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Allgemeine Fundstücke / [R_1]
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Als ein unendlich angenehmer, wenn auch etwas verbissener
junger Mann ging ich aus seinem Prozessuarium hervor, alt
an Erfahrung, ein nicht übler Schachspieler, fähig, den
stärksten Punsch zu brauen und zu vertragen. Daß mir sehr
viele Leute aus dem Weg gingen, ergötzte mich mehr, als
es mich kümmerte; ich hatte mir vorgenommen, nicht allzu
zuvorkommend gegen die Menschheit zu sein, und darf mit
gutem Gewissen sagen, daß sich niemand in dieser Hinsicht
über mich zu beklagen haben wird. (Wilhelm Raabe: Drei
Federn, S. 18)
Sie hatte ein Herz voll Liebe und wußte damit nirgend hin;
sie liebte die Blumen, und ihr Vater kaufte dieselben nur
bündelweise, sackweise, getrocknet, zerrieben oder
zerstampft - sie bekam alles im Leben nur in solcher Form:
das Elternhaus, die Liebe, den Ehestand. Sie versuchte es,
ihr volles Herz dem Jugendfreunde zu geben. (das
schwächste Leben hat eine Epoche, wo es der Welt, welche
es noch nicht genug fürchtet, gegenüber wagt) und
zerschellte damit am Felsen. Sie saß machtlos, mutlos in
eintöniger Arbeitsamkeit in ihrem Winkel; sie konnte sich
nicht wehren, als sie ihre erste Liebe aufgeben sollte; sie
konnte nur in ihr Herz hinein weinen, und das ist viel
schlimmer, als wenn es einem erlaubt ist, sich die Augen
auszuweinen. Verwundet im Innersten, im Innersten
verblutend, zurückgestoßen von allen Seiten, von allen
Seiten belächelt und verhöhnt, wußte sie sich keinen Rat,
und als mein Vater zu ihr kam, da war's zu spät, sie zu
heilen. Das Schicksal kann ganz im stillen, ganz leise, leise,
viel grausamer und erbamungsloser sein als in dem Donner,
mit welchem es dann und wann über die Welt hinfährt. Es
kann sogar grausam sein in der Hülfe, welche es in der
letzten, höchsten Not darbietet oder von ferne zeigt.
(Wilhelm Raabe: Drei Federn, S. 61)
Im Verhältnis zu dem langen, strengen, kampfvollen Leben,
welches mein Teil auf Erden gewesen war und welches ich
nicht in diese Bogen legen kann, wie ein junges Mädchen ein
Vergißmeinnicht in ihrem Stammbuch aufbewahrt, war das,
was heute an diesem zweiten November 1861
geschah, wenig bedeutend; aber es jagte mich aus meinem
letzten Versteck. Zum erstenmal gab ich etwas auf das
Urteil der Welt, zum erstenmal fürchtete ich, mich lächerlich
zu machen; ich erhängte mich nicht. Ob ich diese Furcht vor
dem Urteil anderer Leute auch morgen, übermorgen, in vier
Wochen noch haben würde, war freilich eine zweite Frage.
(Wilhelm Raabe: Drei Federn, S. 179)
Suppe zu essen, hatte Frank immer schon als unangenehm
empfunden, man konnte soviel falsch machen dabei, und
wenn man nicht schlürfen durfte, und bei seiner Mutter
durfte man nicht schlürfen, und die Suppe außerdem heiß
war, und bei seiner Mutter war sie immer sehr heiß,
dann mußte man dauernd pusten und das wiederum nicht zu
stark und nicht zu schwach, und den Mund verbrannte man
sich schließlich doch, und das machte ihn immer
aggressiv, das Schlürf-Verbot ist eine der dümmsten
Erfindungen der bürgerlichen Gesellschaft, dachte er,
das macht aggressiv, wiewohl er sich nicht sicher war,
ob es nicht einfach bloß eine Erfindung seiner Mutter
war, da müßte man sich mal erkundigen, dachte er,
während er pustete und löffelte und sich den Mund
verbrannte und sich zugleich mit seiner Mutter
anschwieg, obwohl das vielleicht sowieso in eins
zusammenfällt, die bürgerliche Gesellschaft und die
eigene Mutter. (Sven Regener: Neue Vahr Süd, S. 628)
Joan richtete sich auf. "Ravic", sagte sie. "Du weißt,
daß es nicht wahr ist, daß man nur einen Menschen
lieben kann. Es gibt Menschen, die können nur das. Sie
sind glücklich. Und es gibt andere, die durcheinander
geworfen werden. Du weißt das." Er zündete sich seine
Zigarette an. Ohne hinzusehen, wußte er, wie Joan
aussah. Blaß, die Augen dunkel, still konzentriert,
fast flehend fragil - und nie umzubringen. Sie hatte
ebenso ausgesehen an dem Nachmittag in ihrer Wohnung -
wie ein Engel der Verkündung, voll von Glauben und
schwebender Überzeugung, der vorgab, einen retten zu
wollen, während er einen langsam ans Kreuz zu schlagen
versuchte, damit man ihm nicht entkam. (Erich Maria
Remarque: Arc de Triomphe, S. 282/83)
Die Sonne scheint in das Büro der Grabdenkmalsfirma
Heinrich Kroll & Söhne. Es ist April 1923, und das
Geschäft geht gut. Das Frühjahr hat uns nicht im
Stich gelassen, wir verkaufen glänzend und werden
arm dadurch, aber was können wir machen - der Tod
ist unerbittlich und nicht abzuweisen, und
menschliche Trauer verlangt nun einmal nach
Monumenten in Sandstein, Marmor und, wenn das
Schuldgefühl oder die Erbschaft beträchtlich sind,
sogar nach dem kostbaren, schwarzen schwedischen
Granit, allseitig poliert. Herbst und Frühjahr sind die
bestens Jahreszeiten für die Händler mit den
Utensilien der Trauer - dann sterben mehr Menschen
als im Sommer und im Winter -; im Herbst, weil die
Säfte schwinden, und im Frühjahr, weil sie erwachen
und den geschwächten Körper verzehren wie ein zu
dicker Docht eine zu dünne Kerze. (Erich Maria
Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 7)
Georg Kroll ist knapp vierzig Jahre alt; aber sein Kopf
glänzt bereits wie die Kegelbahn im Gartenrestaurant
Boll. Er glänzt, seit ich ihn kenne, und das ist jetzt
über fünf Jahre her. Er glänzt so, daß im
Schützengraben, wo wir im selben Regiment waren,
ein Extrabefehl bestand, daß Georg auch bei ruhigster
Front seinen Stahlhelm aufbehalten müsse - so sehr
hätte seine Glatze selbst den sanftmütigsten Gegner
verlockt, durch einen Schuß festzustellen, ob sie ein
riesiger Billardball sei oder nicht. (Erich Maria
Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 9)
Ich reiße die Knochen zusammen und melde:
Hauptquartier der Firma Kroll und Söhne! Stab der
Feindbeobachtung. Verdächtige Truppenbewegungen
im Bezirk des Pferdeschlächters Watzek." "Aha!" sagt
Georg. "Lisa bei der Morgengeymnastik. Rühren Sie,
Gefreiter Bodmer! Warum tragen Sie vormittags keine
Scheuklappen wie das Paukenpferd einer
Kavalleriekapelle und schützen so Ihre Tugend?
Kennen Sie die drei kostbarsten Dinge des Lebens
nicht?" "Wie soll ich sie kennen, Herr
Oberstaatsanwalt, wenn ich das Leben selbst noch
suche?" "Tugend, Einfalt und Jugend", dekretiert
Georg. "Einmal verloren, nie wieder zu gewinnen! Und
was ist hoffnungsloser als Erfahrung, Alter und kahle
Intelligenz?" "Armut, Krankheit und Einsamkeit",
erwiderte ich und rühre. "Das sind nur andere Namen
für Erfahrung, Alter und mißleitete Intelligenz." (Erich
Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 9)
Alles, was Niebuhr angerichtet hat, ist durch den Tod
weggewischt. Er ist ein Ideal geworden. Der Mensch,
der immer ein erstaunliches Talent zur
Selbsttäuschung und Lüge hat, läßt es bei
Todesfällen besonders hell glänzen und nennt es
Pietät. Das erstaunlichste aber ist, daß er das, was er
dann behauptet, selbst bald so fest glaubt, als hätte
er eine Ratte in einen Hut gesteckt und gleich darauf
ein schneeweißes Kaninchen herausgezogen. (Erich
Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 21)
Die Pfarrer beider Bekenntnisse haben morgens in der
Kirche zelebriert; jeder für seine Toten. Der
katholische Pfarrer hat den Vorteil dabei gehabt;
seine Kirche ist größer, sie ist bunt bemalt, hat bunte
Fenster; Weihrauch, brokatene Meßgewänder und
weiß und rot gekleidete Meßdiener. Der Protestant
hat nur eine Kapelle, nüchterne Wände, einfache
Fenster, und jetzt steht er neben dem katholischen
Gottesmann wie ein armer Verwandter. Der Katholik
ist geschmückt mit Spitzenüberwürfen und umringt
von seinen Chorknaben; der andere hat einen
schwarzen Rock an, und das ist seine ganze Pracht.
Als Reklamefachmann muß ich zugeben, daß der
Katholizismus Luther in diesen Dingen weit überlegen
ist. Er wendet sich an die Phantasie und nicht an den
Intellekt. Seine Priester sind angezogen wie die
Zauberdoktoren bei den Eingeborenenstämmen; und
ein katholischer Gottesdienst mit seinen Farben,
seiner Stimmung, seinem Weihrauch, seinen
dekorativen Gebräuchen ist als Aufmachung
unschlagbar. Der Protestant fühlt das; er ist dünn und
trägt eine Brille. Der Katholik ist rotwangig, voll und
hat schönes, weißes Haar. (Erich Maria Remarque:
Der schwarze Obelisk, S. 93)
"Ich bin fromm erzogen worden", seufzt Bambuss.
"Ich bin mit der Angst vor der Hölle und der Syphilis
groß geworden. Wie kann man da bodenständige Lyrik
entwickeln?" "Du könntest heiraten." "Das ist mein
dritter Komplex. Angst vor der Ehe. Meine Mutter hat
meinen Vater kaputtgemacht. Durch nichts als
Weinen. Ist das nicht merkwürdig?" "Nein", sagen
Hungermann und ich unisono und schütteln uns
darauf die Hand. Es bedeutet sieben weitere Jahre
Leben. Schlecht oder gut, Leben ist Leben - das merkt
man erst, wenn man gezwungen wird, es zu riskieren.
(Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 171)
Frau Kroll steckt ihren grauen Kopf heraus. "Wollt ihr
einen frischen Rollmops und eine Gurke dazu?"
"Unbedingt! Mit einem Stück Brot. Das kleine
Dejeuner für jede Art von Weltschmerz", erwidert
Georg und reicht mir mein Glas. "Hast du welchen?"
"Ein anständiger Mensch in meinem Alter hat immer
Weltschmerz", erwidere ich fest. "Es ist das Recht der
Jugend." "Ich dachte, man hätte dir die Jugend beim
Militär gestohlen?" "Stimmt. Ich bin immer noch auf
der Suche nach ihr, finde sie aber nicht. Deshalb habe
ich einen doppelten Weltschmerz. So wie ein
amputierter Fuß doppelt schmerzt." Das Bier ist
wunderbar kalt. Die Sonne brennt uns auf die
Schädel, und auf einmal ist, trotz allen Weltschmerz,
wieder einer der Augenblicke da, wo man dem Dasein
sehr dicht in die grüngoldenen Augen starrt. ich trinke
mein Bier andächtig aus. Alle meine Adern scheinen
plötzlich ein Sonnenbad genommen zu haben. "Wir
vergessen immer wieder, daß wie nur kurze Zeit
diesen Planeten bewohnen", sage ich. "Deshalb
haben wir einen völlig irrigen Weltkomplex. Den von
Menschen, die ewig leben. Hast du das schon
gemerkt?" "Und wie! Es ist der Kardinalfehler der
Menschheit. An sich ganz vernünftige Leute lassen
grauenhaften Verwandten auf diese Weise Millionen
von Dollars zukommen, anstatt sie selbst zu
verbrauchen." (Erich Maria Remarque: Der schwarze
Obelisk, S. 157f.)
Die Damen begrüßten sich wie lächelnde
Kriminalpolizisten. "Welch hübsches Kleid, Gerda",
gurrte Renee. "Schade, daß ich so etwas nicht tragen
kann! Ich bin zu dünn dazu." "Das macht nichts",
erwidert Gerda. "Ich fand die vorjährige Mode auch
eleganter. Besonders die entzückenden
Eidechsenschuhe, die du trägst. Ich liebe sie jedes
Jahr mehr." Ich sehe unter den Tisch. Renee trägt
tatsächlich Schuhe aus Eidechsenleder. Wie Gerda
das im Sitzen sehen konnte, gehört zu den ewigen
Rätseln der Frau. Es ist unverständlich, daß diese
Gaben des Geschlechts nie besser praktisch
ausgenützt worden sind - zur Beobachtung des
Feindes in Fesselballons bei der Artillerie oder für
ähnliche kulturelle Zwecke. (Erich Maria Remarque:
Der schwarze Obelisk, S. 182)
"Da sehen Sie es", sagte Heinrich bitter zu
Riesenfeld. "Dadurch haben wir den Krieg verloren.
Durch die Schlamperei der Intelektuellen und durch
die Juden." "Und die Radfahrer", ergänzt Riesenfeld.
"Wieso die Radfahrer?" fragt Heinrich erstaunt.
"Wieso die Juden?" fragt Riesenfeld zurück. Heinrich
stutzt. "Ach so", sagt er dann lustlos. "Ein Witz."
(Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 193)
"Haben Sie schon beobachtet, daß Priester und
Generäle meistens steinalt werden?" frage ich
Wernicke. "Der Zahn des Zweifels und der Sorge nagt
nicht an ihnen. Sie sind viel in frischer Luft, sind auf
Lebenszeit angestellt und brauchen nicht zu denken.
Der eine hat den Katechismus, der andere das
Exerzierreglement. Außerdem genießen beide größtes
Ansehen. Der eine ist hoffähig bei Gott, der andere
beim Kaiser." (Erich Maria Remarque: Der schwarze Obelisk, S. 119)
Der Teufel Beremoalbo, das war ein ganz widerlicher
Teufelskerl, einer von den Schlimmsten, die hier je
aufgetaucht sind, außerdem hat der hier schändlich
gehaust, und dann stieß er so ein Pfeifen aus und ein
höllisches Lachen hohohoho, mit einem Teufelshauch,
als ganz, ganz anders. Er kam zu den Leuten an die
Tür, und auf seinen Lippen explodierte jeder
Buchstabe: "Guten Abend. Mein Name ist
Beremoalbo." Und dann gute Nacht Matilde, da kam
nur noch eine Scheußlichkeit nach der andern, in
Windeseile. Die Milch wurde sauer, Frauen hatten
Fehlgeburten, Kinder bekamen Durchfall, die Rinder
kriegten Würmer, das Wasser faulte in den
Tonkrügen, Nagelgeschwüre, alte Jungfer entehrt,
Dach vom neuen Haus geweht, alles, was nur denkbar
ist. Der Kerl hatte eine scheußliche Stimme, eine
dunkle Grabesstimme, es hörte sich schauerlich an so
mitten in der Nacht, "mein Name ist Beremoalbo",
man muß sich das vorstellen. (Joao Ubaldo Ribeiro:
Der Heilige, der nicht an Gott glaubt, S. 94)
Vor einigen Jahren hörte ich bei einer Tagung der
Katholischen Akademie in München zum Thema "Frau und
Priestertum" einen hinter mir sitzenden jungen Kleriker
zu seinen beiden Amtsbrüdern ziemlich laut sagen: "Pfui
Teufel, eine menstruierende Frau am Altar". Ich wandte
mich um und wies ihn darauf hin, daß es Frauen noch nie
in den Sinn kam, öffentlich zu sagen: Pfui Teufel, ein
Mann am Altar, der nachts eine Pollution hatte. Wie
unheimlich tief wir noch in Atavismen stecken. Wie
unheimlich mächtig das Patriarchat noch ist, auch wenn
der Mann noch so abgewirtschaftet hat. (Luise Rinser:
Kriegsspielzeug. Tagebücher 1972-1978)
Streitgespräch mit einem Erzkonservativen. Es geht um den
Begriff des Sozialismus heute. Schon mischen sich Emotionen
in unsre Diskussion, da fährt, mitten im Satz, ein Blitz auf
mich herunter: die Erkenntnis von der profunden Torheit
dieses Streits. Was wollen wir denn erreichen? Daß der
andre auf gleiche Art das Gleiche denkt? Sollten alle gleich
denken? Das wäre schrecklich: das Leben stünde still vor
Langeweile, vor Spannungs-Mangel. Leben ist, wo Spannung
ist, und Spannung ist zwischen Spruch und Widerspruch. Der
Spruch heißt: beharren, der Widerspruch: Weitergehen.
(Luise Rinser: Kriegsspielzeug. Tagebuch 1972-1978, S.
38)
Platons 'Gastmahl' wieder einmal gelesen. (Zum ersten Mal
las ich es 1929 in einer Reclamausgabe, die ich noch
besitze, Name und Jahreszahl sind darin vermerkt. Ich war
achtzehn.) Jedesmal bin ich von einer andern Stelle
betroffen. Dieses Mal ist es der Satz Albikiades in seiner
Lobrede aus Sokrates: "Von ihm wurde ich oftmals in eine
Stimmung versetzt, in der mir das Leben unerträglich
schien, wenn ich so bliebe, wie ich bin." Ich kenne keine
größere Qual, als zu erfahren, daß ich einen Rückschritt
gemacht habe, und keine heißere Angst als die,
"stehenzubleiben." (Ich spreche nicht von meiner
literarischen Arbeit, obgleich sie mit dem andern
zusammenhängt.) (Luise Rinser: Kriegsspielzeug. Tagebuch
1972-1978, S. 162)
Ich habe mich der schwierigen Gnade, "geistige Unruhe"
genannt, ausgesetzt. Konkret heißt das: ich habe alles
Neue, auch wenn es mir nicht gefiel, aufgenommen, es
intensiv durchlebt, aber nicht eingenistet, sondern bin
hindurchgegangen, immer bereichert. (...) Es ist bequemer,
sich ein für allemal irgendwo einzunisten und zu sagen: so,
ich bin angekommen, und da bleibe ich. Aber das zu tun,
bedeutet sich der Sünde der geistigen Trägheit schuldig
machen und sich vom wirklichen Leben abschneiden. (Luise
Rinser: Kriegsspielzeug. Tagebuch 1972-1978, S. 97f.)
Lernen wir nur unter äußerstem Druck die Liebe?
Geschieht die Mutation des Menschengeschlechts nur
durch Katastrophen? Warum erschrecke ich bei dem
Gedanken, daß Katastrophen notwendig sind? Weil ich ein
Bild sehe: in wenigen Jahren vielleicht sitzen die paar
Überlebenden so beisammen in Höhlen unter den
radiumverseuchten Trümmern der alten Welt. Nicht
erschrecken: die Überlebenden leben. Sie lernen die
Liebe. Äußerste Not als die große Chance für die
Evolution. Man muß in die Ferne denken dürfen. Ins
Grenzenlose. In neue Geist-Räume muß man sich vorwagen,
damit man den Schmerz des Augenblicks erträgt. (Luise
Rinser: Winterfrühling. 1979-1982, S. 100)
Was ist Phantasie? Der Blick hinter den Vorhang der
plumpen äußeren Wirklichkeit, das Sehen der In-Bilder,
denen die äußeren Dinge nachgebildet sind und die nur
bestehen, weil sie in der Phantasie vorgebildet sind.
Sagen Sie: Leben Sie nur mit greifbar nützlichen
Gegenständen? Wissen Sie, daß der Mensch sterben muß,
läßt man ihn nicht träumen? Die Seele verhungert in der
puren Faktizität, die Menschheit verhungert an ihrem
Mangel an Mythen und Phantasie, an echten Utopien und
Religionen. (Luise Rinser: Winterfrühling. 1979-1982,
S. 108)
Unser aller geheimer und offener Wunsch, der
Eigenverantwortung enthoben zu sein, einem Kollektiv-
Gewissen gehorchen zu dürfen, zu dienen ohne zu denken,
aufgehoben zu sein in der Ordnung, nicht so entsetzlich
frei zu sein, so fehlbar durchs eigene Gewissen, so
scharf gefordert zu einsamen Entscheidungen, so dem
Zweifel hingeworfen. Einen Führer wollen wir, einen
Papst, einen Guru, einen guten Diktator. Was wir
wollen, das ist der Messias, der uns zurückführt
ins Paradies, in den Erden-Mutterschoß, in die
frühe Kindheit. (Luise Rinser: Winterfrühling.
1979-1982, S. 177)
Sie konnte wunderbar erzählen, sie liebte es, ihre
Geschichten auszuschmücken mit allen Einzelheiten, sie
war die geborene Erzäherlin. Das Talent hat sie mir
vererbt. Sie hat es mir später mißgönnt, als ich mir
damit einen Namen machte. Sie fand meine Bücher nie
lobenswert. Sie ignorierte sie, auch wenn sie sie las.
Nun, das Schicksal hat ihre Gene mir so gebündelt
übergeben, daß ich Schriftstellerin werden mußte. Eben
sagt mir mein Vatter, daß meine Mutter später mit mir
und meinen Büchern schier geprahlt hat. Später, ja
später, als ichs nicht mehr brauchte. (...) (Luise
Rinser: Den Wolf umarmen, S. 56)
Offenbar fehlte meinem Vater doch etwas in dieser Ehe:
Wärme. Manchmal sagte er zu meiner Mutter: "Du kalte
Sailer", und das schnappte das Kind auf. Vaters Mutter
war die Wärme in Person. Suchte er in seiner Ehefrau
die Mutter? Die fand er nicht. Das einzige, was sie
nicht geben konnte: naturhaft mütterliche Wärme. Meine
Mutter war nicht gefühlsarm, das nicht, aber das Gefühl
saß in ihrem Gehirn, es setzte sich ohne Umweg über das
Herz in Tat um: sie hätte sich in Stücke zerreißen
lassen für ihren Mann. Wenn er seine Depressionen
hatte, kochte sie ihm seine Lieblingspeisen und redete
ihm die Schatten weg. Aber mitgelitten hat sie nie. Das
konnte sie nicht. das war meine Sache: ich litt, wenn
er litt. Und er litt viel. Nicht nur an seinem Buckel.
Er war im Zeichen der Fische geboren: in der dunklen
Meerestiefe. Sein Reich war undurchschaubar. Das
Himmelslicht drang nur gebrochen bis dort hinunter, wo
der Fisch sich zwischen Steinen und Algen verbarg. Ein
stummer Fisch. Oft sagte der Vater: "Trappist hätte ich
werden sollen." Ich meine, er hätte es werden können:
er war schweigsam, still, fromm, ein Beter, ein
Einsamer. (Luise Rinser: Den Wolf umarmen, S. 57)
Mein Vater und ich hatten außer dem Interesse für
Politik noch etwas gemeinsam: die Musik. Daß wir sie
gemeinsam hatten, schloß uns immer wieder einmal ab
gegen die stock-unmusikalische Mutter. Er gab mir früh
Klavierstunden. Wozu braucht sie das? sagte die Mutter.
Sie soll mir lieber im Haushalt helfen und kochen
lernen, ein Mädchen muß kochen können. Sie mochte auch
nicht, wenn der Vater mit Kollegen musizierte. Es gab
einmal eine junge Lehrerin im Haus, die gut sang. Mein
Vater begleitete sie am Klavier. Die mit ihrer
Singerei, sagte die Mutter. Einen Seitensprung in ein
fremdes Bett hätte sie vielleicht verziehen, aber daß
ihr Mann sich mit dieser Singperson am hellen Tag bei
offener Zimmertür in ein Reich begab, das ihr
verschlossen war, das konnte sie nicht dulden. Da
entglitt er ihr. Das war ein Ehebruch. (Luise Rinser:
Den Wolf umarmen, S. 79f.)
"Wer die Magenfrage löst, der hat das Problem der
Demokratie gelöst", so hatte der Münchner
Polizeipräsident gesagt. War er ein Zyniker oder nur
einfach ein Realist oder ein Pessimist durchs
Berufserfahrung? Auf jeden Fall: er hat recht behalten.
Und Adenauer, der erste Bundeskanzler, dachte nicht
anders. So begann das neue alte Leben. Das Kriegsende
war ein Graben, der ganz rasch zugeschaufelt,
glattgewalzt und überbaut wurde mit Kasernen,
Warenhäusern, Fabriken, Banken, Kirchen und
Reihenhäusern für zufriedene mürrische Bürger. Die
vertane Chance. Die nicht-gelernte Schicksalaufgabe.
Kein radikaler Neubeginn, sondern nur ein weiterer Akt
im bürgerlichen Trauer-Lustspiel. (Luise Rinser: Den
Wolf umarmen, S. 404)
Wofür müssen Kinder ihren Eltern eigentlich dankbar
sein? Nicht das Kind ist verantwortlich für sein
Dasein. Kann es dafür, daß ein Mann und eine Frau den
Beischlaf vollziehen, bei dem sie, meist wenigstens,
nichts denken und nur ihre Lust haben? Dafür
Dankbarkeit fordern? Oder dafür, daß diese Eltern dann
das Gezeugte und Geborene ernähren? Das ist ihre
Pflicht, staatlich geregelt. Mir ist es nie in den Sinn
gekommen, von meinen Kindern Dankbarkeit zu verlangen.
Wofür auch. Vielleicht hätte ich sie um Verzeihung
bitten müssen, daß ich sie einer bösen Zeit ausgesetzt
habe. (Luise Rinser: Den Wolf umarmen, S. 58)
Als Kind mußte ich Kohlweißlinge jagen und die Raupen
vom Kohl zwischen zwei Brettchen zerquetschen. Eine
häßliche Arbeit. Ich drückte mich, wo ich konnte. Heute
rette ich jeden Falter in meinem Garten. Immer weniger
gibt es. Die schönen großen, Pfauenauge und
Trauermantel und andre mittelmeerische, gibt es nicht
mehr. Überlebt haben bis jetzt die Kleinen und
Kleinsten. Klein sein, damit das Schicksal einen
übersieht. (Luise Rinser: Wachsender Mond. 1985-1988)
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