragödie, sondern auch ziemlich teuer. Als sich vor einigen Jahren eine Buchklubausgabe von Krieg und Frieden ohne Vorwarnung auflöste, mussten sich die Bewohner im Absturzgebiet noch monatelang Messingknöpfe und lange Abschweifungen aus dem Haar bürsten. Der JVUD-Beauftragte, der den Fall untersuchte, hatte das ganze Buch sorgfältig rekonstruiert und am Ende festgestellt, dass lediglich ein paar Verben viel zu weit hinten in den Sätzen platziert worden waren. Die Reibung an den nachfolgenden Satzgliedern hatte sie überhitzt und sie waren in Brand geraten. Die Satzzeichen- Sperren hatten versagt, wie so häufig, und in einem letzten verzweifelten Versuch, das Buch wieder unter Kontrolle zu bringen, hatten die Bordingenieure mit Hilfe der Einzelband- Notabkoppelung die verschiedenen Teile voneinander getrennt. Im Ansatz nicht schlecht, aber sie hatten das Manöver zu schnell ausgeführt. Die kleineren, aber gewichtigen Epiloge konnten den Kurs nicht mehr rechtzeitig ändern und prallten mit voller Wucht in den vierten Band, der daraufhin mit Band drei kollidierte und so fort. Von den sechsundzwanzigtausend Figuren überlebten nur fünf das Desaster. Zwischen Prosa und LyrikIch schloss den Kofferraum, stieg in den Wagen und zog die Tür zu. "Wo soll’s denn hingehen?", fragte die Fahrerin. "Zur Lyrik." (...) "In die Lyrik wollen Sie? Kein Problem, junge Frau. Wollen Sie lieber die obere oder die untere Route?" (...) "Die untere Route", sagte ich, denn zwischen Prosa und Lyrik gab es nicht viel Verkehr, und manchmal musste man stundenlang kreisen, ehe ein Buch vorbeikam, das den gleichen Weg hatte. Leserfeedback (2)Das war eine der schönsten Eigenschaften des LeserFeedbacks. Wenn Leser ein Buch nach ihren eigenen Vorstellungen ausschmücken, kommt immer das Wetter zuerst, dann kommen die Farben, die Symmetrie, Bäume, Bauwerke und ihre Einrichtung und schließlich die Haptik. An den Gesang der Vögel denken die Leser meist nicht, deshalb muss dieser auch heute noch eigens bereitgestellt werden. Da ich mich in einem der ungelesenen Bereiche des Buches befand, waren die Vögel allerdings nicht im Einsatz oder bevölkerten vielleicht sogar einen anderen Roman. Auch bei den Klassikern herrscht eine gewisse Ökonomie; die Austen-Vögel und die Brontë- Vögel sind ein und dieselben – wenn Sie genau hinhören, werden Sie’s merken. Abkürzung durch die ComedyDas Taxi stoppte abrupt. Wir standen im Stau. Der Fahrer holte ein paar Erkundigungen ein, und wir erfuhren, dass ein Sattelschlepper mit dass einen entgegenkommenden Lastwagen mit das gerammt hatte. Beide Fahrzeuge hatten den größten Teil ihrer Ladung verloren, die jetzt den Freeway blockierte. "Das wird ein hübsches Durcheinander geben", sagte der Taxifahrer. Zusammenstöße von Homofonen riefen oft auch in der RealWelt Probleme hervor, weil das flüssige Wortmaterial durchsickerte und die Bewohner des AußenLandes sich ansteckten. "Ich kenne eine Abkürzung durch die Comedy", sagte der Taxifahrer, der - wirklich nur nebenbei bemerkt - ein hübscher schwarz-weiß gestreifter Ameisenfresser namens Ralph war. "Sollte eigentlich nicht zu schlimm werden. Die Pointendichte liegt bei 20 Prozent, und der Lachometer zeigt nur 30 Fon." "Irgendwelche Kalauer?" "Die sind natürlich immer da, aber vor ungezügelter Hysterie brauchen wir uns nicht zu fürchten. Und Wortspiele gibt’s auch nicht so viele." "Wieso?" "Tja", sagte der Ameisenbär und lächelte spitznasig. "Haben Sie es noch nicht gemerkt?" "Was?" "Na, wir sind hier in einer Übersetzung. Aber legen Sie bitte trotzdem die Kicherheitsgurte an." Fahrten durch das Gebiet der Comedy wurden meist vermieden, weil das Kichern gelegentlich schmerzhaft sein konnte und sogar schon zu tödlichen Unfällen geführt hatte. Aber in letzter Zeit war das Komische in der Comedy stark gedämpft worden. Das Gebiet der ComedyDas Gebiet der Comedy erreichten wir nach ein paar Meilen auf dem Thurber Freeway, dann kam die Wende am Bad Joke und wir holperten über eine Seitenstraße, die mit alten Schwiegermutterwitzen gepflastert war. Bei den Schüttelreimen mussten wir einen Augenblick anhalten, weil gerade ein paar Äpfel vom Stamm gefallen waren. Dann folgten die Limericks, die Anekdoten, die Sprechender-Hund-Witze und schließlich die öde Wüste der Parodien. Die massenhafte Auswanderung von Stand-up-Comedians in die RealWelt hatte die Vorräte an natürlicher Heiterkeit stark dezimiert, und die Landschaft war praktisch witzlos. Als Notmaßnahme wurde jetzt der sogenannte »alternative Humor« in die RealWelt exportiert, damit die Witz-Ressourcen sich auf natürlichem Wege erholen konnten. Trotzdem war der Mangel an Heiterkeit in der Comedy nicht zum Lachen. (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) Bücher aus EigenverlagenEs gab viel Eifersucht in der BuchWelt, und die Möglichkeit, dass irgendjemand die Konkurrenz gefürchtet und abgeschossen hatte, war durchaus gegeben. Schlechte Bücher aus Eigenverlagen wurden schulterklopfend geduldet. "Gar nicht so übel, nur weiter so", war die Attitüde der Arrivierten, aber gute Bücher aus Eigenverlagen wurden als üble Emporkömmlinge, Parvenüs und Streber betrachtet und mit gnadenloser Häme verfolgt. (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) ClownsArmeeEin kleiner Mann in der Uniform der ClownsArmee saß uns schwitzend gegenüber und schaute sich nervös um. Man sah, dass er nicht im Dienst war, denn er trug seine rote Pappnase nicht und seine langen schwarzen Schuhe waren sorgfältig an seinem Seesack festgeschnallt. "Bei welcher Einheit sind Sie denn?", fragte ich. "II. ClownsCorps, 6te Ironiedivision", sagte er hektisch. "Unlogistik und Lachschub. Wir sollen nächste Woche in Südfrivol stationiert werden, in der Pufferzone zwischen Comedy und Scharfen Romanen. (...) Die Nachschubkompanien der ClownsArmee waren bekannt für ihre Unzuverlässigkeit. Nur allzu oft gerieten Knallerbsen, Juckpulver und senfgefüllte Krapfen in die Hände von Kriminellen und Aufständischen wie den Separatisten von der Blyton-Fraktion. (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) Die RealWelt"Die RealWelt ist außerordentlich unordentlich", erklärte er. "Es gibt keine klar erkennbare Handlung, Zufälle sind die Regel, und man kann sich jahrelang mit der Frage quälen, was eine zufällige Begegnung für eine Bedeutung gehabt hat. Außerdem werden Sie feststellen, dass die Ereignisse praktisch niemals irgendwie gerafft werden, was bedeutet, dass auch die langweiligsten Dinge eine Ewigkeit dauern. Auch das Gerede muss ziemlich nervig sein – es gibt keine vernünftigen Dialoge, sondern die Leute sagen einfach nur das Erstbeste, was ihnen einfällt." "Ist das wirklich so schlimm, wie ich gehört habe?" "Noch schlimmer, glaube ich. Hier in der BuchWelt sagen wir meist nur das, was notwendig ist, um die Story voranzutreiben. Da draußen können Sie mindestens achtzig Prozent aller Äußerungen vergessen, weil sie bloß dummes Geschwätz sind." "Ich hätte nie gedacht, dass der Prozentsatz so hoch ist." "Bei vielen Menschen liegt der Geschwätzanteil bei bis zu 92,3 Prozent. Zuhören muss man vor allem den Leuten, die nicht viel sagen." "Oh." "Es gibt schon einige Dinge, die Spaß machen", sagte Plum, der wohl spürte, dass ich enttäuscht war. "Solange Sie akzeptieren, dass achtzig Prozent aller Äußerungen dummes Geschwätz und fünfundachtzig Prozent dessen, was die Leute Leben nennen, ein bloßes Herumwurschteln sind, kann Ihnen nicht viel passieren. Vor allem dürfen Sie sich nicht davon abschrecken lassen, dass ständig zufällige Dinge passieren, die überhaupt keinen Sinn haben." (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) ChickLit und LifestyleBradshaws Führer zur BuchWelt: "Wenn Sie die Glitzerwelt der ChickLit mit ihrem ewigen Shopping und den nicht passenden Boyfriends mal satt haben, sollten Sie vielleicht eine kleine Reise zu den Fragwürdigen Lifestyle-Ratgebern versuchen. Eine Stunde in den heiligen Hallen der eingebildeten Übel verschafft Ihnen mindestens zehn Probleme, von denen Sie gar nicht mal wussten, dass sie überhaupt existieren, geschweige denn, dass Sie persönlich darunter leiden." (Jasper Fforde: Wo ist Thursday Next?) Zitate & Textstreusel
[Nach oben] [Autoren] [Bücherlei] |